# taz.de -- Kanzler Merz in China: Das deutsche Feuerpferdchen lahmt
> Der Kanzler reist in Peking mit großer Wirtschaftsdelegation an, doch auf
> dem hohen Ross sitzt er nicht: Die Machtbalance hat sich verschoben.
(IMG) Bild: Reist mit kleinem Gepäck: Bundeskanzler Friedrich Merz
Das Jahr des Feuerpferdes hat in China begonnen, und es verspricht Stärke,
Dynamik und Unabhängigkeit. Wenn der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz
am Mittwoch in Peking eintrifft, dann wird er allerdings nicht auf einem
Feuerpferdchen angaloppiert kommen.
Wie einst seine Vorvorgängerin im Amt, Angela Merkel, reitet der deutsche
Kanzler in China zwar mit großer Wirtschaftsdelegation ein – rund 30
Unternehmensvertreter:innen vom DAX-Konzern bis zum Mittelständler
begleiten ihn auf seinem Antrittsbesuch.
Doch die Zeiten haben sich geändert und [1][die Machtbalance zwischen
Peking und Berlin hat sich verschoben]. China ist eine Großmacht, die
zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Der Warenstrom zwischen der Nummer
zwei und Deutschland – immerhin noch Nummer drei – verläuft heute vor allem
von Ost nach West. Das deutsche Handelsbilanzdefizit gegenüber der
Volksrepublik wuchs 2025 auf fast 90 Milliarden Euro.
Was auch daran liegt, dass der chinesische Staatskapitalismus die eigenen
Waren subventioniert und die Währung abwertet, um die Exporte günstig zu
halten. Der Internationale Währungsfonds hat dies vergangene Woche in einem
Länderbericht so deutlich wie nie zuvor angeprangert.
## „Steuern auf systemische Abhängigkeit zu“
Zudem hat China ein De-facto-Monopol über jene Rohstoffe, die für praktisch
sämtliche Zukunftstechnologien unerlässlich sind, und nutzt dieses aus.
Eine [2][erste Machtdemonstration hat Xi Jinping im Vorjahr hingelegt], als
er plötzlich Chinas Exporte seltener Erden beschränkt hat.
Das alles weiß man im Kanzleramt, das weiß auch Merz: „An China kommt
niemand mehr vorbei“, so der Kanzler vor seiner Abreise am Dienstagabend.
Der Kanzler habe sich auf diese Reise akribisch vorbereitet, heißt es aus
seinem Umfeld. Er ließ sich vergangene Woche von Expert:innen briefen
und stimmt sich eng mit der EU ab. Nur wenn man sich in Deutschland und in
Europa einig sei, dann könne man auch eine ausgewogene Partnerschaft mit
China gestalten, so Merz.
Wie die künftig aussehen soll? „Wir wollen und müssen eine Politik des
„derisking“ betreiben“, sagte Merz am Flughafen und schränkte sogleich ein:
Es wäre ein Fehler, damit eine Entkopplung von China zu verbinden. Mit
einer solchen Politik würde sich Deutschland nur selbst schaden.
Mikko Huotari, Leiter der Berliner Denkfabrik Merics, ist skeptisch. Dass
nämlich Merz mit einer Wirtschaftsdelegation von rund 30 Unternehmenschefs
im Schlepptau nach Peking reist, stehe im krassen Gegensatz zur
ausgegebenen Maxime, die wirtschaftlichen Abhängigkeiten gegenüber der
Volksrepublik zu mindern. Dementsprechend ambivalent fällt Huotaris
Bestandsaufnahme aus: „Meiner Ansicht nach steuern wir auf eine deutlich
stärkere systemische Abhängigkeit von China zu.“
## Eher leise Töne denn laute Kritik
Donnernde Worte zu Chinas militärischen Muskelspielen vor Taiwan, wie sie
Merz zuletzt auf der Münchener Sicherheitskonferenz vortrug – „China erhebt
einen globalen Gestaltungsanspruch“ –, oder scharfe Töne zur Inhaftierung
von Demokratieaktivist:innen sind vom Bundeskanzler in Peking kaum
zu erwarten. Vielmehr will der Kanzler mit Xi darüber reden, wie sich der
Wettbewerb fair und transparent gestalten lässt. Dabei will Merz auch die
chinesischen Überkapazitäten, Zugangsrestriktionen und
Ausfuhrbeschränkungen ansprechen, „die den Wettbewerb verzerren und
verhindern“.
Pekings Parteiführung vertritt die Ansicht: Wer am chinesischen Markt
partizipieren möchte, muss sich auch in politischen Fragen loyal zeigen.
Schon früher wurde Kritik an Menschenrechtsfragen nur zähneknirschend
geduldet. Mittlerweile werden deutsche Delegationen auch mal lautstark
zurechtgewiesen, wenn sie Chinas Unterstützung Russlands anprangern.
Den russischen Krieg in der Ukraine will Merz ebenfalls ansprechen. Wie er
bei anderen Gelegenheiten schon betonte, gebe es genau drei Menschen, die
ihn beenden könnten: Wladimir Putin, Donald Trump und Xi Jinping. Ohne die
politische Unterstützung Xis und die Lieferung von militärisch relevanten
Dual-Use-Gütern könnte Putin seinen Krieg nicht in dieser Brutalität
fortführen. „China hat eine große Möglichkeit, seinen Einfluss hier geltend
zu machen, und es wird ein Faktor sein“, sagte Merz. „Pekings Stimme wird
gehört, auch in Moskau.“
## Merz in der zweiten Reihe
Eine gemeinsame Pressekonferenz mit Xi ist nicht vorgesehen. Dabei gibt es
durchaus Schnittmengen, [3][aktuell die Zollpolitik des amerikanischen
Präsidenten], unter der alle Volkswirtschaften leiden. Schon nächste Woche
wird Merz diese Themen im Weißen Haus mit Donald Trump besprechen. Kann der
Kanzler seine Chinareise also nutzen, um die eine Großmacht gegen die
andere auszuspielen? Wohl kaum.
Es ist offensichtlich, dass Pekings Führung dem Besuch von Merz keine allzu
hohe Priorität einräumt. Zum einen hat dies mit dem bevorstehenden
Nationalen Volkskongress zu tun, der bereits in der ersten März-Woche in
der Pekinger Großen Halle des Volkes eröffnet wird. Hinzukommt, dass
US-Präsident Trump bereits am 31. März in Peking landen wird, wie das Weiße
Haus kurz zuvor angekündigt hat. Und während Trump als ebenbürtig
betrachtet wird, ist die Bedeutung eines deutschen Kanzlers mittlerweile in
die zweite Reihe gerückt.
24 Feb 2026
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