# taz.de -- CDU-Politiker Manuel Hagel: Von der Sparkasse in die Spitzenpolitik
       
       > Jung, ehrgeizig, strategisch geschult – Manuel Hagel gilt als große
       > Hoffnung der Südwest-CDU. Im Wahlkampf zeigt sich: Talent allein reicht
       > nicht.
       
 (IMG) Bild: Der CDU-Politiker Manuel Hage könnte der nächste Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden
       
       Langsam geht dem Bläserquartett die Puste aus – aber wo ist der Kandidat?
       Der steht noch draußen im Foyer, vertieft in Gespräche mit Honoratioren.
       Das Publikum wartet. Als er dann endlich den Saal betritt, haben die
       Musiker schon aufgegeben. Freundlicher Applaus, Hagel winkt kurz in den
       Saal, dann geht’s los.
       
       Ein solider, wenn auch etwas hüftsteifer CDU-Wahlkampfabend in der
       Festhalle in Rottenburg nimmt seinen Lauf. Einer von über 100 im ganzen
       Land. Der dunkle holzgetäfelte Saal, Baujahr 1900, ist gut gefüllt, aber
       nicht brechend voll. Anders als einige Wochen später beim grünen
       Gegenkandidaten.
       
       Die alte Römerstadt ist ein liberales Pflaster. Rottenburg ist Mitglied der
       Seenotrettung, die einzige mit einem CDU-Stadtoberhaupt. Oberbürgermeister
       Stephan Neher hält ein recht reserviertes Grußwort auf Hagel. Bei der
       Flüchtlingspolitik setzt der OB auf Aufnahme, der Kandidat auf Begrenzung.
       Immerhin bei der [1][strikten Abgrenzung zur AfD] sind sie sich einig.
       Dafür bekommt Hagel den meisten Applaus. Am Schluss gibt es noch ein
       Fläschchen örtlichen Schnaps, den sie auch schon Angela Merkel geschenkt
       haben. Vielleicht ein kleiner Hinweis, dass die Kanzlerin hier noch ein
       paar Fans hat.
       
       ## Politik dort gelernt, wo die CDU-Welt noch wie früher ist
       
       Der Weg zurück an die Macht ist für die CDU im Südwesten lang und mühsam.
       Trotzdem könnte der Wahlabend am 8. März der Triumph des Manuel Hagel
       werden. Er hat Chancen, in Baden-Württemberg wieder das herzustellen, was
       seine CDU eigentlich für den Normalzustand hält: einen Unions-Mann auf dem
       Ministerpräsidentenposten. Hagel wäre dann gerade noch 37 Jahre alt. Sein
       zeitweiliges Vorbild, der frühere österreichische Bundeskanzler Sebastian
       Kurz, war bei Amtsantritt noch mal sechs Jahre jünger.
       
       Vielleicht war nicht jedem im Saal in Rottenburg vorher der Name dieses
       jungen, stets korrekt frisierten Mannes geläufig gewesen. [2][So geht es
       jedem fünften] der Badener und Württemberger. Dennoch lag die CDU vor
       einigen Wochen noch 6 Prozent vor den Grünen, in dieser Woche waren es nur
       noch 1 Prozent. Und nur 19 Prozent würden Hagel direkt wählen, seinen
       Gegenkandidaten [3][Cem Özdemir dagegen 30 Prozent]. Könnte also eng
       werden.
       
       ## „Sie kennen mich nicht“
       
       Hagel macht Witze darüber: Anders als damals Merkel mit dem Slogan „Sie
       kennen mich“ müsste er eher „Sie kennen mich nicht“ plakatieren.
       
       Deshalb hier eine kurze Zusammenfassung dessen, was in den letzten 15
       Jahren im Leben des Manuel Hagel geschah: Mittlere Reife, Bankausbildung,
       2009 Filialleiter der Sparkasse seines Heimatorts. Für die CDU sitzt er im
       Gemeinderat, dann im Kreisrat, ist Kreisvorsitzender, Generalsekretär und
       Fraktionsvorsitzender. Und dann, 2023, auch Parteivorsitzender. Daneben
       gründete Hagel eine Familie und ist Vater von drei Kindern. Sein Gegner,
       Politroutinier Cem Özdemir, war auch mal der Jüngste und macht heute einen
       Wahlkampf, den man mit dem alten Slogan eines Haushaltsgeräteherstellers
       zusammenfassen könnte: aus Erfahrung gut.
       
       Um da auf Augenhöhe zu sein, versucht Hagel gelegentlich, etwas mehr zu
       scheinen, als er ist. In seinem alten Job bei der Bank durfte er sich als
       Filialleiter aus nicht ganz verständlichen Gründen „Direktor“ nennen. Auf
       seiner Abgeordnetenseite bezeichnete sich Hagel zudem lange als
       diplomierten Bankbetriebswirt – ohne den Zusatz, dass er diesen Abschluss
       nicht nach einem Studium erhalten hat, sondern nach einer Fortbildung der
       „Frankfurt School of Finance & Management“.
       
       ## Acht Jahre altes Video
       
       [4][Und zwei Wochen vor der Wahl erscheint ein acht Jahre altes Video], in
       dem Hagel in einem Regionalsender über einen Termin in einer Schule
       schwärmt: „80 Prozent Mädchen. Da gibt es für 29-jährige Abgeordnete
       schlimmere Termine.“ Über die „rehbraunen Augen“ eine Schülerin sagte er,
       die werde er „nie vergessen“. In seiner Stellungnahme gibt er sich wenig
       Mühe. „Mist“ sei das gewesen. Die moralische Einordnung delegiert er an
       seine Frau: Die habe ihm dafür damals tüchtig den Kopf gewaschen, sagt
       Hagel.
       
       Je länger also der Wahlkampf dauert, desto mehr Risse zeigt die
       spiegelglatte Oberfläche. Dabei will Hagels CDU doch Verlässlichkeit
       signalisieren. Gerade in der Unsicherheit wählten die Leute die Union, sagt
       Hagel. Und während bei Bosch, ZF Friedrichshafen und Daimler Arbeitsplätze
       abgebaut werden, verbreitet Hagel im Wahlkampf mit seiner „Agenda der
       Zuversicht“ und seinen Instagram-Bildern, unterlegt mit „Can’t Stop“ von
       den Red Hot Chili Peppers, irritierend gute Laune.
       
       In seinen Reden appelliert Hagel an Tüftlergeist und Findigkeit im
       Südwesten. Man habe doch aus dem „Minus zwischen Baden und Württemberg ein
       echtes Plus“ gemacht, kalauert er. Seine Rezepte sind seltsam nostalgisch.
       Gegen Wohnungsnot verspricht er Zuschüsse fürs Eigenheim, als wäre
       Häuslebauen im dicht besiedelten Baden-Württemberg die Lösung. Er
       verspricht mit der Gründergeste eines Lothar Späth eine elfte Universität
       für KI im Land, obwohl das Land da schon vorn mitspielt. Sinn und
       Finanzierung des Projekts bleiben unklar. Selbst in den eigenen Reihen, so
       schreiben es die Kollegen von Kontext, nennen sie ihn heimlich den
       „Phrasen-Hagel“.
       
       Aber vielleicht glaubt Hagel solchen Politkitsch auch ein bisschen selbst.
       Denn Politik hat er dort gelernt, wo die CDU-Welt auch nach 15 grünen
       Regierungsjahren noch wie früher ist. Das Städtchen Ehingen, eine halbe
       Autostunde von Ulm entfernt, knapp 28.000 Einwohner, drei Kirchen, vier
       Brauereien. Touristen werden mit der Bierkultur angelockt. Im properen
       historischen Ortskern gibt es, so weit das Auge reicht, kein
       Stadtbild-Problem.
       
       ## Fastnacht, Feuerwehr, Sparkasse
       
       Hier hat die CDU auch während der Kretschmann-Ära im Gemeinderat noch
       unangefochten die Mehrheit. Das sogenannte politische Vorfeld – Fastnacht,
       Feuerwehr, Sparkasse – ist fest in der Hand von Konservativen. Auch wenn
       Hagel wohl aus nicht ganz idyllischen Familienverhältnissen kommt. Der
       Vater ist Polizeibeamter, quittiert vorzeitig den Dienst, das Geld ist eher
       knapp. Aber einer wie Hagel kann hier mit Fleiß, Gespür und den richtigen
       Kontakten schnell nach oben kommen.
       
       Hagel sei extrem umtriebig, heißt es. „Nicht einmal der Manu selbst weiß,
       in wie vielen Vereinen er Mitglied ist“, sagen sie im Ort. Ein persönlich
       angenehmer Typ sei er, der mit seinen Mitmenschen auskommen wolle und immer
       gesprächsbereit sei, so beschreiben ihn Stadtratskollegen. Ein Vertreter
       jener CDU, die sonntags das hohe Lied auf den Erhalt der Schöpfung und
       Heimat singt, aber wenn es dann um ein Neubaugebiet oder um die Erweiterung
       des Werksgeländes vom größten Arbeitgeber vor Ort geht, zuverlässig für den
       Flächenfraß stimme, beobachten Grüne. „Der Boden sei ja nicht weg, sondern
       dann nur anders genutzt“, habe Hagel ihm mal erklärt, wie sich ein grüner
       Gemeinderat erinnert.
       
       ## Seine Devise als Spitzenkandidat: Reibung vermeiden
       
       2016 zieht Hagel mit dem besten CDU-Wahlergebnis seiner Partei in den
       Landtag ein. Parteichef Thomas Strobl macht ihn gleich zum jüngsten
       Generalsekretär. Er ist Teil von Strobls Modernisierungsprojekt, das die
       Honoratiorenpartei im Südwesten jünger und weiblicher machen soll. Hagel
       ist da grade 28 und die Union im Südwesten tief zerstritten. Mit zahllosen
       Gesprächen, so berichten es Parteifreunde, habe Hagel die Gräben
       zugeschüttet – und wohl auch mit vielen Versprechen.
       
       Wer Hagel als Generalsekretär kennenlernte, vor dem saß ein extrem gut
       vorbereiteter Politiker, der sein Weltbild mit kompakten Schlagworten
       beschreiben konnte. Tradition und Moderne, Bewahrung der Schöpfung als
       konservativer Wert. Innere Sicherheit als Unions-Kernthema, aber auch
       Weltoffenheit, was Glauben und sexuelle Orientierung angeht.
       
       ## „Wechselt recht schnell das Thema, wenn man nachfragt“
       
       „Der Manuel kennt sich in erstaunlich vielen Themen auf den ersten Blick
       gut aus“, sagt einer, der ihn lange kennt. Aber es gehe dann im Gespräch
       nicht wirklich in die Tiefe. „Er wechselt recht schnell das Thema, wenn man
       nachfragt.“ Dafür kennt Hagel alle Erhebungen und Untersuchungen zum
       Wählerverhalten und alles zur Empirie von Wahlkämpfen.
       
       Bei der Landtagswahl 2021 ist er für den Wahlkampf der Spitzenkandidatin
       Susanne Eisenmann verantwortlich. Eine Frau mit eigenem Kopf und
       gelegentlich harschem Ton. Es ist der Coronawahlkampf. Als seine
       Spitzenkandidatin, die damals auch Kultusministerin ist, gegen die Linie
       der eigenen Kanzlerin trotz hoher Infektionszahlen Schulöffnungen verlangt,
       distanziert sich Hagel unverhohlen. Das ist nicht mehr sein Wahlkampf und
       auch nicht seine Niederlage.
       
       Und jetzt, fünf Jahre später als Spitzenkandidat, heißt seine Devise:
       Reibung vermeiden. Auch wenn seine Partei gern mehr Wölfe abschießen würde
       – zum Wahlkampf-Porträt mit dem Spiegel erscheint der passionierte Jäger
       auf seinem Hochsitz lieber ohne Gewehr. Wer, wie die taz, für ein Interview
       mit Hagel wie üblich bei der Presseabteilung Themen ankündigt, muss mit dem
       Anruf eines Mitarbeiters rechnen, der kritische Themen rausverhandeln will:
       „Das kann ich meinem Chef so nicht vorlegen.“
       
       ## Vorher dagegen, jetzt dafür
       
       Das sei nix Neues, erfährt man in Ehingen. Hagel habe schon immer genau
       gewusst, bei welchen Abstimmungen im Gemeinderat er besser fehlt, um später
       nicht auf diese oder jene Position festgelegt zu werden, erzählen
       Ratskollegen. Auch im Landtag bleibe der Sitz des Fraktionschefs immer dann
       leer, wenn zu befürchten ist, dass man ihn in der Debatte auf Positionen
       festnagelt. Im Sommer sagte Hagel, er könne sich ein Social-Media-Verbot
       für Kinder vorstellen. Später erklärt er: Verbote nur während des
       Unterrichts. Dann beschließt die CDU auf ihrem Bundesparteitag eine
       Altersgrenze. Jetzt ist Hagel dafür.
       
       Hagel habe noch nie regiert, sagen seine Gegner. Auch Vorgänger wie
       Oettinger und Kretschmann seien vom Fraktionsvorsitz nach der Wahl schnell
       zum Regierungschef gereift, sagen Anhänger. Er lege seit Jahren eine steile
       Lernkurve hin, loben Berater. Aber reicht das? Kann man Ministerpräsident
       by doing werden? Möglich, dass Manuel Hagel das bald beweisen muss. Falls
       ihm nicht die Puste ausgeht.
       
       4 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Vor-der-Wahl-in-Baden-Wuerttemberg/!6155293
 (DIR) [2] https://www.staatsanzeiger.de/nachrichten/politik-und-verwaltung/umfrage-nur-wenige-halten-cdu-kandidaten-hagel-fuer-zu-jung/
 (DIR) [3] https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.umfrage-zur-landtagswahl-oezdemir-toppt-hagel-cdu-sticht-gruene.580d7322-abbf-400a-96fd-b6b305896efe.html
 (DIR) [4] /Sexistische-Aussagen-von-Hagel/!6157841
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Benno Stieber
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Wahl in Baden-Württemberg
 (DIR) Manuel Hagel
 (DIR) CDU Baden-Württemberg
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Wahlkampf
 (DIR) Porträt
 (DIR) Politiker
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Wahl in Baden-Württemberg
 (DIR) CDU Baden-Württemberg
 (DIR) Wahl in Baden-Württemberg
 (DIR) Wahl in Baden-Württemberg
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Landtagswahl in Baden-Württemberg: Das grün-schwarze Land – mit starkem Braunstich
       
       Wie haben die Parteien abgeschnitten? Wo sind ihre Hochburgen? Wohin sind
       die Wähler:innen gewandert? Und was ist mit den Kleinparteien? Alle
       Grafiken zur Wahl.
       
 (DIR) CDU in Baden-Württemberg: Vorsprung verhagelt
       
       Spitzenkandidat Manuel Hagel erreicht mit seiner CDU zunächst nur Platz 2.
       Er unterliegt dem weit erfahreneren Cem Özdemir.
       
 (DIR) Umfrage zur Landtagswahl in BaWü: Ach du grüne Neune
       
       Vor der Wahl in Baden-Württemberg holen Cem Özdemir und die Grünen in einer
       neuen Umfrage auf und liegen fast gleichauf mit der CDU von Manuel Hagel.
       
 (DIR) Vor der Wahl in Baden-Württemberg: CDU kämpft im Südwesten im Spagat
       
       Bei der Wahl in Baden-Württemberg will die CDU den Grünen Stimmen wegnehmen
       – und die AfD kleinhalten. Klappt das? Unterwegs mit drei Wahlkämpfenden.