# taz.de -- Experte über Kontrolle von Atomarsenalen: „Das gegenseitige Vertrauen ist verloren“
> Die jüngste Atomwaffen-Konferenz ging ohne Ergebnis zu Ende. Physiker
> Malte Göttsche sieht die Rüstungskontrolle so kaum noch gegeben. Der
> Krieg gegen den Iran habe die Unsicherheit weiter vergrößert.
(IMG) Bild: 27. April 1967: Soldaten verfolgen eine Debatte zum Atomwaffensperrvertrag im Deutschen Bundestag
taz: Herr Göttsche, die Atomwaffenstaaten haben sich mit dem
Nichtverbreitungsvertrag 1968 dazu verpflichtet, ihr nukleares
Waffenarsenal vollständig abzurüsten. Wo stehen wir heute?
Malte Göttsche: Wir befinden uns in einer Aufrüstungsspirale. China erhöht
die Anzahl seiner Atomwaffen. Die USA und Russland modernisieren ihre
Arsenale, ebenso Frankreich und Großbritannien. Von Abrüstung kann deshalb
keine Rede sein. Der letzte Vertrag zur atomaren Kontrolle zwischen den USA
und Russland, [1][New START, ist Anfang Februar ersatzlos ausgelaufen.] Wir
leben das erste Mal seit Jahrzehnten in einer Welt, in der beide
Supermächte keine Vereinbarung zur Rüstungskontrolle haben.
taz: Eine Überprüfungskonferenz für den Nichtverbreitungsvertrag ist am
Freitag ohne Ergebnis zu Ende gegangen. Eigentlich sollte dort die atomare
Rüstungskontrolle für die kommenden fünf Jahre geplant werden. Damit endet
die Versammlung nach 2015 und 2022 zum dritten Mal ohne gemeinsame
Abschlusserklärung. Was für einen Wert hat der Vertrag überhaupt noch?
Göttsche: Der Vertrag steht nun noch stärker unter Druck, als es vorher
schon der Fall war. Am Ende fand eine schon deutlich abgeschwächte
Abschlusserklärung keine Zustimmung. Die letzte Konferenz ist wegen des
russischen Angriffs auf ukrainische Nuklearanlagen gescheitert, dieses Mal
haben die nuklearen Bestrebungen des Iran und der amerikanische Angriff
wesentlich zum Dissens geführt. Auf rhetorischer Ebene bleibt die globale
Unterstützung zum NVV zwar erhalten. Die Wirkmächtigkeit aber wird
unterminiert.
taz: Sie forschen zur Kontrolle von Atomarsenalen. Gibt es denn irgendein
Land, das sich aktuell noch in die Karten gucken lässt und Inspektionen
zulässt?
Göttsche: Die gute Nachricht ist, dass die Arbeit der Internationalen
Atomenergiebehörde, die für die Verifikationen in Nichtkernwaffenstaaten
verantwortlich ist, weitgehend intakt ist. Inspektionen finden in fast
allen Ländern statt. Aber es gibt natürlich kritische Fälle, und da ist
insbesondere der Iran zu nennen. Seit dem Angriff der USA und Israels im
Juni 2025 finden dort keine wesentlichen Inspektionen mehr statt, obwohl
der Iran über genug angereichertes Uran für eine Atomwaffe verfügt.
taz: Donald Trump hatte sich nach dem Angriff ja damit gerühmt, [2][das
iranische Atomprogramm ausgeschaltet zu haben.] Auch der aktuelle Krieg
Israels und der USA gegen den Iran wird mit der nuklearen Bedrohung durch
Teheran begründet. Wie sehen Sie die Lage?
Göttsche: Sicherlich haben die Angriffe viele Anlagen zerstört. Doch das
Nuklearprogramm lässt sich militärisch nicht eliminieren. Der Iran kann
unterirdisch weiter Anlagen aufbauen und nutzen. Das Schwierige ist
derzeit, dass im Iran keine internationalen Inspektionen stattfinden. Wir
wissen nicht genau, welche Möglichkeiten das Land hat. Wir befinden uns in
einer gefährlichen Situation, die durch den Krieg noch einmal deutlich
brisanter geworden ist; denn zuvor konnte die Internationale
Atomenergiebehörde dort Inspektionen durchführen.
taz: Wie könnte man denn mit dem Iran wieder einen Pfad für die
Rüstungskontrolle beschreiten?
Göttsche: Das ist sehr schwierig. Die letzten Entwicklungen zeigen uns,
dass die USA hier nicht am längeren Hebel sitzen. Der Iran wird versuchen,
die Möglichkeit zukünftiger Inspektionen als Verhandlungsmasse für sich zu
nutzen.
taz: Gäbe es denn technische Möglichkeiten für Atomwaffenkontrollen, wenn
man die Anlagen nicht vor Ort inspizieren kann?
Göttsche: Es gibt Möglichkeiten zur Fernüberwachung. In nuklearen Anlagen
können Geräte installiert werden, die Daten zur IAEO nach Wien übertragen.
Das ist im Fall des Iran nicht mehr möglich, weil das Regime diese Apparate
ausgeschaltet hat. Was dann im Wesentlichen bleibt, ist die
Satellitenbildüberwachung. Dabei hat man jedoch kaum Einblick in die
unterirdischen Aktivitäten.
taz: Nicht nur der Iran lässt sich bei seinem Atomprogramm nicht in die
Karten gucken. Israel ist kein Mitgliedsstaat des Atomwaffensperrvertrags,
Indien und Pakistan genauso wenig, und über das chinesische Atomprogramm
weiß man auch wenig.
Göttsche: Die Thematik der Kernwaffenstaaten, die nicht Mitglied des
Nichtverbreitungsvertrags sind, ist schon seit Jahrzehnten ein Streitthema.
Sie haben recht: Israel verfügt über Atomwaffen, genauso wie Indien und
Pakistan. Auch Nordkorea ist aus dem Vertrag ausgetreten und verfügt über
Kernwaffen. Diese Staaten sind von den Verpflichtungen des Vertrages nicht
erfasst. Das stellt ein großes Problem dar. China ist zwar Mitglied des
Nichtverbreitungsvertrags, aber nicht transparent, was sein Arsenal angeht
– allerdings sind das leider die wenigsten Vertragsstaaten.
taz: Finden Kontrollen der IAEO in China und in Russland statt?
Göttsche: Die IAEO überprüft nur, dass Nichtkernwaffenstaaten nicht nach
solchen streben. Es gibt allerdings unabhängige Experten, die öffentlich
verfügbare Informationen wie Satellitenbilder analysieren, um Rückschlüsse
auf die Größe der Arsenale von Kernwaffenstaaten zu ziehen. [3][Die
Federation of American Scientists geht davon aus], dass China derzeit über
gut 600 und Russland über 4400 Sprengköpfe verfügt. Die USA besitzen
demnach etwa 3700 Sprengköpfe.
taz: Trump droht immer wieder damit, [4][dass die USA neue Atomwaffen
testen könnten.] Er wirft China und Russland vor, genau das auch zu tun.
Was würden neue Atomtests bedeuten?
Göttsche: Das ist ein Faktor, der das Nichtverbreitungsregime insgesamt in
Gefahr bringen kann. Wenn wir wieder in eine Welt eintreten, in der
Nuklearwaffen mit Sprengladungen getestet werden, dann sehe ich kaum einen
Weg, den Nichtverbreitungsvertrag zu retten. Ich hoffe, dass es so weit
nicht kommen wird.
taz: Wie würden Sie denn die Rolle Deutschlands für die atomare Abrüstung
bewerten?
Göttsche: Die Bundesrepublik war schon immer in der schwierigen Situation,
zum einen für eine Welt ohne Kernwaffen einzutreten, gleichzeitig aber über
die nukleare Teilhabe mit dem US-Atomwaffenarsenal verbunden zu sein.
Deutschland sieht sich deshalb als Brückenbauer, aber zieht von vielen
Nicht-Kernwaffenstaaten des globalen Südens auch Kritik auf sich.
taz: Was könnte die internationale Staatengemeinschaft tun, um die
Rüstungskontrolle zu stärken?
Göttsche: Gegenseitiges Vertrauen ist hier die zentrale Herausforderung,
weil es überall verloren gegangen ist. In der Geschichte war der Dialog von
Wissenschaftlern untereinander ein hilfreicher Weg, um längerfristig
politische Initiativen zu starten. Über einen Austausch zu der Frage, wie
man überhaupt wieder gegenseitig Atomanlagen verifizieren könnte, ließe
sich etwa langfristig Vertrauen aufbauen. Ich sehe aber gerade kaum eine
realistische Möglichkeit hierfür.
23 May 2026
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