# taz.de -- Neuer Roman von Abbas Khider: Papier auf der Flucht
       
       > Ein Junge, seine Familie und die Mudschaheddin, die das Kalifat ausrufen.
       > Khiders Roman „Der letzte Sommer der Tauben“ funktioniert wie eine
       > Flaschenpost.
       
 (IMG) Bild: Der Autor Abbas Khider
       
       Schließlich verbieten die Mudschaheddin selbst den Tauben das Fliegen. „Der
       Himmel war schon immer ein Ort, an dem sich Götter und Vögel begegnen“,
       heißt es an einer Stelle, doch nun „scheint die Alleinherrschaft eines
       einzigen Gottes Standard zu sein“.
       
       Dieser Roman hat einen riesigen Hintergrund, doch er macht sich erst einmal
       klein. In „Der letzte Sommer der Tauben“ erzählt [1][Abbas Khider] vom
       Alltag einer Familie in einem nicht näher bezeichneten Land – die Hinweise
       weisen auf Afghanistan –, in dem Gotteskrieger die Macht übernahmen und ein
       Kalifat ausriefen. Die Tauben gehören dem 14-jährigen Jungen, der das alles
       erzählt. Schlichte Sätze. Keine breit ausgemalte Psychologie. Vielmehr wie
       blitzartig aufgeblendet kurze Abschnitte. Familienalltag. Details der
       Taubenzucht. Straßenleben.
       
       Am Motiv des verbotenen Taubenflugs sieht man, wie raffiniert hier die
       Bildlichkeit und das Handfeste miteinander verwoben sind. Denn zum einen
       verbieten die Mudschaheddin ihn, weil sie alles verbieten: Alkohol, Tabak,
       Handys, freizügige Bilder, Kartenspiel. Die Tauben als Symbol für die
       Schönheit des Lebens, die Mudschaheddin als deren Zerstörer.
       
       Zum anderen geht es aber auch um konkrete Machtdurchsetzung. Denn die
       Taubenzüchter der Stadt schmuggelten – „Operation Wandertaube“ –
       Nachrichten von den Repressionen aus dem Land heraus. Wie sich die Gewalt
       selbst immer weiter in den Alltag dreht, macht Abbas Khider dabei gekonnt
       deutlich. Dabei braucht er die Gewalt nur anzutippen, um sie aufrufen: Eine
       Frau wird gesteinigt, Menschen werden erschossen und verhaftet. Der
       Erzähler registriert das wie unter Schock.
       
       ## Taubenliebhaber und Gotteskrieger?
       
       Warum berührt dieser Roman so? Abbas Khider findet plastische Bilder.
       Einmal beobachtet der Ich-Erzähler seine Mutter, wie sie kraftvoll Teig
       knetet. „Es sieht aus, als würde sie ihre Sorgen in den Teig drücken.“
       Später hält er das in den Augen der Mudschaheddin gotteslästerliche
       Manuskript seines Onkels Ali, der fliehen muss, in den Händen: „Die Blätter
       zittern, als wäre selbst das Papier vor dem Inhalt auf der Flucht.“
       
       Und zugleich ist die Figurenanlage differenziert. Bakir, der ältere Bruder,
       wird selbst zum Mudschaheddin (rettet dann aber den Onkel). Eine Freundin
       des Erzählers wird, gerade 16-jährig, mit einem Mann namens Abu Islam
       verheiratet, der tatsächlich Ralf Becker heißt und aus Mülheim an der Ruhr
       kommt: ein Deutscher, der sich dem gewaltsamen Kampf für den Islam
       verschworen hat – aber selbst Tauben sehr mag. „Wie kann jemand
       gleichzeitig ein freundlicher Taubenliebhaber und ein Gotteskrieger sein?“,
       fragt sich der Erzähler.
       
       Vor allem aber berührt einen das Vertrauen ins Lesen, das der Roman
       vermittelt. Abbas Khider drückt nicht auf die Tube. Er will nicht glänzen
       und einen nicht beeindrucken. Er poetisiert nicht (nur manchmal beim Flug
       der Tauben). Er berichtet.
       
       In die Grausamkeiten der Gegenwart und in die Traditionen der Literatur
       wirft er diese Geschichte eines 14-jährigen Jungen, seiner Familie und
       seiner Tauben wie eine Flaschenpost. Und er vertraut darauf, dass es
       Leser*innen gibt, die sie finden. Einmal steht die Mutter des Erzählers
       am Fenster und schaut in die Ferne, „als würde sie einen Teil von sich
       vermissen“. Solche Bilder wachsen beim Lesen.
       
       16 Feb 2026
       
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