# taz.de -- Repression gegen Seenotrettung: Italien muss 76.000 Euro an Sea-Watch zahlen
> Die Festnahme von Carola Rackete ging 2019 um die Welt. Nun hat ein
> Gericht in Italien der Seenotrettungs-NGO Sea-Watch eine Entschädigung
> zugesprochen.
(IMG) Bild: Mitten auf dem Mittelmeer, mitten in der Nacht (26.9.2025)
Besser spät als nie. Italien muss der Seenotrettungsorganisation Sea-Watch
eine Entschädigung in Höhe von 76.000 Euro zahlen. Das habe ein Gericht in
Palermo entschieden, erklärte die deutsche NGO am Donnerstag. Grund ist
eine „ungerechtfertigte Festsetzung“ aus dem Jahr 2019.
„Wir freuen uns sehr über das Urteil“, sagt Sea-Watch-Sprecherin Bana
Mahmood der taz. Überraschend sei es hingegen nicht: „Damals Salvini, heute
Meloni, das Prinzip ist dasselbe. Festsetzungen und Seeblockaden, die dann
von den Gerichten kassiert werden. Wir hoffen, dieses Urteil ist auch der
aktuellen Regierung eine Lehre“, so Mahmood. Die Entscheidung gebe der NGO
auch Hoffnung für ausstehende Verfahren. Kurz zuvor war auch ein
Ausfahrverbot für das Rettungsschiff [1][„Sea-Watch 5“] aufgehoben worden.
Hintergrund des jüngsten Urteils ist eine Rettungsaktion des Schiffes
„Sea-Watch 3“ auf dem Mittelmeer vom Juni 2019. Die italienischen Behörden
unter dem damaligen Innenminister Matteo Salvini hatten [2][Kapitänin
Carola Rackete] nicht gestattet, mit 53 Geflüchteten an Bord in
italienischen Häfen anzulegen.
Nach zweiwöchiger Irrfahrt entschied sich Rackete, trotzdem die
sizilianische Mittelmeerinsel Lampedusa anzufahren, wo die Geretteten an
Land gehen konnten. Dabei wurde ein Küstenwachenschiff touchiert, nach
Aussage von Rackete, aus Versehen. Die „Sea-Watch 3“ wurde daraufhin fünf
Monate festgesetzt, die Kapitänin festgenommen und kurzzeitig unter
Hausarrest gestellt. Ein Verfahren gegen sie wurde 2021 eingestellt.
## Italien geht gegen Seenotrettung vor
Das Zivilgericht in Palermo entschied nun, dass der italienische Staat,
namentlich die Ministerien für Inneres, Verkehr und Wirtschaft sowie die
Behörden auf Sizilien, der Hilfsorganisation Sea-Watch die Hafengebühren
für die Zeit der Festsetzung, den Treibstoff, sowie die Anwaltskosten
erstatten muss. Die Richter hatten keine ausreichende Begründung für die
Festsetzung erkennen können. Bereits 2019 hatte eine italienische
Ermittlungsrichterin geurteilt, dass Rackete entsprechend dem Seerecht
korrekt gehandelt habe.
Das Seerecht schreibt vor, dass Menschen in Seenot gerettet werden und in
einen sicheren Hafen gebracht werden müssen. Im Zuge der erstarkenden
Abschottungspolitik seitens Italiens und der EU wurde dies aber zusehends
erschwert. Italien ist aufgrund seiner geografischen Lage eines der
häufigsten Ziele von Flüchtenden und Migranten, die versuchen, nach Europa
zu gelangen. Zuletzt hatten Pläne der rechten Regierung, NGO-Schiffe mit
einer [3][„Seeblockade“] aufzuhalten, für Aufsehen gesorgt.
Italiens postfaschistische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni warf der
italienischen Justiz indes erneut vor, parteiisch zu entscheiden. Sie
beschuldigte das Gericht, die „Bekämpfung illegaler Massenmigration“ zu
sabotieren und den Rechtsstaat zu untergraben. Das jüngste Urteil reihe
sich ein in eine Liste „objektiv betrachtet absurder Entscheidungen“,
welche gegen den Willen des Volkes fielen und sei eine „weitere
Entscheidung, die mich buchstäblich sprachlos macht“.
Geht es nach Bana Mahmood von Sea-Watch könne Giorgia Meloni gerne
weiterhin sprachlos bleiben. Die rechtsgerichtete italienische Regierung
handele undemokratisch und breche regelmäßig geltende Gesetze. „Aber die
Gerichte geben uns recht. Zum Glück gibt es in Italien noch ein
funktionierendes Rechtssystem“, so Mahmood.
Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International begrüßte das
Urteil. „Die rechtswidrige Festsetzung der ‚Sea‑Watch 3‘ steht exemplarisch
für eine bis heute anhaltende Kriminalisierung der zivilen Seenotrettung“,
sagt Nina Alizadeh Marandi, Expertin für Asylpolitik gegenüber der taz.
„Zugleich ertrinken weiterhin Tausende im Mittelmeer. Umso wichtiger ist
es, unverhältnismäßigen staatlichen Eingriffen entschieden und mit allen
rechtsstaatlichen Mitteln entgegenzutreten“, fügte sie hinzu.
Im noch jungen Jahr 2026 starben nach Angaben der Internationalen
Organisation für Migration (IOM) bereits über 530 Menschen bei dem Versuch
übers Mittelmeer nach Europa zu gelangen.
19 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Fabian Schroer
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