# taz.de -- Landtagswahl in Baden-Württemberg: Isch over?
> In Stuttgart geraten Autoindustrie und Stadtkasse unter Druck.
> Absatzkrise, Transformation und Sparzwang treffen eine Region, die vom
> Erfolg lebte.
(IMG) Bild: Kein Interesse an Geschäftsmodellen, „die die Stadt reich machen, aber den Planeten krank“: Hannes Rockenbauch
Wie eine große Wunde klafft die Baustelle des Stuttgarter Bahnhofs mitten
in der Stadt. Maschinen kreischen, Gerüste und Bauzäune verstellen den
Blick. Es ist hässlich und beschwerlich. Die Strecken von den Gleisen
führen Pendler:innen und Reisende durch endlose provisorische Schächte.
„Fernwanderwege“ nennt der bekannte Stuttgart21-Kritiker Hannes Rockenbauch
die Pfade. Längst sollte der Bau des Tiefbahnhofs abgeschlossen sein, der
Milliarden verschlingt. [1][Gerade erst hat sich der Termin für die
Fertigstellung wieder einmal um Jahre verschoben].
Warnungen vor dem Desaster hat es genug gegeben. Doch die wollten die
Verantwortlichen nicht hören. Einst erklärte die damalige Kanzlerin Angela
Merkel, dieses Projekt stehe für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Jetzt
wirkt Stuttgart21 wie ein Menetekel.
Auch die benachbarte Königstraße leidet unter der Großbaustelle. Etliche
Ladenlokale in der Fußgängerzone stehen leer. Dabei ist Stuttgart eine der
wohlhabendsten Städte der Bundesrepublik. Kaufkraft gibt es hier. Doch das
könnte sich ändern. Bosch, Mahle, Mercedes, Porsche – die Geschäfte von
Autoherstellern, Zulieferern und Maschinenbauern in der Region liefen lange
prächtig. Jetzt ist der Motor ins Stottern gekommen. Porsche fährt Verluste
ein, der Gewinn von Mercedes ist eingebrochen. Bosch und Mahle schließen
Werke. Immer mehr Arbeitsplätze gehen verloren, gut bezahlte Jobs mit
Tarifbindung. Die Krise trifft nicht nur Kollege:innen am Band, sondern
auch Ingenieur:innen und Entwickler:innen.
Für die Stadt Stuttgart hat die Krise der Autobranche einschneidende
finanzielle Folgen. Die Gewerbesteuereinnahmen sind im vergangenen Jahr
drastisch eingebrochen: von 1,3 Milliarden Euro auf 750 Millionen. Die
Stadt kürzt im großen Stil im Sozialen und hebt Gebühren an. Das trifft
etwa die Evangelische Gesellschaft (eva). Der größte Anbieter von sozialen
Diensten in Stuttgart prüft noch, wie hart es sie treffen wird. „Es ist für
uns eine ganz neue Situation, dass wir den Status quo senken müssen“, sagt
die Sprecherin. Möglicherweise werden Öffnungszeiten von Beratungsangeboten
eingeschränkt. Gleichzeitig steigt angesichts der Krise wohl der Bedarf
etwa an Schuldner- oder Suchtberatung.
## Der Traum vom deutschen Detroit
In etlichen Berichten über Stuttgart wird die bange Frage gestellt, ob aus
der schwäbischen Metropole das deutsche Detroit wird. Die US-amerikanische
Stadt war einst eine Metropole der Autoindustrie und ist heute von Verfall
gezeichnet. Von solcher Schwarzmalerei hält die Stuttgarter
IG-Metall-Vorsitzende Liane Papaioannou nichts. Auch das Wort Krise findet
sie nicht angemessen. „Die Situation ist schwierig“, sagt sie. „Aber wir
sind nach wie vor das industrielle Herz Baden-Württembergs.“ Sie sieht
nicht den einen durchschlagenden Grund für die schwierige Lage. „Es ist
komplex“, sagt sie.
Da ist der Umstieg der Autobranche auf die E-Mobilität, den nicht jeder
Hersteller und Zulieferer rechtzeitig eingeleitet hat. Die Nachwirkungen
der Coronakrise, Probleme bei den Lieferketten, die schleppende Nachfrage
aufgrund des schwachen Wirtschaftswachstums oder Absatzprobleme in China.
„Die hohen Energiepreise sind ein enormer Killer“, sagt sie. Denn sie
treffen die Autobauer zweifach: Die Produktionskosten sind hoch und
Käufer:innen schrecken davor zurück, ein E-Auto anzuschaffen. Gerade in
diesem Segment müssen die deutschen Hersteller wachsen, denn das ist der
Zukunftsmarkt.
Auch im Landtagswahlkampf für die Wahl am 8. März spielt die Krise eine
Rolle. [2][Nicht nur CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel], auch der Grüne Cem
Özdemir befürwortet ein Aufweichen des harten Verbrenner-Aus. Ursprünglich
sollten ab 2035 in der EU keine Autos mit Verbrennermotor mehr neu
zugelassen werden, jetzt will die EU Ausnahmen zulassen. Das geht in die
richtige Richtung, findet Papaioannou. „Wir brauchen mehr Zeit für die
Transformation.“
Rund 20 Minuten mit der U-Bahn entfernt von der Stuttgart21-Baustelle
befindet sich die Zentrale von Daimler Truck. Das Unternehmen verkauft auf
der ganzen Welt Lastwagen, etwa mit Marken wie Mercedes-Benz, Mitsubishi
Fuso und BharatBenz. Dazu kommen Busse unter anderem der Marke
Mercedes-Benz oder Setra sowie Spezialfahrzeuge wie der Unimog. Fast alle
werden noch von einem Dieselmotor angetrieben. Perspektivisch setzt das
Unternehmen auf den Elektro- und Brennstoffzellenantrieb sowie die
Wasserstoffverbrennung. Im Jahr 2024 setzte der DAX-Konzern gewaltige 54
Milliarden Euro um. Das entspricht mehr als zehn Prozent des
Bundeshaushalts. Für 2025 werden 44 bis 47 Milliarden Euro erwartet, genaue
Zahlen veröffentlicht Daimler Truck in der zweiten Märzwoche.
## Grund für Rückgang
Ein Grund für den Rückgang: das US-Geschäft. In den USA ist Daimler Truck
mit den Marken Freightliner und Western Star Marktführer, das Unternehmen
baut auch die berühmten gelben US-Schulbusse der Marke Thomas Built Buses.
Nach dem Amtsantritt von Donald Trump hielten sich Spediteure mit
Anschaffungen zurück, weil sie nicht wussten, wie sich die Wirtschaft
angesichts der Zollpolitik entwickelt.
Auch im wichtigen europäischen Markt war die Nachfrage nach Lkws gering.
Anfang 2025 kündigte der Vorstand ein Sparpaket an, das den Abbau von 5.000
Jobs in Deutschland vorsah – nicht nachvollziehbar für den
Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Michael Brecht und seine Kolleg:innen und
auch nicht vereinbart. „Kosten sparen allein ist keine Strategie“, betont
Brecht, der in Deutschland rund 35.000 Beschäftigte vertritt. Der
Betriebsrat setzte durch, dass es bis Ende 2034 keine betriebsbedingten
Kündigungen geben wird.
„Das war eine riesige Erleichterung für die Beschäftigten, die im Moment ja
dauernd von Nachbarn oder Freunden hören, dass jemand seinen Job verloren
hat“, berichtet Brecht. Und: Trotz der sinkenden Umsätze bleiben die
Ausgaben für Forschung und Entwicklung stabil. Das ist eine entscheidende
Größe, findet Brecht: „Was ein Unternehmen nicht selbst entwickelt,
produziert es später auch nicht.“
Das gilt auch und gerade für Batterien. Brecht plädiert dafür, in der EU
Batteriefabriken inklusive einer Zellenproduktion zu errichten.
Ursprünglich wollte Daimler Truck in den USA in die Batterieherstellung
einsteigen und das Geschäftsmodell später nach Europa transferieren. „Doch
dann hat Donald Trump die Rahmenbedingungen und die Klimapolitik
fundamental geändert“, berichtet Brecht. Dies führt dazu, dass der
Dieselmotor dort weiter der beherrschende Antrieb bleibt. Damit können
Investitionen in neue Antriebe nicht mehr auf zwei Kontinente verteilt
werden.
Da kann auch die Landesregierung nicht viel machen, ist Brecht überzeugt.
Die entscheidenden Player sitzen seiner Meinung nach in Brüssel. Er fordert
einen europäischen Industrieplan. „Wir müssen in Europa Schlüsselindustrien
aufbauen, die industrielle Wertschöpfung muss hier passieren“, sagt er.
Nicht nur im Pkw-Markt, auch bei Nutzfahrzeugen drängen chinesische
Anbieter immer weiter vor.
Brecht schlägt vor, den Spieß einfach umzudrehen: So wie China zu Beginn
der Industrialisierung ausländische Firmen nur in Form von Joint Ventures
ins Land gelassen hat, um Know-how abzuschöpfen, könnte auch die EU
vorgehen. Dies wäre vor allem bei der Zellenproduktion ein wichtiger
Schritt. Das allerdings, findet Brecht, könnte die Landesregierung durchaus
lauter fordern – und eine andere EU-Förderpolitik ebenfalls. Denn die EU
fördert vor allem strukturschwache Gebiete. Dazu gehört Baden-Württemberg
aber nicht. Doch die EU darf mit der Förderung nicht warten, bis eine
Region abgestiegen ist, sagt Brecht.
## Gegner begleiten den Bau von Anfang an
Einer, der nicht auf einen neuen [3][Boom der Autoindustrie] hofft, ist
Hannes Rockenbauch. „Wir dürfen kein Interesse haben an Geschäftsmodellen,
die die Stadt reich machen, aber den Planeten krank“, sagt er. Der Mann mit
den roten Haaren wurde als Stimme der Stuttgart21-Bewegung bundesweit
bekannt, als er in der öffentlichen Schlichtung mit Heiner Geißler auftrat.
Mühelos kann er auch heute ein plausibles Konzept für eine Alternative zum
Weiterbau erläutern, mit dem das Desaster auch jetzt noch zumindest
gelindert würde. Die Stuttgart21-Gegner begleiten den Bau von Anfang an mit
stets neuen, an den Baustand angepassten Vorschlägen.
Rockenbauch ist Stadtrat und gehört zur Fraktion Die Linke SÖS Plus. SÖS
steht für Stuttgart Ökologisch Sozial, die Gruppe, für die Rockenbauch
kandidiert und die aus den Protesten gegen den Bahnhofsbau entstanden ist.
Dass der Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) erklärt hat,
angesichts der wegbrechenden Gewerbesteuereinnahmen müsse man sich vom
„Schlaraffenland“ verabschieden, empört ihn.
Denn in Stuttgart sind keineswegs alle wohlhabend. Gerade für die Ärmeren
ist es bitter, wenn Kita-Gebühren und städtische Abgaben für Müll oder
Wasser steigen und die Zuschüsse für Vereine oder Kinderbetreuung sinken.
„Statt die Lebensverhältnisse für alle zu verbessern, setzt die Stadt auf
Leuchtturmprojekte“, kritisiert er. Darunter sind etliche städtebauliche
Projekte – wie Stuttgart21, nur kleiner.
2 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Anja Krüger
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