# taz.de -- VR-Theater in München: Willkommen in der Realität
       
       > Ist das noch Theater? Das Münchener Residenztheater versucht sich
       > erstmals in einer immersiven Inszenierung, die Schauspiel und Virtual
       > Reality zusammenbringt.
       
 (IMG) Bild: In Kleingruppen wird das Publikum durch virtuelle und reale Welten geführt
       
       Ein verregneter Nachmittag in der Münchener Innenstadt.
       Hermès-Taschen-Trägerinnen und Porschefahrer ziehen durch ihr Revier. Vorm
       [1][Residenztheater] schlurft ein Typ in Adiletten mit seiner Plastiktüte
       auf und ab, knabbert eine Möhre und erzählt von Macht und Geld.
       
       Drinnen spielt Moritz Treuenfels „Tremens“. Die einzige wahrhaftig
       menschliche Rolle in der gleichnamigen Inszenierung. Es ist eine Abwandlung
       von [2][Shakespeares] unvollendetem Stück „Timon von Athen“, in dem der
       steinreiche Timon immer gibt und gibt, bis er schließlich selbst nichts und
       niemanden mehr hat. Und ein unerschütterlicher Hass entsteht. Tremens, ein
       Verlierer des Silicon Valley, ein Misanthrop der Tech-Welt, ist sein
       modernes Äquivalent.
       
       Er schaut rauf zu den Zuschauer:innen hinter der gläsernen Fassade im
       ersten Stock. Hier, im zweistöckigen Foyer, in dem die immersive
       Inszenierung stattfindet, lösen sich die Regeln des Theaters auf. Der
       beobachtende Zuschauer wird Teil der Inszenierung.
       
       20 Personen können an dem „Experiment“, wie es Digitaldramaturg Ilja Mirsky
       nennt, teilnehmen. Ein Host führt sie in Kleingruppen immer im Wechsel
       durch reale und virtuelle Welten. Schützt sie vor den Säulen, wenn sie mit
       VR-Brille und Kopfhörern abgeschottet vom Geschehen, wie Kleinkinder durchs
       Foyer irren. Sie schauen in die Luft, tasten ins Nichts. Sehen in ihrer
       Realität hinter den Brillen Dinge, die von außen ein Mysterium bleiben.
       Nicht nur in der Virtual Reality stellt sich die Frage: Was ist eigentlich
       real?
       
       ## Digitale Performances des Kollektivs CREW
       
       Über 18 Monate entwickelte das [3][Residenztheater] gemeinsam mit dem
       belgischen Kollektiv CREW, das bereits seit den 1990er Jahren mit digitalen
       Performances experimentiert, die Inszenierung. Mittels 3D-Scan wurde das
       Foyer als Basis für eine virtuelle Welt verwendet.
       
       Die mit Spiegeln und Marmor verzierte Empfangshalle der 50er Jahre
       verwandelt sich in eine abstrakte antike Therme. Mannequins bewegen sich in
       ihr: Sie jagen sich, schubsen sich über das Geländer in die Tiefe. Es ist
       keine famos ausgestaltete Welt, sondern die bewusste Skizze der Dystopie.
       
       An der Wand ein Mosaik von Mark Zuckerberg. Immer wieder regnet es Geld.
       Auf der Tonspur Zeilen wie „I thought we were building Eden. I’m sorry“.
       Besonders markant im Hinblick auf das soeben angekündigte Ende von
       Zuckerbergs Metaverse.
       
       Hinter den Pixeln zeigt sich eine deutliche Kritik. Athen, der Ursprung
       moderner Zivilisation, wird zum Sinnbild eines Zerfalls. Wie Timon
       bereitwillig sein Geld gibt Tremens bereitwillig seine Daten an die
       Tech-Konzerne. Die Digitalisierung nicht nur als unendlicher
       Möglichkeitsraum, sondern als Ausverkauf menschlicher Daten, bei dem
       jegliche Macht von den Tech-Riesen ausgeht.
       
       ## Symbole des Konsums
       
       Die Inszenierung verhandelt dies fragmentarisch auf vielen Ebenen. Mal sind
       es Einkaufswagen als absolutes Symbol des Konsums, mal sind es klare Worte
       – „Wir sind der Motor des Kapitals“ – und mal ist es das geschickte
       Arbeiten mit dem Raum: In der realen Welt schaut das Publikum auf Tremens
       und seinen sozialen Abstieg herab. In der virtuellen fällt es selbst in die
       unendliche Tiefe.
       
       So bricht „Tremens“ geschickt die Welt des Theaters auf, ermöglicht neue
       Perspektiven. Macht den Zuschauer zum Protagonisten, lässt ihn selbst
       erfahren, statt nur zuzusehen, und schafft es dabei doch, die Waage zu
       halten. Der menschliche Darsteller ist ein wichtiger Anker in die Realität,
       denn all die Technik könnte einen Schauspieler, der echte menschliche
       Emotionen zeigt, nicht ersetzen.
       
       Spätestens als Tremens das Gebäude am Ende erneut verlässt und sich der
       Bogen zum Anfangsmonolog schließt, wird der technikkritische Appell in
       dieser technikaffinen Inszenierung klar: „Widersetzt euch“, sagt er und
       entfernt sich vom Theater, bis er in der Masse der Passanten untergeht und
       sich das Signal seines Mikros verliert.
       
       25 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.residenztheater.de/stuecke/detail/tremens
 (DIR) [2] /Oscar-Favorit-Hamnet-erzaehlt-mit-grosser-emotionaler-Wucht-von-Shakespeares-Ehe/!6146656
 (DIR) [3] /Toni-Morrison-Inszenierung-in-Muenchen/!6138225
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Merle Zils
       
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