# taz.de -- Wahlkampf in Baden-Württemberg: Daumen hoch mitten in der Krise
       
       > Vier Wochen vor den Landtagswahlen haben die Spitzenkandidaten den
       > Deutschen Gewerkschaftsbund besucht. Den Klassenkampf wagt diesmal der
       > Außenseiter.
       
 (IMG) Bild: Ein Wahlplakat der Grünen zu den Landtagswahlen am 8. März 2026
       
       Da sind sie wieder, die Daumen. Wie schon bei einer Debatte bei den
       Arbeitgebern [1][zu Beginn des Wahlkampfs] sollen die Spitzenkandidaten nun
       auch bei der Wahlarena des DGB nach jedem Themenblock für Zustimmung zu
       einer These einen Pappdaumen in die Höhe halten. Unklarheit kommt auf bei
       der Frage, ob Kitas kostenlos sein sollen. Özdemir hält den Daumen nach
       oben, will aber nur das letzte Kitajahr kostenlos und verpflichtend haben.
       Ganz wie CDU-Kandidat Manuel Hagel. Der hält aber den Daumen nach unten.
       
       Es sind noch 25 Tage bis zur Wahl, die x-te Wahlkampfarena, und noch immer
       vermeiden es die beiden Spitzenkandidaten [2][Özdemir] und [3][Hagel],
       wirklich mal in die offene Feldschlacht zu ziehen. Warum auch? Alle
       Umfragen zeigen, dass es jenseits der AfD wohl nur für eine mögliche
       Koalition reicht: nämlich die zwischen CDU und Grünen. Da bleibt man lieber
       freundlich, auch wenn die Zeiten hart sind.
       
       Denn [4][Tausende Arbeitsplätze] gehen in Baden-Württemberg gerade
       verloren. Die Autobauer und vor allem die Zulieferer, die Jahrzehnte für
       Wohlstand sorgten, streichen Arbeitsplätze im Wochentakt. Die Lösungen
       dafür liegen aber nicht in der Landespolitik, erklärt Cem Özdemir und zählt
       erst einmal auf, was die Europäische Union tun sollte, um die
       wirtschaftliche Großwetterlage zu verbessern. Manuel Hagel will
       Sonderwirtschaftszonen in Baden-Württemberg, in denen weniger Regularien
       und womöglich auch niedrigere Steuersätze gelten. Matter Applaus für beide.
       
       Es ist nicht so, dass Özdemir nicht gekonnt Fühlung mit dem
       Gewerkschaftspublikum aufnimmt. Er beschwört unter Verweis auf seine
       Herkunft ein Schulsystem, bei dem Bildungserfolge nicht mehr vom Elternhaus
       abhängig sind. Er erinnert an den Gewerkschafter und Antifaschisten Willi
       Bleicher, nach dem der Veranstaltungssaal benannt ist. Er geißelt die
       willkürliche Entscheidung der Landesbauministerin von der CDU, die
       Unistädte wie Mannheim und Konstanz von der Mietpreisbremse ausgenommen
       hat.
       
       Aber das alles bleibt seltsam unverbindlich. Vielleicht auch, weil Özdemir
       diese Rede schon öfter gehalten hat und die Moderatoren des Abends alle
       Kandidaten mit ihren Textbausteinen davonkommen lassen.
       
       ## Ein bisschen Klassenkampf von der SPD
       
       Etwas Reibung in die Debatte bringt der SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch.
       Der weist darauf hin, dass in der Krise plötzlich jene Mitarbeiter, die
       durch ihre Arbeit für Rekordgewinne gesorgt haben, von den Unternehmen als
       das Problem dargestellt werden. Auch kritisiert er das wohlfeile Bekenntnis
       von Özdemir und Hagel zur Sozialpartnerschaft: Es sei die grün-schwarze
       Landesregierung gewesen, die ihr Tariftreuegesetz, das dafür sorgen soll,
       dass das Land nur Unternehmen beauftragt, die nach Tarif bezahlen, nicht
       konsequent umgesetzt hat und das als Bürokratieabbau verkauft.
       
       Kim-Sofie Bohnen, eine von drei Spitzenkandidatinnen der Linkspartei, sorgt
       für die gefühligen Akzente, erzählt wie immer von ihren Erfahrungen im
       Haustürwahlkampf, den die Linkspartei erfunden zu haben scheint. Man wolle
       den Menschen die Ängste um den Verlust von Wohnung und Arbeit nehmen, sagt
       sie, erklärt aber nicht wie. Bohnen bringt es fertig, gleichzeitig
       kostenlose Kitas und bessere Löhne für Erzieherinnen und Erzieher zu
       fordern, ohne die Kostenfrage auch nur anzusprechen.
       
       Da kann sich Erik Schweikert von der FDP nicht mehr halten und greift zum
       letzten Mittel: die Landesregierung zu verteidigen. „Ich bin ja nicht der
       Pressesprecher von Grün-Schwarz“, sagt er und erklärt dann aber doch, dass
       die Koalition ja nun gerade den Lohn für Erzieher so [5][erhöht habe], dass
       sich das andere Berufsgruppen im öffentlichen Dienst zum Vorbild nehmen.
       Özdemir und Hagel nicken.
       
       Insgesamt wirkt das Format auch deshalb über weite Strecken aus der Zeit
       gefallen, weil das Publikum keine Chance für Fragen und Interventionen
       bekommt. Aber auch, weil die Sorge vor Populismus und gesellschaftlicher
       Spaltung zwar von allen beschworen wird, der Kandidat der 20 Prozent
       starken AfD aber mal wieder nicht anwesend ist. Beim Podium des
       organisierten Handwerks im Januar hatte Markus Frohnmaier aus Termingründen
       abgesagt. Beim DGB war er erst gar nicht eingeladen. Die Gewerkschaften
       stehen bundesweit vor Betriebsratswahlen und wollen die Zahl der rechten
       Vertreter möglichst klein halten. Aber Ausblenden ist wohl auch keine
       Lösung.
       
       11 Feb 2026
       
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