# taz.de -- Regisseurin über Wunderkind-Film: „Ihre Ehrlichkeit durchbricht den Schutzpanzer“
> In „Nina Roza“ ringt ein Wunderkind um Selbstbestimmung. Regisseurin
> Dulude-De Celles spricht auch über die Meinungsfreiheit auf der
> Berlinale.
(IMG) Bild: Die Regisseurin des Film „Nina Roza“ Geneviève Dulude-de Celles
taz: Frau Dulude-De Celles, „Nina Roza“ erzählt von einem Kunstexperten,
der von Kanada nach Bulgarien reist, um die Authentizität der Gemälde eines
außergewöhnlich begabten achtjährigen Mädchens zu prüfen. In seiner alten
Heimat wird er zunehmend mit Erinnerungen an seine eigene
Migrationsgeschichte und die Menschen, die er zurückließ, konfrontiert. Was
stand am Anfang dieser vielschichtigen Erzählung?
Geneviève Dulude-De Celles: Mit 21 habe ich sechs Monate in Osteuropa
verbracht und dort mit einem Rumänen gearbeitet, der kurz vor seiner
Auswanderung nach Kanada stand. In dieser Zeit habe ich erstmals
verstanden, wie widersprüchlich Migration sich anfühlen kann. Gleichzeitig
hat mich die Region nachhaltig geprägt: Geschichte ist dort überall
sichtbar – in der Architektur, in der Landschaft, sogar in Gesichtern.
Damals dachte ich mir: Wenn ich je Regisseurin werde, komme ich zurück und
drehe hier einen Film. Später hörte ich in Kanada die Geschichte des Vaters
eines engen Freundes, der vor über 40 Jahren aus Uruguay auswanderte und
nie zurückkehrte. Ich fragte mich, was es für ihn bedeuten würde, noch
einmal dorthin reisen zu müssen. Aus dieser Frage entstand schließlich
„Nina Roza“.
taz: Mihail (Galin Stoev) trifft in seiner bulgarischen Heimat auf ein
Kind, das eine beinahe mythische Präsenz besitzt. Nina wirkt weise, stellt
Mihail sehr persönliche Fragen und äußert zugleich klar ihren eigenen
Willen – denn eigentlich möchte sie diese Aufmerksamkeit gar nicht. Was hat
Sie zu dieser Figur inspiriert?
Dulude-De Celles: Im Grunde bin ich – wie Mihail im Film – auf ein virales
Video über ein malendes Wunderkind gestoßen. Sie heißt Aelita Andre, kommt
aus Australien und hatte – zunächst konnte ich es selbst nicht glauben –
bereits im Alter von zwei Jahren eine eigene Ausstellung. Auch sie spricht
auf eine sehr erwachsene, fast seltsame Art. Einige Dialogzeilen im Film
sind sogar unmittelbar von ihr inspiriert.
Generell finde ich es bemerkenswert, wie direkt Kinder sind. Diese
Direktheit fordert Mihail im Film heraus, diesen Mann, der sich eigentlich
gern hinter großen Worten versteckt. Bei Nina aber geht diese Taktik nicht
auf. Ihre Ehrlichkeit durchbricht seinen intellektuellen Schutzpanzer.
taz: Mihail ist der einzige Erwachsene im Film, der die Entscheidungen des
Kindes respektiert – auch weil er sich an seine eigene Entwurzelung und die
seiner Tochter Roza (Michelle Tzontchevin) erinnert, die im selben Alter
wie Nina mit ihm auswanderte. Die italienische Galeristin (Chiara Caselli)
hingegen zeigt deutlich weniger Verständnis. Steckt darin auch eine Kritik
am Kunstmarkt?
Dulude-De Celles: Ein Stück weit. Mir ging es aber vor allem darum, die
kindliche Perspektive zu beleuchten. Wer entscheidet für dieses junge
Mädchen – und mit welchem Recht überhaupt? Sie selbst will nicht
auswandern, auch ihre Kunst will sie nicht verkaufen. Die Eltern hingegen
schon, weil sie darin eine Chance für Nina sehen.
Darin liegt das Dilemma: Übergeht man ihren Willen im Namen einer
vermeintlich besseren Zukunft – oder ist gerade dieses Drängen der
eigentliche Fehler? Diese Gefühle sind mir durchaus vertraut, während der
Scheidung meiner Eltern habe ich etwas sehr Ähnliches empfunden.
taz: Nina wird im Film von zwei jungen Darstellerinnen gespielt – Sofia
Stanina und Ekaterina Stanina. Wie kam es zu dieser Doppelbesetzung, und
wie sind Sie auf die beiden Schwestern aufmerksam geworden?
Dulude-De Celles: Der Castingprozess war sehr aufwendig. Es war mein
dringender Wunsch, dass Nina tatsächlich von einem Mädchen aus Bulgarien
gespielt wird. Gleichzeitig hoffte ich, eine passende Besetzung in Québec
zu finden, weil unsere potenzielle Darstellerin dann wahrscheinlich auch
Französisch sprechen würde. Das hätte mir die Zusammenarbeit sehr
erleichtert. Gerade bei sehr jungen Schauspielern braucht es noch viele
Anweisungen, etwas mehr Hilfe, und da ist eine Sprachbarriere natürlich
eine zusätzliche Herausforderung.
So eine Darstellerin gab es jedoch nicht. Zum Glück aber arbeitete ich mit
der großartigen Casterin Tania Arana zusammen, die viel Erfahrung mit
offenen Castings hat. In einem bulgarischen Gemeindezentrum wurden wir
schließlich fündig. Sofia und Ekaterina waren zunächst sehr schüchtern,
aber ihre besondere Energie war sofort spürbar.
taz: Inwiefern?
Dulude-De Celles: Ich habe später erfahren, dass sie zu Hause unterrichtet
werden – und das ergibt sehr viel Sinn. Es wirkt beinahe so, als hätten sie
sich dadurch das Eigene bewahrt und wären noch nicht durch soziale
Interaktionen geformt worden (lacht).
Als sich zeigte, dass Sofia besonders das Verletzliche liegt, während
Ekaterina die lauteren, impulsiven Szenen liebt, haben wir beschlossen,
beide Schwestern zu besetzen. Uns war klar, dass sie gemeinsam die
unterschiedlichen Facetten von Nina am besten verkörpern würden.
taz: „Nina Roza“ bewegt sich zwischen realistischer Erzählung und beinahe
traumhaften Momenten – wie haben Sie diese filmische Atmosphäre erschaffen?
Dulude-De Celles: Bulgarien selbst bringt bereits viel von diesem
mythischen Gefühl mit – das war ein Geschenk. Mein Kameramann Alexandre
Nour Desjardins, die Szenenbildnerin Laura Nhem und ich haben intensiv nach
Drehorten gesucht und wurden sehr schnell fündig. Die größere
Herausforderung war, Mihails innere Reise und seine Erinnerungen visuell
greifbar zu machen. Dafür haben Alexandre und ich viele ältere Filme
studiert, unter anderem von Andrei Tarkowski.
taz: Ihr Spielfilmdebüt „Une colonie“ (2019) wurde auf der Berlinale mit
dem Gläsernen Bären in der Sektion „Generation“ ausgezeichnet. Nun kehren
Sie mit „Nina Roza“ in den Wettbewerb zurück. Wie erleben Sie das Festival?
Dulude-De Celles: Ich empfinde es als großes Glück, hier zu sein. Dieses
Festival ist eine besondere Plattform für Filme – und gerade jetzt fühle
ich mich exakt am richtigen Ort, wenn ich gemeinsam mit anderen Menschen im
Kino sitzen und über die Ideen von „Nina Roza“ sprechen kann.
Wir leben in rauen Zeiten, soziale Medien isolieren uns immer weiter und
lassen uns vereinsamen. Umso wertvoller ist es, als filminteressierte
Gemeinschaft zusammenzukommen und offen zu diskutieren – politisch wie
kreativ. Das ist kostbar.
taz: Rund um das Festival ist eine lebhafte Debatte über Politik und Kino
entstanden – darüber, ob Film politisch ist, sein sollte oder nicht. Wie
blicken Sie auf diese Diskussion?
Dulude-De Celles: Ich spreche nun nur für mich selbst, nicht für das
gesamte Team: Ich habe die Kontroverse verfolgt und habe natürlich auch
viele Berichte über die Berlinale in den letzten Jahren gehört. Als wir
unsere Einladung in den Wettbewerb erhalten haben, war das Festival sehr
transparent, wofür es steht, und hat uns zugesichert, dass sich
Filmschaffende frei äußern können.
In diesem Wissen habe ich entschieden, auf der Berlinale meine
Unterstützung für Palästina zum Ausdruck zu bringen, weil mir das wichtig
ist. (Hinweis: Dulude-De Celles trägt am Interviewtag einen herzförmigen
Button mit der Flagge Palästinas am Revers) Für mich ist Kunst politisch,
dafür trete ich ein. Jeder hat seine eigene Meinung – und das respektiere
ich. Aber das ist meine Perspektive.
21 Feb 2026
## AUTOREN
(DIR) Arabella Wintermayr
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