# taz.de -- Vor der Wahl in Baden-Württemberg: CDU kämpft im Südwesten im Spagat
       
       > Bei der Wahl in Baden-Württemberg will die CDU den Grünen Stimmen
       > wegnehmen – und die AfD kleinhalten. Klappt das? Unterwegs mit drei
       > Wahlkämpfenden.
       
 (IMG) Bild: „Ich will nicht in einem Land leben, in dem die AfD mitregiert.“ CDU-Kandidatin Sengül Engelhorn unterwegs in Mannheim
       
       Eigentlich will Tim Breitkreuz nicht über die AfD reden. Sondern darüber,
       was er und seine Partei im Landkreis Hohenlohe so vorhaben. Also hat er
       gerade über verbindliche Grundschulempfehlungen gesprochen, den
       Breitbandausbau, eine bessere Finanzierung der Kommunen. Doch es dauert
       nicht lange, bis ein Mann fragt: „Wie stehen Sie persönlich zur Abgrenzung
       zur AfD?“
       
       Breitkreuz, 31 Jahre, ein schmaler Typ mit Anzug und Brille, will bei der
       [1][Landtagswahl in Baden-Württemberg] am 8. März im Hohenlohekreis im
       Norden des Landes das Direktmandat für die CDU holen. Der promovierte
       Politikwissenschaftler arbeitet im Landesjustizministerium, sein
       Schwerpunkt: Migration. An diesem Montagabend hat er zum offenen Austausch
       in den Glaspavillon in Forchtenberg geladen, gut 20 Leute sind gekommen,
       meist Männer, viele von ihnen dürften bereits im Rentenalter sein.
       
       In seinem Eingangsstatement hatte Breitkreuz die AfD nur indirekt
       angesprochen. Es mache einen Riesenunterschied, ob es aus Hohenlohe im
       Landtag eine Stimme mit Kontakten in die Opposition oder in die Regierung
       gebe, so hat er das formuliert. Mit dem Mann mit den Kontakten in die
       Opposition ist wohl der Kandidat der AfD gemeint, der andere ist er.
       Inhaltsleerer geht Abgrenzung kaum.
       
       Jetzt, auf die Nachfrage, sagt Breitkreuz: „Eine Koalition mit der AfD
       kommt nicht infrage.“ Deren Wirtschaftspolitik sei in einer Exportnation
       wie Deutschland auch für Hohenlohe ein Arbeitsplatzvernichtungsprogramm.
       Die Werte der AfD seien mit seinem christlichen Menschenbild nicht
       vereinbar. Und dass [2][AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier so viel bei
       Trump und Putin unterwegs sei], zeige doch, wohin die AfD strebe. „Wir
       dagegen wollen, dass die Gesellschaft zusammenhält.“
       
       ## Die AfD im Nacken
       
       Hohenlohe ist ein Wahlkreis mit viel Landwirtschaft und mittelständischen
       Industrieunternehmen im Bereich Elektrotechnik und Maschinenbau. Den Leuten
       hier geht es weitgehend gut, der Erfolg der CDU schien lange
       selbstverständlich. [3][Bis 2021 die Grünen bei der Landtagswahl das
       Direktmandat holten]. Jetzt aber geht Breitkreuz davon aus, dass sich das
       Rennen zwischen ihm und dem AfD-Kandidaten entscheiden wird. Bei der
       Bundestagswahl im vergangenen Jahr bekam die AfD hier 24 Prozent der
       Stimmen, Platz zwei nach der CDU. In Forchtenberg waren es sogar 28,5
       Prozent. Auf ihren Wegweisern wirbt das Städtchen damit, die Geburtsstadt
       Sophie Scholls zu sein.
       
       Wie aber macht man Wahlkampf, wenn man den Grünen die Staatskanzlei
       abnehmen will – die extrem rechte Partei aber als Hauptgegner sieht? Wie
       geht man vor Ort mit der AfD und ihren Kandidat*innen um? Und was denkt
       man hier im Südwesten der Republik über die Gefahr, die von der AfD
       ausgeht?
       
       Laut Umfragen liegt die extrem rechte Partei in Baden-Württemberg bei 20
       Prozent und damit auf Platz drei nach der CDU und knapp hinter den Grünen.
       Damit ist man von Wahlergebnissen, die im Herbst in den ostdeutschen
       Ländern drohen, noch weit entfernt. Aber 20 Prozent heißt eben: Jede*r
       Fünfte im wohlhabenden und bevölkerungsreichen Baden-Württemberg erwägt,
       extrem rechts zu wählen.
       
       Die CDU versucht sich im Wahlkampf an einem politischen Spagat. Sie will
       einerseits Wähler*innen von den Grünen zurückgewinnen. Aber um stärkste
       Partei zu werden, muss sie auch die AfD möglichst kleinhalten und rechte
       Wähler*innen überzeugen. Die taz hat in der vergangenen Woche drei
       Wahlkämpfer*innen begleitet, die ganz verschiedene Herausforderungen
       vor sich haben.
       
       Tim Breitkreuz, der in Hohenlohe die ländliche Bevölkerung bei der CDU
       halten muss.
       
       Andreas Renner, der für die CDU in Pforzheim antritt, wo die radikale
       Rechte traditionell stark ist.
       
       Und Sengül Engelhorn, die in Mannheim kandidiert, das früher Arbeiterstadt
       und SPD-Hochburg war.
       
       ## An der Basis ist man uneins
       
       Im Glaspavillon in Forchtenberg fragt ein CDU-Mitglied: „Die Brandmauer
       gegen die AfD hat versagt, warum sagen wir nicht, wir binden sie ein?“
       Einige am Tisch nicken. Ein anderer widerspricht: „Wir sollten die
       Brandmauer eher verdoppeln!“ Da klopfen ein paar auf den Tisch. Es ist kalt
       in dem kleinen Saal, nach und nach zieht man sich die Jacken an. Aber alle
       bleiben.
       
       Für den Wahlkampf hat Breitkreuz seinen Jahresurlaub genommen. In jedem Ort
       seines Wahlkreises will er eine Veranstaltung und möglichst
       Haustürwahlkampf machen. „Die Leute kommen nicht mehr automatisch zu uns,
       wir müssen zu ihnen gehen“, sagt er, als er am Nachmittag in Forchtenberg
       von Haustür zu Haustür zieht. Zuhören sei anstrengend. „Aber es ist der
       beste Weg, damit die Leute sich wieder wahrgenommen fühlen.“ Auf sein Handy
       hat er eine Karte der Landespartei kopiert. Die Straßenzüge, in denen laut
       Datenanalysen viele potenzielle CDU-Wähler*innen wohnen, sind blau
       markiert.
       
       „Falsche Partei“, knurrt eine Frau Breitkreuz an. An diesem Nachmittag aber
       ist sie eher eine Ausnahme. Auch an seine Stände kämen immer wieder „sehr
       kritische Leute“, erzählt der CDU-Mann. „Die Leute hier sind sehr
       konservativ und rutschen eher rechts vom Pferd als links.“ Proaktiv spreche
       er nicht über Migration, aber das Thema komme immer wieder. „Da hilft die
       aus meiner Sicht erfolgreiche Politik von Alexander Dobrindt sehr.“
       
       ## Die Bundespolitik ist im Wahlkampf nicht hilfreich
       
       Ansonsten hört man auf dieser Reise immer wieder, dass die Bundespolitik im
       Wahlkampf wenig hilfreich sei: zu viel Streit, zu wenig Umsetzung – und
       dazu die gebrochenen Wahlkampfversprechen, etwa was neue Schulden angeht.
       Auch dass der Bundesparteitag der CDU ab Freitag in Stuttgart tagt, wird
       meist bestenfalls mit einem Schulterzucken quittiert. Dabei soll er
       eigentlich Unterstützung im Wahlkampf sein.
       
       Breitkreuz weiß, dass unter CDU-Mitgliedern auch hier im Südwesten
       diskutiert wird, ob eine Zusammenarbeit mit der AfD nicht doch besser sei.
       Weil es nun mal thematische Überschneidungen gebe. Weil die Koalition mit
       der SPD in Berlin vor allem Stagnation bedeute. Und um die AfD zu
       entlarven. „Aber wir haben uns als CDU in Baden-Württemberg auch mit Manuel
       Hagel ganz klar positioniert: Eine Zusammenarbeit mit der AfD ist keine
       Option“, betont Breitkreuz.
       
       Für [4][Manuel Hagel, den Spitzenkandidaten der CDU], der Ministerpräsident
       werden will, ist die Sache eindeutig. Er bekommt bei seiner Wahlkampftour
       durch alle 70 Wahlkreise den meisten Applaus, wenn er sagt: Die AfD sei
       nicht so etwas wie die CDU der 70er Jahre. Denn die habe für Westbindung,
       Aussöhnung mit anderen Völkern und die soziale Marktwirtschaft gestanden.
       Für nichts davon stehe die AfD. „Der wahre Feind der AfD ist nicht Angela
       Merkel, sondern Konrad Adenauer.“ Da wird gejubelt, etwa in der Festhalle
       in Rottenburg.
       
       Aber Hagel nennt die AfD auch das „Fieberthermometer der Gesellschaft“. Und
       es mache „keinen Sinn, wenn man Fieber hat, das Thermometer anzuschreien“.
       Das beste Mittel gegen die AfD sei, die Probleme zu lösen, die die Menschen
       bedrücken. Hagel betont aber auch, es sei egal, woher Menschen kommen und
       wen sie lieben – und markiert damit deutlich die Unterschiede.
       
       ## Forscher sieht AfD-Zuspruch in Zukunftsangst begründet
       
       Warum das Fieber in Baden-Württemberg so hoch ist, erforscht Rolf
       Frankenberger vom Institut für Rechtsextremismusforschung an der Uni
       Tübingen. Sein Team untersucht, wie die Sozialstruktur mit extrem rechten
       Wahlverhalten zusammenhängt. „Die Zustimmung zur AfD ist hier eher durch
       Zukunftsperspektiven bedingt: Einerseits gibt es auch hier eine
       Modernisierungs- und Zukunftsangst in Regionen, die sehr von der
       Autoindustrie abhängen. Andererseits gibt es die Wahrnehmung einer sozialen
       Herabsetzung des Eigenen.“
       
       Die Zustimmung zur AfD erkläre sich hier weniger auf der ökonomischen, als
       auf der kulturellen Ebene, so Frankenberger. An den rechten Hotspots, zu
       denen er auch Hohenlohe zählt, gebe es neben dem demokratischen
       Konservatismus eben auch erzkonservative, christlich-fundamentalistische,
       nationale oder auch völkisch geprägte Subkulturen. Man finde eine starke
       Kontinuität extrem rechten und nationalen Denkens. „Diese Einstellungen
       konnten von der CDU lange sehr gut absorbiert werden, wenn es eben keine
       Krisen oder Herausforderungen gab.“
       
       In Pforzheim will Andreas Renner für die CDU in den Landtag einziehen.
       Renner, 49 Jahre, Pädagoge, war Leiter einer Schule, auf der 93 Prozent der
       Kinder aus Zuwandererfamilien stammen, jetzt ist er als Schulamtsdirektor
       für 38 Grundschulen im Kreis zuständig. Er ist Ortsvorsteher in Pforzheims
       größtem Stadtteil Eutingen und seit anderthalb Jahren CDU-Fraktionschef im
       Gemeinderat. Bei der damaligen Wahl lag die AfD erstmals vorn, doch
       inzwischen hat sich die radikal rechte Fraktion zerlegt. Fragt man Renner,
       wo er innerhalb der CDU stehe, sagt er, dass er konservativ sei. Dann
       erzählt er von seinem Vater, der Pfarrgemeinderatsvorsitzer war. Das
       Katholische habe ihn geprägt. „Ich habe schon immer versucht, mich für
       andere einzusetzen.“
       
       ## Die AfD agiere in Pforzheim extrem schwach, sagt Renner
       
       Am Dienstagabend hat die Pforzheimer Zeitung die
       Landtagskandidat*innen zum Wahlcheck geladen, ein
       durchchoreografierter Abend, bei dem diese kurze Antworten geben sollen und
       untereinander kaum ins Gespräch kommen. Selbst wenn er wollte: Den
       AfD-Kandidaten angehen, das könnte Renner hier nicht. Aber das ist auch
       nicht seine Strategie. Die AfD agiere in Pforzheim extrem schwach, sagt
       Renner vor der Veranstaltung. Kritik bedeute Aufmerksamkeit, die sie gar
       nicht verdiene. „Ich versuche zu transportieren, wofür ich stehe.“
       
       Im Gemeinderat ist Renner nicht grundsätzlich dagegen, dass die CDU auch
       mal für Anträge der AfD stimmt. Bisher aber sei es dazu nicht gekommen.
       Wenn die AfD aber mal einen sinnvollen Vorschlag machen würde, wie etwa die
       Einführung eines Zebrastreifens, warum solle man das dann nicht
       unterstützen? „Das ist dann ja kein AfD-Zebrastreifen“, sagt er. Von dem
       Argument, dass dies zu einer weiteren Normalisierung der extrem rechten
       Partei führe, hält er nichts. Ein Nein zu einem Zebrastreifen sei nach
       außen schlicht nicht zu vermitteln.
       
       Bei dem Panel der Pforzheimer Zeitung haben sich AfD-Anhänger*innen im
       Publikum verteilt und klatschen bei jeder Gelegenheit. Und die
       Christdemokraten? Claqueure habe er keine mitgebracht, sagt Renner später
       auf Nachfrage. „So bin ich nicht.“ Etwas Unterstützung allerdings könnte
       bei einer zentralen Wahlveranstaltung kaum schaden. Wo also sind die
       Christdemokraten? Über deren Engagement im Wahlkampf hatte sich jüngst
       sogar die mit Kritik sparsame Pforzheimer Zeitung Gedanken gemacht. Anlass
       war ein Besuch von Landesinnenminister und CDU-Mann Thomas Strobl, zu dem
       nur 17 Besucher*innen kamen. Renner selbst sagt, dass er bei einem
       Termin am Montagnachmittag mehr gar nicht erwartet habe.
       
       In Pforzheim ist die Arbeitslosigkeit hoch, viele Jobs sind dem
       Strukturwandel zum Opfer gefallen, zuletzt waren durch die Pleite des
       Versandhauses Klingel auf einen Schlag rund 1.300 Arbeitsplätze weg. Viele
       Migrant*innen leben hier. Und dann gibt es noch Haidach, ein auf dem
       Reißbrett geplantes Wohnviertel, in dem vor allem Spätaussiedler leben.
       2015 hat man hier in einem ehemaligen Industriegebäude Geflüchtete
       untergebracht, es formierte sich eine Bürgerwehr. In Haidach hat man früher
       CDU gewählt, jetzt ist es weitgehend blau: Bei der Bundestagswahl haben
       hier 57 Prozent für die AfD gestimmt.
       
       ## Weit rechte Kontinuitäten in Pforzheim
       
       In Pforzheim ist die extreme Rechte schon seit Jahrzehnten stark. In den
       60er und 70er Jahren schnitt die NPD hier überdurchschnittlich ab, in den
       90ern galt Gleiches für die „Republikaner“. Schon 2016 holte die AfD hier
       bei der Landtagswahl das Direktmandat. Bei der Gemeinderatswahl vor knapp
       zwei Jahren wurde sie mit 22 Prozent stärkste Kraft, bei der Bundestagswahl
       lag sie mit gut 25 Prozent auf Platz zwei hinter der CDU. Am vergangenen
       Freitag hält die AfD hier ihre bisher größte Veranstaltung im
       Landtagswahlkampf ab. Mit [5][Parteichefin Alice Weidel] und Markus
       Frohnmaier, der zwar Ministerpräsident werden will, aber nicht für den
       Landtag kandidiert – im CCP, dem Kongresszentrum der Stadt, das 2.000
       Menschen fasst.
       
       Zu den beiden Gegenprotesten sind bei Regen einige Hundert Menschen
       gekommen. Zu einer Kundgebung hatte die Bürgerbewegung „#Zusammenhalten
       Pforzheim“ auch die Landtagskandidat*innen eingeladen. CDU-Mann
       Andreas Renner war nicht da, wegen Wahlkampfterminen.
       
       Die Rechtsextremismusforscher*innen um Rolf Frankenberger haben
       sich auch damit beschäftigt, was einen Ort gegen extrem rechte
       Einstellungen widerstandsfähig macht. Er sagt: „Man sollte vor allem nicht
       diejenigen aus dem Blick verlieren, die nicht die AfD wählen. Wichtig ist,
       wie sich Vereine, Kirchen, Zivilgesellschaft und Unternehmen vor Ort
       positionieren und vernetzen.“ In Pforzheim versucht die Bürgerbewegung
       genau das. Resilient, so Frankenberger, seien vor allem Gemeinden, in denen
       es breite Bündnisse gibt. In die auch demokratisch-christlich-konservative
       und bürgerliche Kräfte eingebunden seien.
       
       ## AfD-Spitzenkandidat drischt auf die CDU ein
       
       AfD-Frontmann Frohnmaier beschwört im Wahlkampf das immer gleiche
       Feindbild: Die Union, die mit konservativen Positionen Wahlkampf mache und
       dann grüne Politik durchsetze. „Diese CDU ist nicht mehr ernst zu nehmen“,
       wetterte er schon im Januar auf der Bühne der Badnerlandhalle in Karlsruhe.
       600 Anhänger waren da gekommen, für mindestens 200 weitere draußen vor der
       Tür war in der Halle kein Platz mehr.
       
       Beim Thema CDU geriet der Saal in Wallung. Jubel, wenn Frohnmaier sagte,
       „schlimmer als Merkel sind Hagel und Merz“. Als er herausfordernd fragte:
       „Wer hat die Grenzen aufgemacht?“, „Wer hat der Kernkraft ein Ende
       gesetzt?“ und „Wer ist für das Lieferkettengesetz verantwortlich?“. Jedes
       Mal schrie das Publikum „C-D-U“ zurück. Es war die gleiche Veranstaltung,
       in welcher der AfD-Fraktionschef im Landtag, Emil Sänze, der auf Platz eins
       der Landesliste steht, sagte: „Markus Söder ist ja nicht nur körperlich,
       sondern manchmal auch geistig behindert. Aber wir lassen ihn leben. Er ist
       ja manchmal ganz witzig.“
       
       Es ist eine kalkulierte Doppelstrategie der Rechtsextremen: Neben
       hasserfüllten Attacken erklärt Frohnmaier in Interviews leutselig, er würde
       jederzeit mit der CDU über Zusammenarbeit reden. Aber es sei ja Manuel
       Hagel, der mit ihm nicht einmal einen Espresso trinken mag. So treibt die
       AfD ihr erklärtes Ziel voran: die CDU zu zerstören.
       
       ## Verweigerter Handschlag für die AfD
       
       Sengül Engelhorn hat einen anderen Hauptgegner als ihre beiden
       Parteifreunde in Hohenlohe und Pforzheim, zumindest was das Direktmandat
       angeht. Im Mannheimer Süden, wo die 50-Jährige kandidiert, haben die Grünen
       bei der vergangenen Landtagswahl mit fast 36 Prozent das Direktmandat
       geholt, das war noch deutlich mehr als landesweit. „Aber das war noch eine
       andere Zeit“, sagt Engelhorn, während sie am Mittwochnachmittag durch das
       Almenviertel läuft, in der Hand Wahlwerbung, im Schlepptau einen
       Jurastudenten von der Jungen Union. Engelhorn geht von Tür zu Tür, hier
       gibt es vor allem Ein- und Zweifamilienhäuser. Ausgesucht hat sie die
       Gegend nach der Potenzialanalyse der Landespartei, die auch Tim Breitkreuz
       verwendet hat. Sie klingelt nur an Häusern mit maximal drei Wohnungen, das
       hat die Partei so empfohlen.
       
       Meist wird sie freundlich empfangen. Und wenn es mal „nein, danke“ heißt,
       sagt Engelhorn: „Hauptsache, Sie wählen demokratisch.“ Das meine sie auch
       wirklich so, sagt sie zurück auf der Straße. „Ich will nicht in einem Land
       leben, in dem die AfD mitregiert.“ Die AfD spalte und schüre Angst, sie sei
       nicht die Antwort auf die Herausforderungen des Landes. „Sie ist selbst
       eines der größten Probleme.“ Im Gemeinderat weigere sie sich, den
       AfD-Stadträten die Hand zu geben, erzählt Engelhorn. „Das widerspricht mir
       eigentlich, ich wurde zur Höflichkeit erzogen.“
       
       Ihre Familie stammt aus einem Dorf in der Türkei, der Vater kam als
       sogenannter Gastarbeiter nach Mannheim. Als sie fünf war, holte er die
       Familie nach. Engelhorn, deren Mutter Analphabetin war, hat
       Betriebswirtschaft studiert und in eine Mannheimer Unternehmer-Familie
       eingeheiratet: Dieser gehören mehrere Kaufhäuser in der Innenstadt, dazu
       Gastronomie inklusive eines Zwei-Sterne-Restaurants. Als ihre drei Kinder
       groß waren, hat sie erfolgreich für den Gemeinderat kandidiert.
       
       ## Mit dem Innenminister beim Griechen
       
       Am Abend sitzt Engelhorn im Rhodos, einer Kneipe mit Raucherteil im
       Szeneviertels Jungbusch, daneben junge Leute, die nicht gerade wie die
       CDU-Kernklientel aussehen. Vor Engelhorn auf dem Tisch stehen Ouzogläser,
       mit ihr sitzen daran: ein CDU-Stadtrat, Innenminister Strobl und der Wirt,
       Anastasios Kosmadakis, von allen hier Saki genannt. Saki und das Rhodos,
       das am Wochenende bis fünf Uhr morgens geöffnet hat, sind eine Institution.
       1970 hat Kosmadakis Vater, ein sogenannter Gastarbeiter aus Griechenland,
       den Laden als Restaurant aufgemacht, heute kommt man zum Trinken und Feiern
       hierher.
       
       Am Tisch erzählt Kosmadakis, wie der Jungbusch vom Arbeiterviertel über den
       sozialen Brennpunkt zum Ausgehviertel wurde. Und er erklärt seine
       Philosophie: Dass man „schaffen“ müsse, also hart arbeiten, und die
       Menschen Respekt voreinander bräuchten. „Es ist hier kein super
       Miteinander, aber ein funktionierendes Nebeneinander.“ Darauf stößt
       Engelhorn mit ihm an.
       
       Statt mit Strobl eine Wahlkampfveranstaltung zu machen, hat sie ihn zu
       einer Begehung des Jungbuschs geladen. „Ich will ihm zeigen, dass man
       verhindern kann, dass ein Viertel kippt“, sagt sie kurz vor Strobls
       Eintreffen und berichtet vom Start-up-Zentrum und der Popakademie, die hier
       entstanden sind. Später will sie den Besuch in den sozialen Medien posten.
       
       Zuletzt war in Engelhorns Wahlkampf Gitta Connemann, die Vorsitzende des
       CDU-Wirtschaftsflügels, zu Gast. Dass diese kurz vorher mit ihrem Antrag
       gegen „[6][Lifestyle-Teilzeit]“ von sich reden machte, hat die
       Veranstaltung nicht leichter gemacht. „Davon halte ich gar nichts“, sagt
       Engelhorn. „Wir müssen mit Anreizen arbeiten, nicht mit Verboten.“
       
       Mannheim, alte Industrie- und Arbeiterstadt, war lange eine Hochburg der
       SPD, das galt ganz besonders für den Norden der Stadt. 2016 aber nahm die
       AfD der SPD bei der Landtagswahl das Direktmandat ab, dann holten es die
       Grünen. Zuletzt verloren die Sozialdemokraten nach über 50 Jahren den
       Oberbürgermeisterposten an die CDU, bei der Bundestagswahl gewann die
       CDU-Direktkandidatin. In manchen Bezirken im Norden aber lag die AfD klar
       vorn.
       
       Für die CDU steht in Baden-Württemberg viel auf dem Spiel, sie braucht hier
       dringend den Sieg, um mit neuer Energie in dieses schwierige Wahljahr zu
       starten. Gelingt der Spagat? Das müssen auch Tim Breitkreuz, Andreas Renner
       und Sengül Engelhorn erst noch beweisen.
       
       19 Feb 2026
       
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