# taz.de -- Ex-Nato-Gesandte über Europa und USA: „Dieser Moment fühlt sich historisch an“
       
       > Der Bruch in den transatlantischen Beziehungen ist nicht mehr zu kitten,
       > sagt Joe Bidens Ex-Nato-Gesandte Julianne Smith. Europa muss nun auf
       > eigenen Beinen stehen.
       
 (IMG) Bild: Tschüß, altes Europa. US-Außenminister bei der Abreise von der Sicherheitskonferenz auf dem Flughafen München
       
       taz: Frau Smith, wie fanden Sie die [1][Rede von US-Außenminister Marco
       Rubio]? US-Vizepräsident J. D. Vance hatte die Europäer im vergangenen Jahr
       noch vor den Kopf gestoßen, Rubio schmeichelte ihnen. 
       
       Juliane Smith: Außenminister Rubios Rede war in Vortragsweise und Stil ganz
       anders. Es schwang zwar ein Hauch von Nostalgie mit, ein Verweis auf unsere
       gemeinsame Geschichte und Kultur. Aber im Lauf der Rede erkannten viele
       Europäer im Publikum die vielen Ähnlichkeiten zwischen der [2][Rede des
       US-Vizepräsidenten im vorigen Jahr] und dem, was Außenminister Rubio dieses
       Jahr sagte.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Smith: Die Rede konzentrierte sich nicht so sehr auf die Bedrohungslage,
       der wir uns beide gegenübersehen. Traditionell spricht der ranghöchste
       amerikanische Beamte bei solchen Reden von einer beängstigenden Weltlage –
       von China, Russland, Iran, Nordkorea und neuen Formen der Kriegsführung.
       Die Rede des Vizepräsidenten im vorigen Jahr behandelte den angeblichen
       Niedergang Europas. Ich denke, viele Europäer im Publikum fragten sich am
       Ende, ob der Inhalt von Rubios Rede in München tatsächlich ein anderer war.
       Man sah gemischte Gefühle im Publikum. Einige waren sichtlich erleichtert.
       Gleichzeitig wurde im Flur viel geredet, da die Besorgnis über die Ansicht
       der aktuellen US-Regierung, Europa stehe vor einem zivilisatorischen
       Niedergang, weiterhin groß war.
       
       taz: Wie oft waren Sie schon bei der [3][Münchner Sicherheitskonferenz]?
       
       Smith: Ich besuche die Münchner Sicherheitskonferenz seit 2007. Dazu zählen
       sowohl meine Besuche als Regierungsbeamte, als auch die privaten, wenn ich
       für verschiedene Thinktanks oder als Forscherin gearbeitet habe. Ich habe
       im Lauf der Jahre also ziemlich viele dieser Veranstaltungen miterlebt.
       
       taz: Was bedeutet der [4][Kurs der Trump-Regierung] für die
       transatlantischen Beziehungen? Kann eine andere US-Regierung den Bruch in
       Zukunft wieder reparieren?
       
       Smith: Ich denke, das ist ein echter [5][Wandel in der Beziehung]. Ich kann
       mir nicht vorstellen, dass wir zum Status quo zurückkehren. Das heißt aber
       nicht, dass die transatlantischen Beziehungen beendet sind. Ganz im
       Gegenteil, beide Seiten haben ein starkes Interesse daran, weiterhin in
       einer Reihe wirtschaftlicher, politischer und sicherheitspolitischer Fragen
       zusammenzuarbeiten. Dennoch scheint es derzeit ein erhebliches
       Vertrauensdefizit zwischen den Vereinigten Staaten und Europa zu geben.
       
       taz: Woran machen Sie das fest?
       
       Smith: Ich denke, zwei Ereignisse im vergangenen Jahr haben zu diesem
       Vertrauensverlust beigetragen. Zum einen [6][der Grönland-Zwischenfall],
       bei dem der US-Präsident andeutete, er könne das Hoheitsgebiet eines
       anderen Nato-Verbündeten notfalls mit Gewalt einnehmen. Zum anderen die
       plötzliche Einstellung der Geheimdienst- und Sicherheitsunterstützung für
       die Ukraine durch die USA im März vorigen Jahres. Nur wenige Tage später
       wurde die Geheimdienstzusammenarbeit wieder aufgenommen, aber die USA
       leisten der Ukraine nun keine Sicherheitsunterstützung mehr. Diese Vorfälle
       haben der Beziehung erheblichen Schaden zugefügt, und zwar unabhängig von
       den politischen Entwicklungen der kommenden Jahre. Ich denke, wir werden
       auf eine veränderte Beziehung blicken, die sich anders definieren wird. In
       mancher Hinsicht müssen wir uns für die Zukunft neu aufstellen. Und
       vielleicht wird sie nicht mehr genau so sein wie in den letzten 80 Jahren.
       
       taz: Sie sprechen den [7][russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine] an.
       Waren Sie überrascht, dass Außenminister Rubio den Krieg in seiner Rede gar
       nicht erwähnt hatte?
       
       Smith: Dass der US-Außenminister nach München reist und die Ukraine in
       diesem Moment – kurz vor dem vierten Jahrestag des Kriegsbeginns – nicht
       erwähnt, erscheint fast unvorstellbar. Der Ukrainekrieg hat nicht nur
       Europa und die Vereinigten Staaten, sondern auch andere Länder weltweit
       geeint. Australien, Japan und Südkorea haben ebenfalls zur Unterstützung
       der Ukraine beigetragen. Er hat den sogenannten Westen und andere Partner
       in diesem gemeinsamen Projekt zusammengeführt, um die Ukraine bei der
       Verteidigung ihres souveränen Territoriums gegen die russische Aggression
       zu unterstützen. Es ist bemerkenswert, dass der US-Außenminister dieses
       gemeinsame Projekt in einer wichtigen Grundsatzrede vor Hunderten von
       europäischen Sicherheitsexperten mit keinem Wort erwähnt. Ja, ich denke,
       viele von uns im Publikum empfanden dieses Fehlen als sehr auffällig.
       
       taz: Was ist Ihnen noch ins Auge gestochen?
       
       Smith: Ich möchte, dass Ihre Leser verstehen, dass die Europäer ihre
       Investitionen in die eigene Verteidigung deutlich vorantreiben. Es gab eine
       Reihe sehr interessanter Sitzungen. Wir haben viele europäische Start-ups
       aus dem Verteidigungsbereich auf der Konferenz gesehen. Das war eine neue
       Entwicklung: Zahlreiche europäische Großunternehmen der
       Verteidigungsindustrie waren anwesend und sprachen über ihre Investitionen,
       die Innovationen im Sicherheitsbereich und die Technologien, die sie
       bereits in der Ukraine und anderswo testen. Es ist eine sehr spannende Zeit
       für uns, die wir uns mit den Kernfragen der Verteidigung und Sicherheit
       befassen, die das Herzstück der transatlantischen Beziehungen bilden.
       Dieser Moment fühlt sich historisch an. Er ist anders. Und ich denke, die
       Amerikaner sollten beruhigt sein, dass Europa diese wichtigen Beiträge zu
       ihrer Verteidigung leistet.
       
       15 Feb 2026
       
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