# taz.de -- Linke Debatte um Friedenspolitik: Auf der Suche nach Antworten auf eine kompliziertere Welt
> Die Linke arbeitet an einem neuen Programm. Linkenpolitiker:innen
> versuchen, den Streit um die Außen- und Sicherheitspolitik zu
> entschärfen.
(IMG) Bild: Ist das links? Ein zerstörter russischer Panzer im Mai 2022 in der Region um Kyjiw
Die Linke und die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik – das ist von
jeher eine komplizierte Beziehungskiste. Sie sei „eine
internationalistische Friedenspartei, die für Gewaltfreiheit eintritt, ob
im Inneren von Gesellschaften oder zwischen Staaten“, heißt es wohlklingend
in ihrem [1][Grundsatzprogramm aus dem Jahr 2011]. Daraus leite sie ihr
„Engagement gegen Krieg, Völkerrechtsbruch, Menschenrechtsverletzungen und
militärische Denklogiken im Umgang mit Konflikten ab“. Doch was heißt das
konkret?
Wenn es um die Verurteilung von völkerrechtswidrigen
US-Militärinterventionen geht, [2][wie jetzt der im Iran], dann waren und
sind sich die Antimilitarist:innen, Pazifist:innen und
Antiimperialist:innen in der Partei stets schnell einig. Aber nicht
erst seit dem [3][Überfall Russlands auf die Ukraine] ist die Welt
komplizierter geworden. Die Forderung nach einer „Auflösung der Nato und
ihre Ersetzung durch ein kollektives Sicherheitssystem unter Beteiligung
Russlands“ wirkt da nicht mehr ganz so zeitgemäß.
Bis zum Herbst 2027 will die Linke ein neues Grundsatzprogramm erarbeiten.
Als Sprengsatz gilt dabei das Kapitel zu Krieg und Frieden. Jetzt hat sich
ein Autor:innenkreis aus unterschiedlichen Spektren innerhalb der
Partei zusammengetan, um zu einer Entschärfung beizutragen.
Mit dabei sind der EU-Linksfraktionschef Martin Schirdewan und das Bremer
Landesvorstandsmitglied Christoph Spehr, die dem Reformer:innenlager
zugerechnet werden, der bewegungslinke Vize-Parteivorsitzende Ateş
Gürpınar, die NRW-Landesvorsitzende und Pazifistin Kathrin Vogler sowie der
Bundestagsabgeordnete Ulrich Thoden, der der Kommunistischen Plattform
angehört.
„Wir alle haben uns bewegen müssen, um eine gemeinsame Position zu
formulieren“, heißt es in der Vorbemerkung ihres 14-seitigen
Diskussionsaufschlags, das der taz vorliegt. Aber bei aller
Unterschiedlichkeit würden sie glauben, einen „Korridor“ formuliert zu
haben, „in dem wir uns gemeinsam bewegen und politisch handlungsfähig sein
können“. Herausgekommen ist ein insgesamt nachdenkliches Papier, das auf
einfache Antworten verzichtet.
## Bedürfnis nach Sicherheit hat einen neuen Stellenwert
Die Multipolarisierung der Welt, der Rechtsruck in zahlreichen Staaten,
offen artikulierte Territorialansprüche oder laufende Angriffskriege wie
der [4][gegen die Ukraine] hätten in der deutschen und vielen anderen
Gesellschaften „dem Bedürfnis nach Sicherheit vor Krieg und Angriffen einen
neuen Stellenwert gegeben“, konstatieren die Autor:innen, zu denen auch
noch der sachsen-anhaltische Landtagsvizepräsident Wulf Gallert und der
frühere Berliner Wirtschaftssenator Harald Wolf gehören.
Wie bisher wollen sie die Vereinten Nationen stärken, verteidigen die
UN-Charta und „die unbedingte Bindekraft des Völkerrechts“ – und zwar „ohne
jeden Doppelstandard“. Doch dabei belassen sie es nicht.
So verweisen die Linkenpolitiker:innen vielmehr darauf, dass sich
aus der UN-Charta „kein Menschenrechtsnihilismus“ ableiten lasse. Denn in
Fällen von Völkermord, ethnischer Säuberung und Verbrechen gegen die
Menschlichkeit sehe die UN-Charta unter bestimmten Voraussetzungen auch
militärische Interventionsmöglichkeiten vor. Dieser richtige Hinweis fehlt
bislang in der Linken-Programmatik.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Autor:innen eine
Reform des UN-Sicherheitsrates hin zu einer Abschaffung oder Einschränkung
des Vetorechts seiner ständigen Mitglieder für „unumgänglich“ halten. Auch
sprechen sie sich nicht mehr grundsätzlich gegen Sanktionen bei Verstößen
gegen UN-Normen aus. Sie müssten allerdings mit einer klaren Zielsetzung,
wie der Eindämmung von Angriffskriegen, und einem klar definierten Ende bei
Erreichen ihrer Ziele verbunden sein.
Zwar gilt für die Autor:innen weiterhin „das Primat des Zivilen“, das
Militärische könne „nicht der Ausgangspunkt emanzipatorischer Konzeptionen
von Sicherheit“ sein. Mit Blick nicht mehr nur auf die USA, sondern gerade
auch auf Russland stellen sie aber fest, es sei „zur Kenntnis zur nehmen,
dass nicht alle Akteure im Weltsystem sich diesen Standards verpflichten
oder sich von zu erwartender ziviler Verteidigung abschrecken lassen“.
Daher sei es „eine schwere und doch notwendige Aufgabe aus linker
Perspektive, die Frage der Landesverteidigung zu denken, ohne sich dabei
zum Teil der gesellschaftlichen Militarisierungstendenz zu machen“.
## Autor:innen setzen auf die EU
Linke Politik könne „populare Sicherheitsbedürfnisse nicht verneinen oder
als Teil eines falschen, medial manipulierten Bewusstseins abtun“. Sie
stehe vielmehr in der Verantwortung zu sagen, was militärische Verteidigung
für sie bedeute: „Sie meint die Fähigkeit, sich erfolgreich im Falle eines
Angriffs verteidigen zu können, nicht aber die Kapazität, erfolgreiche
Angriffskriege führen zu können.“
Gleichzeitig wenden sich die Linkenpolitiker:innen dagegen,
Sicherheit rein nationalstaatlich zu organisieren. Denn das sei der
„teuerste und gefährlichste mögliche Rückschritt“. Stattdessen setzen sie
hier – und das ist neu – auf die Europäische Union und deren
Beistandsverpflichtung, die „eine glaubwürdige Sicherheitsperspektive
jenseits der Nato möglich“ mache.
Angesichts der offenen Infragestellung der transatlantischen
Sicherheitsversprechen durch die autoritäre Trump-Administration sei es
erforderlich, dass Europa seine „strategische Unabhängigkeit gewinnen und
seine Rolle in der Welt neu definieren“ müsse. Schon [5][die neue
US-Sicherheitsstrategie] zwinge dazu. Damit die EU im Weltsystem eine
ausgleichende und dem internationalen Recht verpflichtende Rolle spielen
kann, müsse sie „Antworten auf Fragen ihrer Energiesouveränität, ihrer
digitalen und sicherheitspolitischen Souveränität finden“.
Und was ist mit der alten Idee einer europäischen Sicherheitsarchitektur
unter Einbezug Russlands? Diese Vision sollte zwar grundsätzlich nicht
aufgeben werden, schreiben die Autor:innen. Aber: „Mit dem jetzigen
russischen Regime ist diese nicht zu erreichen.“
## Keine programmatische Generalrevision
Es ist keine Generalrevision des Linken-Programms, die die
Verfasser:innen unter dem sperrigen Titel „Probleme, Prinzipien und
mögliche Praxen linker Außenpolitik in der multipolaren Welt“ vorgelegt
haben. Das würde allerdings auch nicht dem unveränderten Anspruch,
„Friedenspartei“ zu sein, entsprechen.
Manchen Konflikt im Konkreten umschiffen sie auch durch die Flucht ins
Allgemeine. Was folgt beispielsweise praktisch aus dem postulierten
„Eintreten gegen die russische Invasionspolitik“ in der Ukraine und dem
Hinweis auf das in Artikel 51 der UN-Charta formulierte
Selbstverteidigungsrecht eines angegriffenen Landes? Da fehlt es nach wie
vor an einer gemeinsamen Antwort.
Spürbar ist aber das Bemühen, Wege zu finden, anders als zu den
destruktiven Wagenknecht-Zeiten mit bestehenden Differenzen nicht spaltend
umzugehen. Auffällig ist auch, dass im Gegensatz zur Vergangenheit um die
Sache gerungen wird, die Diskussion über Außen- und Sicherheitspolitik also
nicht mehr nur als Vehikel für den traditionellen wie unerquicklichen
Streit erscheint, die Linke entweder auf fundamentalen Oppositionskurs zu
halten oder „regierungsfähig“ zu machen. Ob das auch so bleibt, wird sich
noch zeigen. Bis zur anvisierten Verabschiedung des neuen
Grundsatzprogramms der Linken ist es noch einige Zeit hin.
2 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.die-linke.de/partei/programm/
(DIR) [2] /US-israelischer-Angriff-auf-den-Iran/!6158773
(DIR) [3] /4-Jahre-Verhandlungen-im-Ukraine-Krieg/!6156778
(DIR) [4] /Vier-Jahre-Krieg-in-der-Ukraine/!6152707
(DIR) [5] /Folgen-der-US-Sicherheitsstrategie/!6134632
## AUTOREN
(DIR) Pascal Beucker
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