# taz.de -- Rechtswende in Italien: Meloni schränkt Demo-Rechte ein
> Die italienische Regierungschefin antwortet mit einem „Sicherheitsdekret“
> auf Gewalt bei Anti-Olympia-Demo. Das ermöglicht „präventiven Gewahrsam“.
(IMG) Bild: „Feinde Italiens“? So bezeichnete Giorgia Meloni die Anti-Olympia-Demonstrant:innen, hier in Mailand
Steht Italien kurz vor dem Bürgerkrieg? Droht dem Land eine Rückkehr in die
düstere Zeit der 70er und 80er Jahre, als die linksterroristischen Roten
Brigaden Dutzende Menschen ermordeten? Diese Horrorszenarien beschwört
gegenwärtig, Tag für Tag, Italiens Rechtsregierung unter der
postfaschistischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni.
Zum Aufhänger wurden ihr zwei Demonstrationen, auf die die Regierung Ende
letzter Woche umgehend mit einem neuen „Sicherheitsdekret“ antwortete. Erst
waren am 31. Januar in Turin mehr als 20.000 Menschen auf die Straße
gegangen, um gegen die kurz zuvor erfolgte Räumung des Autonomen Zentrums
Askatasuna zu protestieren. Das Gros der Demonstrant*innen marschierte
vollkommen friedlich durch die Stadt, am Ende aber bogen etwa 1.000
Angehörige des Schwarzen Blocks von der Route ab und begannen eine heftige
Straßenschlacht mit der Polizei. Dabei wurde ein Beamter von etwa zehn
Demonstranten eingekreist und mit Schlägen und Tritten traktiert, auch als
er schon zu Boden gegangen war. Immer wieder war in den Folgetagen der
Videoschnipsel dieses Angriffs zu sehen.
Am vergangenen Samstag in Mailand gingen dann rund 10.000 Personen auf die
Straße, [1][um gegen die gerade eröffneten Olympischen Winterspiele zu
protestieren]: gegen die Milliardenkosten, gegen die Umweltschäden. Und
wieder klinkte sich ein kleiner schwarzer Block von diesmal nur gut 100
Leuten aus, um sich mit der Polizei zu prügeln. Seitdem beschwört Italiens
Rechtsregierung den Demokratie-Notstand. „Feinde Italiens und der
Italiener“ seien diejenigen, die gegen Olympia demonstrieren, verfügte
Giorgia Meloni. Diverse Kollegen aus ihrem Kabinett malen die „Rückkehr der
Roten Brigaden“ an die Wand, und Innenminister Matteo Piantedosi erklärte
am Montag in der Tageszeitung Corriere della Sera, „subversive Kräfte“
seien da am Werk, die „die Demokratie umstürzen“ wollten.
## Meloni eilte ans Krankenbett des Polizisten
Meloni selbst war schon unmittelbar nach den Vorfällen von Turin ins
Krankenhaus geeilt, ans Bett des verprügelten Polizisten. Sie hatte gut
daran getan, sich mit ihrem Besuch zu beeilen: Noch am gleichen Tag wurde
der Beamte, der nur ein paar Blessuren abgekriegt hatte, entlassen.
Insgesamt ist die Bilanz der beiden Demos alles andere als gravierend:
Niemand wurde ernstlich verletzt. Doch Italiens Rechtsregierung lässt sich
nicht davon abhalten, binnen weniger Tage ein neues „Sicherheitsdekret“
vorzulegen. Dessen wichtigste Norm ist die Einführung des präventiven
Sicherheitsgewahrsams. Demnach kann die Polizei schon vor einer Demo
Protestierer*innen festsetzen, wenn sie den Verdacht hat, von ihnen
gehe Gefahr für die Sicherheit aus. Dazu bedarf es keiner richterlichen
Entscheidung – die Justiz muss bloß informiert werden und kann dann im
Nachhinein die Freilassung anordnen.
Doch der Meloni-Rechten geht es nicht nur um eine weitere Einschränkung des
Demonstrationsrechts. Mindestens genauso wichtig ist ihr die Attacke auf
die Justiz. Schon unmittelbar nach den Vorfällen von Turin urteilte Meloni
selbst, der Angriff auf den Polizisten sei „versuchter Mord“. Insgesamt
waren bei der Demo nur drei Männer festgenommen worden, einer von ihnen
hatte bei dem Angriff auf den Polizisten einige Meter entfernt gestanden,
ohne aktiv in das Geschehen einzugreifen. Als die zuständige
Untersuchungsrichterin für keinen der drei Haft verhängen wollte, heulte
die Rechte auf. Meloni sagte, sie sei „indigniert“.
## Opposition sorgt sich um unabhängige Justiz
Die Indignation hat einen guten Grund. Am 22. und 23. März stimmen die
Italiener*innen in einem Verfassungsreferendum über die [2][von der
Rechten verabschiedete Justizreform] ab, die vorsieht, die Karrieren der
Richter und Staatsanwälte – bisher vereint unter dem Dach der „Magistratur“
– zu trennen. Angeblich soll die Reform die Unabhängigkeit der Justiz, auch
die der Staatsanwaltschaften, nicht antasten, auch wenn die Opposition
ebendies befürchtet. Und die Rechte liefert ihr jetzt Material für diese
Sorge.
So publiziert Melonis Partei Fratelli d’Italia diverse Posts mit Bildern
der Randalierer von Turin und dem Satz: „Sie stimmen ‚Nein‘ beim
Referendum“. Diverse Mitglieder des Kabinetts, beginnend beim
Justizminister, verweisen auf richterliche Entscheidungen wie zuletzt den
verweigerten Haftbefehl in Turin und behaupten: Das Referendum sei die
Gelegenheit, endlich „die Übermacht der Justiz“ zu brechen.
Die schrille Kampagne kommt nicht von ungefähr. Sah es im Dezember noch so
aus, als sei das Referendum für die Regierung ein Heimspiel mit einem
klaren Vorsprung der Befürworter der Justizreform, so ist das Bild
mittlerweile anders. In allen Umfragen ist der Vorsprung der
Reformbefürworter zusammengeschnurrt, in einigen Erhebungen liegen beide
Lager gar mittlerweile gleichauf. Und Meloni weiß nur zu gut, dass eine
Niederlage in der Volksabstimmung ein herber Rückschlag für die von ihr
vorangetriebene Rechtswende des Landes wäre.
10 Feb 2026
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