# taz.de -- Film „Meine Frau weint“: Die Geschichte ist der Dialog
       
       > Angela Schanelec inszeniert ihren Film „Meine Frau weint“ um die
       > eigentliche Handlung herum. Sie überrascht immer wieder im Detail.
       
 (IMG) Bild: Thomas (Vladimir Vulević) in „Meine Frau weint“
       
       Ein Film kann auf Handlung verzichten, aber nie auf Atmosphäre. Fast hält
       man es für selbstverständlich, dass Spannung oft gerade dann ansteigt, wenn
       nichts passiert und alles nur in der Luft liegt. Die Filme von Angela
       Schanelec stellen solche Selbstverständlichkeiten immer wieder infrage.
       
       Auf den ersten Blick wirken sie oft wie strenge ästhetische Experimente,
       verschlossen und fast unverständlich. Auf den zweiten erweisen sie sich als
       Schatztruhen für Entdeckungen, man muss sich nur ein wenig mittragen lassen
       vom Rhythmus der Bilder und ihrer ganz besonderen Stimmung. Man begreift
       etwas darüber, wie sich Geschichten formen, etwa aus einer einzigen
       Einstellung auf fließendes Wasser heraus oder darüber, wie Schnitt, Musik
       und Sprache im Film zusammenspielen.
       
       Mit „Meine Frau weint“ ist Schanelec nach [1][„Ich war zuhause, aber…“
       (2019)] und „Music“ (2023) das dritte Mal im Wettbewerb der Berlinale
       vertreten. Für „Ich war zuhause, aber…“ erhielt sie den Silbernen Bären für
       die Beste Regie, für „Music“ gab es einen fürs Beste Drehbuch. Ob es
       diesmal zum Goldenen Bären reicht, den ihr die eingeschworene Gemeinschaft
       ihrer Verehrer*innen schon lange zusprechen will?
       
       Was im Katalog als Handlungsangabe zu „Meine Frau weint“ steht – „Ein
       gewöhnlicher Arbeitstag auf der Baustelle. Den 40-jährigen Kranführer
       Thomas erreicht ein Anruf von seiner Frau Carla, er soll sie im Krankenhaus
       abholen. Dort trifft er sie weinend an und erfährt, dass sie einen
       Autounfall hatte …“ – umreißt ziemlich genau das, worauf der Film
       verzichtet. Buchstäblich inszeniert Schanelec um dieses Szenarium herum.
       
       ## In Facetten zerlegt
       
       So gibt es zwar die Baustelle beziehungsweise das provisorisch
       eingerichtete Büro mit zwei Schreibtischen, und es gibt den Kranführer und
       auch den Anruf seiner Frau Carla. Aber den eigentlichen Ablauf der
       Ereignisse und ihre zugehörigen Dialoge und Aktionen präsentiert Schanelec
       wie inspiriert von Picassos Phase des analytischen Kubismus: zerlegt in
       Facetten, die Emotionen reduziert und das Ganze neu zur Collage
       zusammengesetzt.
       
       Außer Kranführer Thomas (Vladimir Vulević) und Frau Carla (Agathe Bonitzer)
       tritt ein Panorama von Figuren in Erscheinung, Andrée (Birte Schnöink),
       Karen (Pauline Rebmann), Claudia (Clara Gostynski) und einige mehr. Nicht
       immer sind sie mit Namen und Stellung im sozialen Gefüge erkennbar. Aber
       alle bekommen ihren Platz im Film mit wenigstens einem kleinen Monolog.
       
       Manchmal geht es dabei um so banale Dinge wie ein blaues Sofa, das sich
       Andrée gekauft hat und dessen Preis von 2.000 Euro sie hoch findet. Immer
       wieder wird David erwähnt, dessen Vater fast den Nobelpreis für Literatur
       gewonnen hätte. An einer Stelle erzählt Thomas von seiner ersten Freundin
       und seinen zwiespältigen Gefühlen, als sie schwanger wurde.
       
       Genau das ist anders als in den bisherigen Schanelec-Filmen: Diesmal
       dominiert der Dialog. Zwar gibt es immer noch die meditativen
       Zwischenschnitte etwa auf Rote Johannisbeeren, die unter einem Wasserhahn
       gewaschen werden. Menschen fahren auf dem Fahrrad über Wege, die in ihrer
       atmosphärischen Realität fast überhöht wirken. Es gibt auch eine Tanzszene,
       in denen drei Figuren zu Leonard Cohens „Lover, Lover, Lover“ eine
       erstaunlich ausgefeilte, mitreißende Choreografie präsentieren.
       
       Aber im Wesentlichen besteht „Meine Frau weint“ aus einem Reigen von
       „Sprechakten“, denen Schanelec den Anschein lässt, vom Papier zu stammen,
       selbst wenn sie umgangssprachlich gehalten sind. So kommt eine
       faszinierende Mischung aus Natürlichkeit und Künstlichkeit zustande, die
       einmal mehr dort Spannung erzeugt, wo man sie gar nicht vermutet hätte.
       
       18 Feb 2026
       
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