# taz.de -- Medienereignis Olympische Spiele: Festspiele der Geschlagenen
       
       > Hauptsache, Medaillen! Die Berichterstattung zu Olympia hat eine
       > Schlagseite. Ist dabei sein etwa doch nicht alles?
       
 (IMG) Bild: Ein Gewinner, zwei Geschlagene: Lucas Pinheiro Braathen gewinnt den Riesenslalom, Silber und Bronze gehen an Marco Odermatt und Loïc Meillard
       
       Dass [1][Olympische Spiele] ein Medienereignis sind, ist eine
       Binsenweisheit. Mit großem Aufwand werden sie für ein Publikum inszeniert,
       das es sich vor dem Bildschirm gemütlich gemacht hat – assistiert von einem
       (männlichen) Live-Kommentator, dem es obliegt, die gezeigten Leistungen zu
       bewundern oder zu bemängeln. Klar, dass er sich im Laufe der sogenannten
       Berichterstattung immer wieder im Repertoire vertrauter Floskeln bedient.
       
       Wenn man genug Zeit vor der Glotze verbringt, hört man dann irgendwann
       sogar mal das altehrwürdige „Dabei sein ist alles!“. Vorherrschend sind
       aber natürlich gegenteilige Formulierungen wie die, dass bei „einer
       Olympiade leider nur Gold, Silber und Bronze zählen“, als ob die mediale
       Aufbereitung keinen Beitrag dazu leisten würde, dass sich niemand für die
       hinteren Plätze interessiert.
       
       Wenn sich im Olympia-TV von Anfang an alles nur um Medaillen dreht, braucht
       man sich auch nicht zu wundern, dass dauernd von „Geschlagenen“ die Rede
       ist. Mit diesem Tunnelblick wimmelt es nun mal nur von Verlierern, die sich
       nach der Formel „Zahl der angetretenen WettkämpferInnen minus drei“
       errechnen lassen.
       
       Manchmal bietet sich sogar die Gelegenheit, die Zahl dieser „Geschlagenen“
       noch weiter zu erhöhen, dann nämlich, wenn ein haushoher Favorit unter die
       ersten drei kommt, aber nicht Erster wird. Klare Sache: noch ein
       Geschlagener! „Alle Hoffnungen lagen auf ihm“, heißt es nun, „und jetzt
       gerade mal Bronze!“ Folgerichtig hatte es vor einigen Tagen eine
       ARD-Reporterin darauf abgesehen, Marco Odermatt zum Pechvogel der alpinen
       Sparte zu erklären – obwohl der Überflieger der letzten Jahre zweimal
       Silber und einmal Bronze gewann und einmal immerhin Vierter wurde.
       
       ## „Warum diese Ignoranz?“
       
       Zum Glück ging ihre süffisante Frage an das als Co-Kommentator anwesende
       Slalom-Ass Felix Neureuther, der als „unsere Goldhoffnung“ seinerzeit nach
       Sotschi fuhr und sich schon damals gegen das Kesseltreiben der
       Sportjournaille zur Wehr zu setzen wusste. Mit subtilem Grinsen machte er
       der verdutzten Kollegin klar, dass sich der Schweizer seinen Riesenerfolg
       von ihresgleichen nicht ausreden lassen werde.
       
       Warum diese Ignoranz? Warum werden die [2][Leistungen nicht auch derer
       angemessen gewürdigt], die am Tag des Rennens nicht die schnellsten waren
       oder den Sprung aufs Treppchen nur knapp verpasst haben? Haben
       Sportreporter das Bedürfnis, sich am Unglück der Nichtsieger zu weiden?
       Oder glauben sie, Fernsehzuschauer bedienen müssen, die sich am Scheitern
       von AthletInnen hochziehen, deren sportlichen Ehrgeiz sie auch gerne
       hätten?
       
       ## Mehr als nur drei Medaillen bitte
       
       Gewiss, bei früheren Spielen waren die Kommentatoren mindestens so
       respektlos wie die Interviewerszene. Solange sie aber immer wieder von
       „Geschlagenen“ reden, gibt es auch bei ihnen noch viel Luft nach oben.
       Statt bloß ihr Mitleid über den Viertplatzierten auszugießen, müssten sie
       sich auch als Anwalt derer verstehen, die nicht auf dem Treppchen landen.
       
       Da die in den Speeddisziplinen gemessenen Zeiten ja fast immer nur wenige
       Hundertstel auseinanderliegen, lassen sich Sieger und Besiegte ohnehin nur
       noch mit den sensibelsten aller Messtechniken unterscheiden. Vielleicht
       wäre das IOC irgendwann mal dazu zu bringen, wenigstens fünf (!) Medaillen
       zu vergeben, damit es ein paar „Geschlagene“ weniger gibt. Eine
       Organisation, die ihren zwei Dutzend Top-Funktionären fast [3][15 Millionen
       US-Dollar im Jahr] zahlt, könnte sich das wohl auch leisten – der Kupfer-
       und Messingpreis ist ja gar nicht so hoch!
       
       22 Feb 2026
       
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