# taz.de -- Feminismus: Auch Frauen in Machtpositionen brauchen unsere Solidarität
       
       > Werden mächtige Frauen misogyn angegriffen, müssen wir sie in Schutz
       > nehmen – unabhängig davon, ob wir all ihre Entscheidungen und Ansichten
       > teilen.
       
 (IMG) Bild: Macht ist situativ: Als Schiedsrichterin ist Fabienne Michel Entscheiderin. Als Frau ist sie dennoch dem Patriarchat ausgesetzt
       
       Solidarität klingt erst einmal immer super. Solidarische Menschen stehen
       füreinander ein, helfen den Schwächeren, teilen ihr Glück und ihre
       Ressourcen. Im Alltag denken wir Solidarität aber häufig verkürzt, vertikal
       – als Fürsorge der Starken für die Schwachen.
       
       Rund [1][um den feministischen Kampftag] kursiert dazu passend jedes Jahr
       dieses animierte Bild: Eine Frau hilft der nächsten nach oben. Eine, die
       steht, bückt sich nach unten und hilft einer anderen. Eine, die stärker
       ist, zieht eine schwächere hoch. Mit diesem Von-oben-nach-unten-Schema
       begrenzen wir unser Solidaritätsverständnis grundlegend. Eine ganzheitliche
       Solidarität unter Frauen muss auch Solidarität von unten nach oben
       beinhalten.
       
       Das bedeutet keinesfalls, dass man Frauen in Machtpositionen immer in
       Schutz nehmen muss oder nicht kritisieren darf, weil sie Frauen sind. Wenn
       diese aber als Frau misogyn angegriffen werden, weil sie Frau sind – dann
       ist Solidarität geboten.
       
       Denn Macht ist im Alltag häufig situativ. Nehmen wir die
       [2][Schiedsrichterin] bei einem Fußballspiel des Frauenteams von Eisern
       Union. Im einen Moment ist sie – aus Sicht der Fans – Adressatin von
       Buhrufen wegen eines vermeintlichen Fehlpfiffs. Sie hat die Macht dazu,
       alle sind ihrem Urteil unterworfen. Im nächsten Moment beschimpft ein
       Vollidiot auf der Tribüne sie als [3][„Schiri-Fotze!“] – und schon
       verändert sich die Dynamik. Plötzlich ist nicht mehr ihre Entscheidung das
       Thema, sondern die Herabwürdigung ihrer Person. Kritik an der Entscheidung
       bleibt legitim. Die Beleidigung aber überschreitet eine Grenze.
       
       ## Der Fall Renate Künast
       
       Gerade Frauen in öffentlichen Funktionen erleben diese Verschiebung
       besonders schnell. Als [4][Renate Künast im Netz zutiefst frauenfeindlich
       beschimpft wurde], befand das Berliner Landgericht solche Äußerungen
       zunächst als von der Meinungsfreiheit gedeckt. Erst nach breiter
       öffentlicher Empörung und weiteren juristischen Auseinandersetzungen
       [5][wurde klargestellt]: Das ist keine legitime Kritik, sondern eine
       Beleidigung.
       
       Bemerkenswert war dabei die [6][parteiübergreifende Empörung]. Politische
       Gegner*innen stellten sich hinter sie. Nicht, weil sie ihre politischen
       Positionen teilten, sondern weil klar wurde: Die frauenfeindliche
       Entwürdigung von Frauen in politischen Ämtern gefährdet das gesamte
       demokratische Gefüge.
       
       Solidarität im feministischen Kontext heißt nicht, Macht unkritisch zu
       stützen, sondern zwischen politischem Dissens und sexistischer
       Delegitimierung zu unterscheiden – Frauen in Machtpositionen nicht deshalb
       schutzlos zu lassen, weil sie „oben“ stehen. Solidarität im feministischen
       Kontext sollte auch bedeuten, die eigene Position zu hinterfragen.
       
       Unsere Gesellschaft belohnt Konkurrenz systematisch. Kapitalistische
       Logiken fördern den Vergleich mit denen, die mehr besitzen, mehr Einfluss
       haben, mehr Sichtbarkeit. Solidarität wird unter solchen Bedingungen zu
       einer knappen Ressource, alle fühlen sich benachteiligt. So zerfällt
       Solidarität aber in nebeneinanderstehende Ansprüche. Jede Gruppe fordert
       sie ein – kaum jemand fühlt sich zuständig, sie zu gewähren.
       
       ## Was heißt eigentlich oben?
       
       Gerade unter Feminist*innen wird diese Komplexität sichtbar. Von außen
       erscheinen sie als eine geschlossene Gruppe. Von innen besteht die Bewegung
       aus einem Geflecht von Differenzen, auf die wir intersektional zu blicken
       gelernt haben. Eine weiße, arme Frau steht anders in der Welt als eine
       Schwarze, ökonomisch erfolgreiche Frau. Wer ist hier oben? Wer unten?
       Privilegien und Benachteiligungen überkreuzen sich.
       
       Solidarität lässt sich deshalb nicht dauerhaft entlang einer festen
       Hierarchie verteilen. Sie muss beweglich gedacht werden – horizontal und,
       ja, auch situativ nach oben. Sie wird stärker, wenn wir sie nicht nur als
       Schutz der Schwächeren verstehen, sondern als Bereitschaft, Rollen,
       Verfahren und Personen auch dann zu verteidigen, wenn wir ihnen
       widersprechen.
       
       8 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Initiative-ruft-fuer-den-9-Maerz-zu-einem-weltweiten-FrauenGeneralstreik-auf/!6152835
 (DIR) [2] /Sexismus-im-Profifussball/!6142266
 (DIR) [3] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.zdfheute.de/sport/fussball-dritte-liga-schiedsrichterin-beleidigt-fabienne-michel-100.html&ved=2ahUKEwi36o3-44iTAxXsS_EDHThNBiUQFnoECBsQAQ&usg=AOvVaw3GofKk8xuBhK8CKZqwEL2z
 (DIR) [4] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://taz.de/Sexistische-Beschimpfungen-im-Netz/!5627681/&ved=2ahUKEwiwwtWr5IiTAxVeQ_EDHXx6GG4QFnoECBsQAQ&usg=AOvVaw0bVy59Jg8n4ri_R6MTIJew
 (DIR) [5] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://taz.de/Kuenast-Urteil-teilweise-revidiert/!5658870/
 (DIR) [6] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.zwd.info/kuenast-urteil-ist-entsetzend-und-beschaemend.html&ved=2ahUKEwiwwtWr5IiTAxVeQ_EDHXx6GG4QFnoECDAQAQ&usg=AOvVaw2lpWSR90XaRLvPnedOPJpW
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katrin Gottschalk
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Feminismus
 (DIR) Frauentag
 (DIR) Feministaz
 (DIR) Solidarität
 (DIR) Frauen in Führungspositionen
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Patriarchat
 (DIR) Lesestück Recherche und Reportage
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Wie Frauen sich gegenseitig behindern: Wenn Solidarität toxisch wird
       
       Weibliche Solidarität klingt nicht nur gut, sie ist es auch. Es gibt aber
       auch das Gegenteil davon, gerade in Top-Positionen.
       
 (DIR) Bekämpfung patriarchaler Strukturen: Die echten Feministen
       
       Beim „profeministischen Kongress“ in den Mehringhöfen in Berlin-Kreuzberg
       beschäftigen sich cis-Männer kritisch mit ihrer Männlichkeit und
       Profeminismus.
       
 (DIR) Sexualisierte Gewalt im Profifußball: Und alle so still
       
       Gegen Fußball-Stars gibt es oft schwere Vorwürfe. Viele werden nicht
       aufgeklärt. Recherche über ein System des Schweigens – und mögliche
       Lösungen.