# taz.de -- dpa-Korrespondent über Taiwan: „Chinas Strategie ist kognitive Kriegsführung“
> China macht Druck, Taiwan übt Resilienz. Deutschland kann von der Insel
> etwas über den Umgang mit Desinformation lernen, sagt Andreas Landwehr.
(IMG) Bild: Kleine Insel, große Frage: Wie lange lässt China Taiwan noch in Ruhe?
taz: Herr Landwehr, was kann man von der taiwanischen Widerstandsfähigkeit
gegen [1][sicherheitspolitischen Druck] lernen?
Andreas Landwehr: Es gibt viele Fragen, die gerade in Taiwan gestellt
werden, die wir uns in Deutschland auch stellen müssen. Wie schaffe ich
einen funktionierenden Zivilschutz oder wie bereite ich ein
Gesundheitswesen auf den Kriegsfall vor? Wie wehre ich mich gegen
Desinformation? Taiwan muss sich gegen eine massive Desinformationskampagne
aus China wehren, und das ist natürlich auch ein Problem, das andere
Länder, wie auch Deutschland, betrifft.
taz: Wie sieht diese Desinformationskampagne aus?
Landwehr: In Taiwan ist das Messaging-System Line sehr verbreitet. Es
funktioniert ähnlich wie WhatsApp, ist aber in seinen Netzwerken noch
stärker verzweigt. Über diese Kanäle werden teils gezielt Informationen
gestreut, die den Anschein einer persönlichen Meinung erwecken, tatsächlich
aber Teil einer Strategie der Volksbefreiungsarmee Chinas sind. Das ist ein
Beispiel für sogenannte kognitive Kriegsführung: Man versucht, öffentliche
Meinungen zu beeinflussen, Entscheidungsprozesse zu destabilisieren und die
Wahrnehmung von Diskussionen zu verzerren. Um dem entgegenzuwirken, ist es
wichtig, schnell zu reagieren und falsche Informationen aufzudecken. In
Taiwan ist man hier besonders fortschrittlich – auch im Bereich Schulungen
zur Medienkompetenz.
taz: Was heißt das konkret?
Landwehr: Es gibt relativ viele zivilgesellschaftliche Organisationen in
Taiwan, die sehr engagiert sind, auch zum Beispiel im Faktencheck gegen die
Desinformationskampagne. Es gibt eine ausgeprägte Freiwilligenkultur. Hinzu
kommt, dass Katastrophen für Taiwan ja auch jetzt nichts Neues sind. Ich
habe dort kürzlich einen besonders schweren Taifun miterlebt und war wieder
überrascht, wie gut damit umgegangen wurde und dass eben auch keine
Menschen ernsthaft zu Schaden gekommen sind. Da funktioniert die
Kooperation der einzelnen Behörden recht gut. Kriegsfall ist natürlich noch
mal schwieriger, weil das auch längerfristig ist.
taz: Sehen sich die Menschen vor Ort als unabhängig von China?
Landwehr: Die große Mehrheit will weiterhin [2][in Ruhe gelassen werden von
China]. Früher, als ich vor vier Jahrzehnten in Taiwan studiert habe, gab
es noch relativ viele, die von Wiedervereinigung gesprochen haben. Seitdem
hat es einen radikalen Identitätswechsel gegeben, durch die zunehmende
Demokratisierung seit den 1990er Jahren. Heute gibt es eine ganz starke,
ausgeprägte taiwanische Identität. Keiner in Taiwan kann sich zudem
vorstellen, unter einem repressiven System wie dem kommunistischen System
zu leben. Und [3][die Erfahrungen in Hongkong] haben ja gezeigt, dass die
Idee von „ein Land, zwei Systeme“ – also die Idee, dass Taiwan unter
chinesischer Kontrolle gleichzeitig autonom bleiben könnte – in der Praxis
nicht funktioniert.
taz: Wie sieht der Widerstand gegen China im Alltag aus?
Landwehr: Interessant finde ich, dass sie sich keine großen Sorgen machen.
Es gibt in Taiwan auch so eine gewisse [4][Bedrohungsmüdigkeit] und die
Menschen stumpfen dann so ein bisschen ab. Häufig hört man „Ja, was soll
ich denn machen?“ Es gibt für viele keinen Plan B und viele haben auch
keinen zweiten Pass, mit dem sie in ein zweites Domizil auswandern könnten.
Das heißt, man muss sich mit der Bedrohung abfinden und weiterleben.
taz: Was bedeutet die wirtschaftliche Stellung der Insel für die
internationale Gemeinschaft?
Landwehr: Ein Konflikt in der Taiwanstraße hätte weit größere Auswirkungen
auf die globale Wirtschaft und auch auf Deutschland, als es der russische
Angriffskrieg in der Ukraine hat. Wir waren ja stark von der
Energieversorgung aus Russland abhängig, aber wir sind noch viel abhängiger
von China. Da geht es um die globalen Lieferketten und die Kontrolle der
Handelswege durch die Taiwanstraße, durch die rund die Hälfte des
weltweiten Containerverkehrs geht. Zudem ist Taiwan ja weltweit führend in
der Halbleiterherstellung. Da gibt es massive Abhängigkeiten für uns alle.
17 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Sicherheit-in-Taiwan/!6152366
(DIR) [2] https://blogs.taz.de/china-watch/wie-bereit-sind-wir-zum-umgang-mit-china-als-weltmacht-lasst-uns-darueber-diskutieren/
(DIR) [3] /Politische-Repression-in-Hongkong/!6138323
(DIR) [4] /Sicherheit-in-Taiwan/!6152366
## AUTOREN
(DIR) Finja Schmidt
## TAGS
(DIR) Taiwan
(DIR) China
(DIR) Geopolitik
(DIR) Hongkong
(DIR) KP China
(DIR) Hybrider Krieg
(DIR) Desinformation
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) China
(DIR) Europa
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kanzler Merz in China: Die neue Normalität
Der Kanzler bemüht sich während seines Besuchs in China um eine Balance
zwischen Freundlichkeit und Kritik. In zentralen Fragen gibt es keine
Einigung.
(DIR) Die EU und die USA: Scheiden tut weh
Europa kann nicht ohne die USA – militärisch, wirtschaftlich und politisch.
Warum das Streben nach Unabhängigkeit sich trotzdem lohnt.
(DIR) Sicherheit in Taiwan: Kriegsgefahr als Hintergrundrauschen
Täglich rechnet man in Taiwan mit einem Überfall der Volksrepublik China,
mit dem Beistand der USA hingegen kaum. Wie bereiten sich junge Leute vor?