# taz.de -- Goldener Bär für Ilker Çatak: Politisches Kino setzt sich bei der Berlinale durch
       
       > Selten wurde bei der Berlinale so heftig darum gerungen, wie politisch
       > das Filmfestival sein muss. Das zeigte sich auch bei der Preisverleihung.
       
 (IMG) Bild: Goldener Bär für den besten Film: Ilker Çatak, Regisseur des Films „Gelbe Briefe“ („Yellow Letters“), mit dem Preis in der Hand
       
       dpa Diese Momente liefern die Antwort darauf, wie politisch die Berlinale
       denn nun eigentlich ist. Da steht İlker Çatak auf der Bühne und nimmt den
       Goldenen Bären für [1][sein Politdrama „Gelbe Briefe“] entgegen. Da ist die
       Rede eines Regisseurs zum Gaza-Krieg, die dazu führt, dass Umweltminister
       Carsten Schneider den Saal verlässt. Und da sind eine Festivalchefin und
       ein Jurypräsident, die versuchen, mehr Zwischentöne in eine aufgeheizte
       Debatte zu bringen.
       
       Die Berlinale endet mit einer Gratwanderung zwischen Meinungsfreiheit und
       politischer Polarisierung. Und mit Auszeichnungen für Filme, die Politik
       anders interpretieren als mit kurzen Statements.
       
       ## Wovon der Gewinnerfilm erzählt
       
       Das gilt insbesondere für den Preisträger „Gelbe Briefe“. Erstmals seit 22
       Jahren und Fatih Akins „Gegen die Wand“ holt ein deutscher Regisseur wieder
       die Trophäe für den besten Film. Çatak ([2][„Das Lehrerzimmer“]) erzählt
       von einem türkischen Paar, das wegen seiner politischen Meinung unter Druck
       gesetzt wird – und sich fragen muss, wie weit es für seine Überzeugungen
       gehen will.
       
       Der Film zeigt auf drastische Weise, was passieren kann, wenn sich der Raum
       für politische Diskussionen verengt oder gar schließt. Man könne ihn als
       furchtbare Vorahnung verstehen, „als einen Blick in die nahe Zukunft, die
       möglicherweise auch in unseren Ländern passieren könnte“, sagt Jurychef Wim
       Wenders. Der Film gehe allen unter die Haut, die in ihrem Land oder in
       ihrer Nachbarschaft die Zeichen von Willkürherrschaft sähen.
       
       ## Palästinensischer Regisseur kritisiert Bundesregierung
       
       Dass die Jury den Hauptpreis an das Politdrama vergibt, kann man auch als
       Zeichen verstehen. Selten wurde bei der Berlinale so heftig darum gerungen,
       wie politische Diskurse geführt werden sollen. Und das nicht nur während
       des Festivals – sondern auch bei der Abschlussgala.
       
       Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib gewinnt mit
       „Chronicles From the Siege“ den Preis für das beste Spielfilmdebüt und
       verbindet seine Dankesrede mit scharfer Kritik an der Haltung der
       Bundesregierung im Gaza-Krieg. „Wir werden uns an jeden erinnern, der an
       unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns
       war“, sagt der Filmemacher, der eine palästinensische Flagge mitbringt.
       
       ## Bundesminister Schneider verlässt den Saal
       
       Der deutschen Regierung wirft Alkhatib vor, sie sei faktisch Partner „des
       Völkermords im Gazastreifen“. Israels Regierung streitet ab, im
       Gazastreifen einen Völkermord zu begehen – das ist auch die Position der
       deutschen Regierung – und spricht von Selbstverteidigung nach dem
       Terrorangriff islamistischer Extremisten auf den jüdischen Staat am 7.
       Oktober 2023.
       
       „Bundesminister Schneider hält diese Aussagen für nicht akzeptabel“, teilt
       ein Sprecher seines Ministeriums später mit. Der SPD-Politiker sei als
       einziger Vertreter der schwarz-roten Bundesregierung bei der Gala gewesen,
       so der Sprecher. Während der Rede Alkhatibs habe Schneider den Saal
       verlassen.
       
       Zuvor hatte bereits die libanesische Filmemacherin Marie-Rose Osta, die für
       ihren Kurzfilm ausgezeichnet wurde, auf der Bühne die israelische
       Kriegsführung kritisiert, ohne das Massaker am 7. Oktober anzusprechen.
       Moderatorin Désirée Nosbusch sagte danach, sie sei sich „sicher, dass
       unsere Herzen bei all den Menschen sind, die leiden, sei es durch Kriege
       oder durch Terrorismus“.
       
       Die Abschlussgala sei wie das Festival selbst gewesen, sagt
       Berlinale-Chefin Tricia Tuttle. „Es ist ein Ort, an dem Künstler sprechen
       können, und manchmal sprechen sie auf eine Art und Weise, die unbequem oder
       umstritten ist, aber es ist wichtig, dass wir diesen Raum bieten.“ Nicht
       immer habe sich diese Auseinandersetzung gut angefühlt.
       
       ## Müssen sich Filmschaffende politisch positionieren?
       
       [3][In einem offenen Brief] hatten mehrere Filmschaffende der Berlinale
       vorgeworfen, sich nicht ausreichend zum Gaza-Krieg zu positionieren, gar
       von Zensur gesprochen. Tuttle widersprach und nahm auch Jurypräsident
       Wenders in Schutz, der für seine Aussage kritisiert worden war,
       Filmschaffende sollten sich aus der Politik heraushalten. Aus seiner
       Antwort sei nur ein Ausschnitt herausgegriffen worden, betonte Tuttle.
       
       Die Frage, ob Filmschaffende oder andere Künstler sich politisch äußern
       sollen oder gar müssen, wird nicht erst seit kurzem diskutiert. Allerdings
       scheint der Diskurs vehementer, die Polarisierung größer geworden zu sein.
       Künstler wurden während der Berlinale wiederholt zu ihrer politischen
       Haltung befragt. Ein Festivalraum müsse aber kein Parlament sein, sagt
       Regisseur Ameer Fakher Eldin auf der Bühne.
       
       ## Wenders richtet Appell an politische Aktivisten
       
       Wenders hat ein großes Notizbuch dabei, aus dem er eine Art Appell an
       politische Aktivisten vorliest, die ihn zuletzt so vehement kritisiert
       hatten: „Wie die Filme der Berlinale deutlich zeigen, applaudieren euch die
       meisten von uns Filmemachern. Wir alle applaudieren euch. Ihr macht eine
       notwendige und mutige Arbeit, aber muss sie in Konkurrenz zu uns stehen?
       Müssen unsere Sprachen aufeinanderprallen?“
       
       Während soziale Medien schnell und wirkungsvoll für humanitäre Anliegen
       mobilisieren könnten, zeichne sich das Kino durch Empathie, Komplexität und
       nachhaltige Wirkung aus, führt er aus.
       
       Viele der ausgezeichneten Filme erzählen Geschichten, die sich zu größeren
       sozialen oder politischen Zusammenhängen öffnen. Das gilt für Çataks „Gelbe
       Briefe“, aber auch für andere Preisträger. Alkhatibs „Chronicles From the
       Siege“ erzählt davon, wie Menschen versuchen, eine Besatzung zu überleben.
       
       ## Sandra Hüller gewinnt ihren zweiten Bären
       
       Schauspielerin Sandra Hüller gewinnt ihren zweiten Silbernen Bären [4][für
       „Rose“]. Darin gibt sie sich im 17. Jahrhundert als Mann aus, weil sie nur
       so ein selbstbestimmtes Leben führen kann.
       
       Den Großen Preis der Jury erhält die Tragödie „Kurtuluş“ des [5][türkischen
       Regisseurs Emin Alper.] Stilistisch an einen Western erinnernd, handelt der
       Film vom mörderischen Kampf zweier Dorfgemeinschaften gegeneinander.
       
       Das Demenzdrama „Queen at Sea“ des US-Amerikaners Lance Hammer wird mit
       zwei Preisen ausgezeichnet. Der Film erhält den Preis der Jury. Zudem
       gewinnen Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay aus Großbritannien einen
       Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer
       Nebenrolle.
       
       Çatak beschreibt die Botschaft seines Gewinnerfilms so: „Dass wir uns mit
       Fragen auseinandersetzen, die komplex sind und nicht in einer Botschaft
       verpackt werden können, sondern in einem Prozess des Dialogs.“ Erkenntnis
       erreiche man „Stück für Stück“. „Und nicht mit Slogans, nicht mit Sprüchen
       auf Social Media, sondern im Diskurs.“ Es ist eine Botschaft, bei der er
       vermutlich auch die Berlinale selbst im Kopf hat.
       
       22 Feb 2026
       
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