# taz.de -- Münchner Sicherheitskonferenz: Es war einmal der Westen
> US-Außenminister Rubio erhält in München Applaus für rechts-identitäre
> Ansagen. Auch die US-Opposition reagiert ratlos. Merz beeindruckt die
> SPD.
(IMG) Bild: Marco Rubio, US-Außenminister, nach seiner Rede
Abends gegen 23 Uhr kann man eigentlich schon mal nostalgisch werden. Doch
wenn Hillary Clinton gegenüber Sergej Lawrow solche Gefühle hegt, lässt sie
es sich nicht anmerken. Es ist genau 15 Jahre her, dass die damalige
US-Außenministerin auf der Münchner Sicherheitskonferenz mit ihrem
russischen Amtskollegen [1][den atomaren Abrüstungsvertrag New Start]
ratifizierte. „Es ist ein großer Fehler, dass man erlaubt hat, das Abkommen
auslaufen zu lassen“, sagt Clinton in der Nacht zu Sonntag nun auf
derselben Bühne wie damals.
Das Gespräch mit Clinton findet in einem kleinen Saal am Rande des Hotels
Bayerischer Hof in München statt; gedimmtes Licht, schicke Anzüge, und an
der Tür kann man sich auf Einladung der Rockefeller Foundation einen
Rotwein einschenken. Es sind die lockeren Gesprächsformate, die das
Geschehen auf der 62. Sicherheitskonferenz prägen. Der Ton ist lässig,
obwohl die Formate aus einer Zeit stammen, in denen auf der explizit
transatlantischen Konferenz die Welt noch als handhabbar galt.
Auch New Start entsprang einer Ordnung, in der die USA ihre globale
Vormachtstellung nicht nur militärisch, sondern auch diplomatisch so zu
nutzen wussten, dass sie Staaten wie Russland einhegen konnten. Die
nukleare Abrüstung war für alle Seiten ein Gewinn: Russland und die USA
reduzierten ihre Ausgaben und verringerten durch gegenseitige Kontrolle das
Risiko einer weltweiten nuklearen Eskalation. Der Angriff Russlands gegen
die Ukraine vor vier Jahren hat auch diese Ordnung zerschlagen.
Hinzu kommt, was am Wochenende als der Elefant im Raum galt: Nicht nur
Russland bedroht die Weltordnung, der Westen ist in sich zerstritten.
[2][Donald Trump zersetzt mit seiner Präsidentschaft alte Bündnisse wie die
Nato so, dass sich gern gehegte Gewissheiten der Macht auflösen.] Dieser
Bruch war das bestimmende Thema auf der Tagung, für die etwa 60 Staats- und
Regierungschefs teilweise samt ihrer Kabinette nach München gereist waren.
## Applaus für Fürsprecher der Neuen Rechten
Auch Hillary Clinton sprach auf dem Panel mit Ministern aus Polen,
Tschechien und Bulgarien über das, was sie als „West-West Divide“
bezeichneten. Das Podium wollte eine Spurensuche darüber versuchen, was von
den „gemeinsamen Werten“ des Westens noch übrig sei. Und um es
vorwegzunehmen: Es ist nicht viel – jenseits von rechten Bündnissen. Das
machte auch die Rede des US-Außenministers am Samstag deutlich.
Marco Rubio trat bei der Münchner Sicherheitskonferenz ideologisch als
Fürsprecher der Neuen Rechten auf – und fast der gesamte Saal in München
spendete ihm nach seiner Ansprache einen stehenden Applaus. „Wir wollen
nicht unter der Vorgabe leben, dass unsere Lebensweise nur eine unter
vielen ist“, sagte der US-Außenminister zu den Staats- und Regierungschefs,
die unmittelbar vor ihm saßen. Die transatlantischen Beziehungen
bezeichnete er offen als ein Vehikel für eine Vorherrschaft der „westlichen
Zivilisation“, die er wiederum knapp vorm Untergang sah.
„Wir sollten die Möglichkeiten nutzen, um ein neues westliches Jahrhundert
zu schaffen“, so Rubio. Die USA seien bereit, dies alleine zu tun. „Aber
wir hoffen, dass wir dies gemeinsam mit Ihnen, mit unseren Freunden hier in
Europa, tun.“ Verteidigungsminister [3][Boris Pistorius (SPD)] und
Außenminister Johann Wadephul (CDU) hatten während seiner Rede in der
ersten Reihe Platz genommen. Sie waren unter den ersten, die sich nach der
Ansprache des US-Außenministers zu Standing Ovations erhoben.
Der Leiter der Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, sagte anschließend
auf der Bühne zu Rubio, ein „erleichtertes Seufzen“ sei nach dessen Rede
durch den Saal gegangen. Im vergangenen Jahr hatte US-Vizepräsident J.D.
Vance hier schon einmal das Ende des Abendlands beschworen und
„Massenmigration“ dafür verantwortlich gemacht. Der Unterschied in beiden
Reden lag nun im Wesentlichen darin, dass Rubio Europa bei diesen
imaginierten Kämpfen gern dabei wüsste. Das ist eine bittere Erkenntnis
dieser Tagung: Offenes Dominanzgehabe und ethnonationalistische Ideologien
sind nicht der Rede wert, solange das Bekenntnis zum transatlantischen
Bündnis steht.
## Ungewohnt deutliche Kritik von Merz
Auch andere Teile aus Rubios Rede entstammten dem reaktionären Einmaleins.
Der US-Außenminister sprach von einem „Klimakult“, der mit der Abkehr von
fossilen Brennstoffen wirtschaftlichen Interessen schade. Der Idee der
gleichberechtigten Zusammenarbeit von Staaten erteilte er eine Absage. Von
den „Abstraktionen des Völkerrechts“ hielt er wenig – wie überhaupt von
internationalen Regeln: „Wir dürfen die globale Ordnung nicht länger über
die nationalen Interessen unserer Länder stellen.“ Den Krieg in der Ukraine
erwähnte er gar nicht erst.
Am Sonntag, tags darauf, versuchte sich EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas in
einer vorsichtigen Kritik und meinte, Rubio habe seine Rede vor allem an
die Adresse von Wähler*innen in den USA gehalten. Europa-Bashing sei
„gerade sehr in Mode“ und ignoriere, was der Kontinent alles zu bieten
habe. Die frühere estnische Ministerpräsidentin befand, dass Rubio deutlich
gemacht habe, wie sehr „Amerika und Europa miteinander verflochten“ seien,
„auch in Zukunft“.
Dabei hatte Friedrich Merz durchaus einen gegenteiligen Schwerpunkt in
seiner Rede gesetzt, die er einen Tag vor dem US-Außenminister hielt. Der
Bundeskanzler forderte eine starke Europäische Union, bekannte sich zum
Völkerrecht und zum internationalen Klimaschutz. In einer neuen
Deutlichkeit kritisierte der CDU-Politiker und bekennende Transatlantiker
zudem die Regierung von Donald Trump. „Der Führungsanspruch der Vereinigten
Staaten ist angefochten, vielleicht verspielt“, sagte Merz mit zögerlicher
Stimme in seiner Auftaktrede für die Sicherheitskonferenz.
„Wir haben die Schwelle in eine Zeit überschritten, die einmal mehr offen
von Macht und Großmachtpolitik geprägt ist“, so der Kanzler. Deutschland
wolle und werde dieses Spiel nicht mitspielen. Merz verwies dabei auch
mehrfach auf die Nazi-Zeit: Eine Welt, in der nur Macht zähle, sei ein
finsterer Ort, sagte er. „Unser Land ist diesen Weg im zwanzigsten
Jahrhundert bis zum bitteren und bösen Ende gegangen.“ Merz erteilte auch
der Ideologie der Trump-Anhänger eine deutliche Absage: „Der Kulturkampf
der MAGA-Bewegung ist nicht unserer“, so der Bundeskanzler.
Neues Lob für Merz gab es vom außenpolitischen Sprecher der SPD-Fraktion,
Adis Ahmetović. „Der Bundeskanzler hat die beste Rede auf der
Sicherheitskonferenz gehalten“, sagte er im kleinen Kreis am Rande der
Veranstaltung. Er nannte es „exzellent“, dass Merz die Großmachtpolitik
deutlich kritisiert habe. Gleichzeitig zeigte er sich irritiert über die
Standing Ovations für den US-Außenminister.
## China bringt sich in Stellung
Zurückhaltenden Applaus gab es dagegen für die Ansprache des chinesischen
Außenministers Wang Yi, der direkt nach Rubio sprach. Vielfach ging in
München über die permanente Analyse des transatlantischen Bands der Blick
in Richtung anderer Machtstrukturen verloren. China versuchte, sich
angesichts des Bruchs mit den USA als verlässlicher Partner für Europa
darzustellen. Das Land sei kein „systemischer Rivale“ für die EU, und beide
Regionen seien seit Jahrhunderten miteinander verbunden.
Dass man international unterschiedlich Politik betreibe, heiße nicht, dass
man sich nicht auf Augenhöhe begegnen könne, so Wang. In deutlicher
Abgrenzung zur US-Politik brach er eine Lanze für die Vereinten Nationen,
die zwar in der jetzigen Form nicht perfekt, aber immer noch das beste
Instrument seien, das es auf der Welt gebe. „Alle müssen die gleichen
Rechte haben, so können sie ihren Platz in der Weltordnung finden.“ Dass
der Platz Taiwans für immer an der Seite Pekings sei, machte er im selben
Atemzug deutlich. Wer versuche, Taiwan von China zu trennen, sorge für
einen Konflikt, für den man bereit sei.
Merz und seine Berater dürften die Rede Wangs auch in den kommenden Tagen
weiter studieren – der Kanzler plant für Ende Februar einen Besuch in
China. In München war die Delegation deutlich präsent – genauso wie die
Japans und Indiens, deren Vertreter zu prominenten Zeiten auf den Podien
saßen.
Konferenzleiter Ischinger gab sich Mühe, die Verfechter des alten
transatlantischen Bündnisses, die noch übrig sind, auf die Panels zu
ziehen. Aus den USA waren dafür etwa auch der demokratische Gouverneur
Kaliforniens, Gavin Newsom, oder der linke Polit-Popstar Alexandria
Ocasio-Cortez angereist. Ocasio-Cortez bezeichnete Rubios Rede im Anschluss
als „kulturelle Nostalgie“. Sie sagte, sie sei nicht gekommen, um „die Welt
in Isolation versinken zu lassen“. Es gelte, die Partnerschaft zu
vertiefen.
Doch dafür fehlt auch in den USA die Grundlage. Wie der republikanische
US-Senator Thom Tillis während einer Diskussion mit Politico erklärte,
könnten Demokraten und Republikaner sich aktuell nicht einmal darauf
einigen, den „Muttertag offiziell anzuerkennen.“ Dabei skizzierten auch die
Demokraten keinen Weg, die Erosion der transatlantischen Verhältnisse im
Zeichen des Kriegs in der Ukraine zu stoppen oder gar umzukehren – oft
blieb es bei dem reinen Bekenntnis zur werteorientierten Zusammenarbeit und
zu internationalen Institutionen.
Hillary Clinton sagte in ihrem Diskussionsformat, sie hätte es begrüßt,
wäre das Abrüstungsabkommen New Start um ein Jahr verlängert worden. So
hätte man Zeit gewinnen können, um in der Zwischenzeit einen Folgevertrag
auszuhandeln. „Die Trump-Regierung hat das abgelehnt.“ Nun sieht sie die
Verantwortung bei den USA, eine neue nukleare Aufrüstung zu verhindern –
auch wenn Trump neue unterirdische Atomtests angedacht habe. „Das wäre eine
schreckliche Entwicklung.“
15 Feb 2026
## LINKS
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## AUTOREN
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