# taz.de -- Arte-Film über Giorgia Meloni: Ein Angebot, das wir unbedingt ablehnen müssen
       
       > Eine Arte-Doku spürt den politischen Leitbildern der italienischen
       > Ministerpräsidentin nach. Ist Giorgia Meloni am Ende ein Vorbild für
       > Deutschland?
       
 (IMG) Bild: Mario Draghi übergibt das Amt des italienischen Ministerpräsidenten an Giorgia Meloni
       
       Giorgia Meloni ist ein Hoffnungsträger – und zwar weit über ihren „Clan“,
       wie [1][eine neue Arte-Doku] ihr Netzwerk nennt, hinaus. Auch aus
       deutsch-fortschrittlichen Kreisen hört man nun bisweilen, die italienische
       Ministerpräsidentin und ihre Partei Fratelli d’Italia seien doch zumindest
       ein Hinweis darauf, wie sich eine rechtsextreme Partei in
       Regierungsverantwortung zu einer verlässlichen Kraft entwickeln könne –
       sozusagen eine Einladung an die AfD, Melonis Weg zu folgen.
       
       Die einzigen allerdings, die das noch nicht mitbekommen haben, sind die
       alten Kameraden von der AfD selbst, die verächtlich von
       [2][„Melonisierung]“ spricht, also von der Gefahr, dass die
       menschenfeindliche Ideologie auf der Strecke bleiben könnte, wenn die
       Machtergreifung erst mal gelungen ist.
       
       Es ist dann Meloni selbst, von der diese sehenswerte Dokumentation den
       Beweis liefert, was nach wie vor Kernziel ihrer rechtsoffenen Regierung
       ist: „Die wichtigste Freiheit der Bürger ist eine Sicherheit, die ihnen der
       Staat garantiert“, so Meloni bei einem Auftritt im Juni vergangenen Jahres.
       
       ## Mythos über faschistische Dikatur
       
       Mit anderen Worten: Unsere zentrale Freiheit als Bürger:innen eines
       demokratischen Staates bestünde darin, auf eben diese Freiheit zugunsten
       der Staatsmacht und der von ihr gegen alle „unanständigen Personen“
       (Meloni) zu verteidigenden Sicherheit zu verzichten. Das genau ist einer
       der populären Mythen – neben dem, dass die Bahn immer pünktlich kam –, die
       sich während und über den Sturz der faschistischen Diktatur in Italien
       hinaus hartnäckig gehalten haben: Unter dem [3][Machthaber Benito
       Mussolini] habe man „bei offenen Türen“ schlafen können.
       
       Hier ist es, das rechtsextreme Programm für die Regierung einer Mittelmacht
       wie Italien – drittgrößte Volkswirtschaft der EU, Platz 8 unter den größten
       Volkswirtschaften der Welt –, die außenpolitisch gar nicht anders kann, als
       dass sie in enger Abstimmung mit und nur in Ausnahmefällen in vorsichtiger
       Abgrenzung zu den größeren Playern Deutschland, EU, USA agiert.
       
       Moderne rechtsextreme Politik ist wesentlich Innenpolitik, lernen wir in
       „Giorgia Meloni: Die Macht des Clans“, ist Identitäts- und
       Erinnerungspolitik und zur Absicherung des Ganzen [4][entscheidend
       Medienpolitik.] Und ihr Ergebnis ist nicht mehr Freiheit für den Einzelnen
       oder das demokratische Kollektiv, sondern Machtkonzentration in den Händen
       weniger, eben des „Clans“, von dessen Wurzeln in der neofaschistischen
       Szene Roms die Doku sehr anschaulich und in Interviews mit den
       Protagonisten erzählt: Allesamt Männer, die mit Meloni in höchste
       Staatsämter aufgestiegen sind, was sie sich nach eigener Aussage nie hätten
       träumen lassen.
       
       ## Opfer neu erzählt
       
       Zentral für die kleine Gruppe von jungen Politaktivisten, der sich Meloni
       1992 im Alter von 15 Jahren anschließt, ist der sentimentale Opfermythos um
       den 1975 in Mailand von Linksextremisten getöteten Studenten Sergio
       Ramelli. Ramelli war politisch aktiv in der Fronte della Gioventù, der
       Jugendorganisation der faschistischen Nachfolgepartei MSI, die wiederum die
       Vorgängerin von Melonis Partei ist.
       
       Rechte Gruppen erinnern seitdem am Jahrestag an den Ermordeten, Meloni
       nimmt regelmäßig am offiziellen Gedenken teil, bevor dann am Abend
       militante Rechte martialisch aufmarschieren und den in Italien verbotenen
       [5][faschistischen Gruß zelebrieren].
       
       In der Doku wird gezeigt, wie Meloni in einer Ansprache drei Tage nach dem
       80. Jahrestag der Befreiung Italiens vom Faschismus an Ramellis „Opfer“
       erinnert. Es gehe um einen Teil der italienischen Geschichte, mit der Linke
       wie Rechte sich auseinandersetzen müssten.
       
       Zum Jahrestag der Tat legte die italienische Post 2025 dann auch [6][eine
       Briefmarke auf] – aus dem Mythos des Meloni-Clans ist ein Staatsakt
       geworden: So geht Geschichtspolitik, die das Verhältnis zwischen den
       zigtausenden Opfern des Faschismus und dem „Opfer“ eines Militanten
       erfolgreich neu justiert.
       
       ## So italienisch
       
       Wer aber hier nun „hysterisch“ mit historischen oder aktuellen Parallelen
       reagiert, wird von Meloni, die eine schmissige und polyglotte Rednerin ist,
       fast schon kabarettistisch abgewatscht, das zeigt die Doku sehr gut.
       
       Auch dass sie damit ein wesentliches Herrschaftselement eines ihrer
       Vorgänger übernommen hat: „Er ist so italienisch“, sagte eine
       US-Korrespondentin einst über Silvio Berlusconi, damit zumindest teilweise
       seinen politischen Erfolg erklärend. Melonis sprechende Gesichtszüge haben
       inzwischen [7][Meme-Qualität], ihr römischer Dialekttonfall kommt sogar
       noch ansatzweise rüber, wenn sie Englisch spricht.
       
       Womit sich abschließend wieder die Frage stellt, was von Melonis Erfolg auf
       die Verhältnisse nördlich der Alpen übertragbar ist. Ein Politiker von
       ihrem Format ist in der deutschen rechtsextremistischen Szene nicht zu
       erkennen. Was sich auch dadurch erklärt, dass der Transformations- und
       Normalisierungsprozess der italienischen Faschisten schon in den frühen
       1990ern begann.
       
       Aber auch der historische wie geopolitische Rahmen ist ein anderer: Mit
       einem SS-Relativierer wie dem AfD-Politiker Maximilian Krah will niemand
       Ernstzunehmendes in Europa etwas zu tun haben – und sogar in der
       Trump-Administration dürfte man zögern.
       
       Das grundsätzliche politische Angebot Melonis, Freiheit gegen Sicherheit
       einzutauschen, fällt aber zweifellos auf fruchtbaren Boden – insbesondere
       in Ostdeutschland, wo die Staatsmacht DDR dieses Angebot ja schon mal für
       ein paar Jahrzehnte im Ansatz verwirklichen konnte.
       
       Von Meloni und gegen sie zu lernen, würde also heißen, Freiheit in
       Sicherheit zu bewahren. Dazu bräuchte es keinen Opfermythos, sondern
       politische Führung, die dem letztlich egozentrischen Gemeinschaftskult des
       Clans mit demokratischen Werten begegnet: Menschenwürde, Solidarität und
       Empathie zum Beispiel. Davon hört man von Meloni nämlich: nichts.
       
       17 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.arte.tv/de/videos/RC-027528/giorgia-meloni-die-macht-des-clans/
 (DIR) [2] /AfD-nach-dem-Parteitag-in-Essen/!6019211
 (DIR) [3] /Neue-Biografie-ueber-Mussolini/!5280884
 (DIR) [4] /Streik-bei-OeRR-in-Italien/!6005930
 (DIR) [5] https://www.youtube.com/watch?v=kZPS9WNtBnM
 (DIR) [6] https://www.mimit.gov.it/it/comunicati-emissioni-francobolli/francobollo-commemorativo-di-sergio-ramelli-nel-50-anniversario-della-scomparsa
 (DIR) [7] https://www.youtube.com/watch?v=W1b4tNxdjLk
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ambros Waibel
       
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       hat er die Geschichte der Auschwitz-Überlebenden Liliana Segre
       aufgeschrieben.