# taz.de -- Pragmatischer Eiskunstlaufcoach: Was bedeutet schon die Nationalität, wenn es Geld gibt
       
       > Choreograf Benoît Richaud betreut bei Olympia 16 Athlet:innen und
       > wechselt fliegend Länderoutfits. Damit entlarvt er die Idealisierung der
       > Nation.
       
 (IMG) Bild: Hier als Kanadier unterwegs, jedenfalls für den Moment: Choreograf Benoît Richaud mit Athlet Stephen Gogolev
       
       Moment mal, dachte ich mir, als ich zu Beginn der Winterspiele den
       Teamwettbewerb [1][im Eiskunstlauf] anschaute. Dieser glatzköpfige Typ da,
       der erwartungsvoll mit Team Frankreich auf die Punkte der Jury wartet, saß
       der nicht gerade noch bei Team Kanada mit auf der Bank? Nein, kann nicht
       sein, er trägt doch den gallischen Hahn auf der Brust, sagte ich mir dann,
       völlig überzeugt (und mitgerissen) vom Nationalstolzgehabe rund um die
       Olympischen Spiele. Und mit etwas schlechtem Gewissen, dass Männer mit
       Glatze für mich scheinbar alle gleich aussehen.
       
       Aber dann tauchte auch noch ein zum Verwechseln ähnlicher Typ bei den
       US-Amerikanern auf, mit Stars and Stripes auf der Brust. Später bei den
       Georgiern. Sowie neben dem Spanier Tomàs-Llorenç Guarino Sabaté, der seine
       Kür als Minion verkleidet präsentierte. Und einige Tage später dann freut
       er – oder sein Doppelgänger? – sich über die [2][Bronzemedaille im Paarlauf
       für Minerva Hase und Nikita Volodin], die für Deutschland antreten.
       
       Kurz darauf wird mir ein Clip bei Instagram reingespült, und alles klärt
       sich zu meiner Erleichterung auf: Die ominösen glatzköpfigen Zwillinge, die
       vermeintlich für unterschiedliche Nationen antreten, sind tatsächlich ein
       und derselbe Typ – er wechselt einfach nur zwischen den Choreos sehr
       schnell die Teamjacke. Es ist Benoît Richaud, ehemaliger französischer
       Eiskunstläufer und heute einer der gefragtesten Choreografen in dem
       Bereich. Jedenfalls haben ihn für diese Winterspiele gleich 16
       Athlet:innen gebucht. Bemerkenswert, dass er da nichts
       durcheinanderbringt.
       
       Und bemerkenswert auch, denke ich mir, dass ich diesen Länderoutfits so
       viel Bedeutung beigemessen habe. Das kanadische Ahornblatt, der gallische
       Hahn, so what? Für Richaud sind Nationalteams eben nur Teams wie jedes
       andere beliebige Sportteam auch. Alte Jacke aus, neue Jacke an, und dann
       schauen, dass die Choreo passt und die Arbeit daran belohnt wird. Plötzlich
       fasziniert mich Richauds Pragmatismus. Und wie er damit unbeabsichtigt
       diese total [3][veraltete Idealisierung von Nationalität] bei den Spielen
       ins Lächerliche zieht.
       
       ## Vermeintliche Liebe zur Nation
       
       Ich meine, wie weit geht diese vermeintliche Liebe zur eigenen Nation bei
       den Sportlern überhaupt? Es tritt ja nicht manch ein Athlet aus Frankreich
       dann doch für Kenia oder aus Finnland doch für Bolivien auf, weil sein Herz
       jetzt zufällig für die andere Nation schlägt. Sondern schlicht, weil er
       oder sie dadurch die Chance hat, überhaupt am olympischen Wettbewerb
       teilzunehmen.
       
       Und Richaud? Er ist eben beliebt, wird gebucht und erledigt seinen Job. Man
       hat fast das Gefühl, das Anstrengendste daran ist der schnelle
       Jackenwechsel. Ach ja, und dass etwa der halbe Wettkampf von ihm
       choreografiert ist.
       
       Am Ende geht's doch darum, dabei sein zu können. Um möglichen Ruhm. Und um
       Geld. Da ist das Nationalemblem auf der Jacke eher Nebensache. Privat trägt
       Richaud übrigens meist einfach nur Schwarz.
       
       18 Feb 2026
       
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