# taz.de -- Luftverschmutzung in Berlin: Lebt, wie ihr wollt, die Luft bringt uns eh um!
       
       > Niemand zieht wegen der Luft nach Berlin. Dennoch lässt sich die
       > schmutzige Luft der Stadt nicht auf die Verantwortung des Individuums
       > abwälzen.
       
 (IMG) Bild: Autoverkehr in Berlin: Das Recht auf Licht und saubere Luft waren mal die Grundforderungen der auf die Zumutungen der Industrialisierung reagierenden Lebensreformbewegung
       
       Bevor ich diesen Text zu schreiben beginne, gehe ich erst mal auf den
       taz-Balkon, eine rauchen. Der Himmel ist grau, in den kahlen Kastanien
       sitzen frierende Tauben. Die können sich nicht über die schlechte Luft in
       der Hauptstadt beklagen. Laut [1][Berliner Luftgütemessnetz] ist die
       Qualität am heutigen 10. Februar um 11 Uhr in der Innenstadt „ausreichend“,
       Richtung Stadtrand „befriedigend“, [2][laut Umweltbundesamt] hingegen
       innerstädtisch „schlecht“ bis „sehr schlecht“.
       
       Beides ist nicht überraschend, denn erstens riechen wir ja, dass es stinkt;
       und zweitens ist wegen der „Berliner Luft“ noch niemand hierhergezogen, es
       sei denn, man steht auf einen gleichnamigen Pfefferminzlikör oder einen
       [3][schmissigen Schlager], der die hiesige Atmo „mit ihrem holden Duft“ mit
       Lebensfreude und Liberalität in Verbindung brachte.
       
       Mir ist da der Fachbegriff „Inversionswetterlage“ näher. Vor ein paar Tagen
       habe ich nämlich noch von einem sonnigen Gipfel ins trüb-verhangene
       Alpenvorland hinuntergeschaut und an Verse von Hugo von Hofmannsthal
       gedacht: „Manche freilich müssen drunten sterben, /Wo die schweren Ruder
       der Schiffe streifen, /Andre wohnen bei dem Steuer droben, /Kennen
       Vogelflug und die Länder der Sterne.“
       
       Und ganz ähnlich schicksalsergeben, wie Hofmannsthal hier die scheinbar
       nicht zu ändernde und Lebenschance bestimmende Klassenzugehörigkeit
       besingt, sollen wir ja auch mit der toxischen Mischung, die wir und unsere
       Kinder und die armen Tauben einatmen müssen, umgehen. Die Verbrenner fahren
       weiter und [4][weiter auch innerstädtisch viel zu schnell], der Feinstaub
       steigt aus heimischen wie weiter östlich gelegenen Kaminen auf. Und ganz
       wie unsere Ururur-Vorfahren warten wir auf Wind und Regen, auf göttliches
       Wirken sozusagen, das allein Besserung bringen könnte.
       
       ## Mit dem Kinderwagen an qualmenden Auspuffen vorbei
       
       Was an dieser quasi steinzeitlichen Ergebenheit fasziniert, ist die
       Tatsache, dass in so vielen, wenn nicht in allen anderen Bereichen unseres
       (Über-)Lebens, wir permanent aufgefordert werden, in Eigenleistung zu
       gehen. Uns selbst tracken wir genauer als die Verhältnisse um uns herum.
       
       Wenn, was noch vorkommen soll, wir Menschen sitzend und rauchend in einem
       Auto sehen, dann sehen wir die Gefahren eben dieses ungesunden, sitzenden
       und rauchenden Lebensstils – und schieben unsere Kleinen im Kinderwagen
       ganz nah an den qualmenden Auspuffen vorbei. Und bilden uns dabei noch was
       auf unsere Longevity-Skills ein, weil wir heute Abend auf das Glas Wein zum
       Essen verzichten.
       
       Dabei war das Recht auf Licht und saubere Luft mal die Grundforderungen der
       auf die Zumutungen der Industrialisierung reagierenden
       Lebensreformbewegung. Und eben als solidarische Forderung: nicht nur für
       die Gipfelstürmer und Villenbewohner – sondern für alle.
       
       Hier hat sich der Wind in einer ansonsten „austauscharmen“ Großwetterlage
       tatsächlich gedreht. Ein Projekt wie das der hochwirksamen,
       schadstoffentlastenden [5][Pariser Verkehrspolitik] wird zumindest in
       Teilen als elitär wahrgenommen – Metropolen gelten ja inzwischen als
       Exklusivzonen der „liberalen Eliten“ mit ihrer „Verbotskultur“. Das Recht,
       sich und andere motorisiert einzuqualmen, ist hingegen in weiten Teilen
       Deutschlands – und warum dann nicht gerade in der Hauptstadt – ein
       Freiheitsreservat.
       
       Und nu? Noch mal auf den Balkon: Die Tauben haben’s gut, die sind einfach
       weggeflogen – doch wahrscheinlich nicht ins Schadstoff-, aber auch
       nahrungsärmere Umland. Stadtluft macht eben nicht nur frei, sie macht auch
       satt. Der Regierende Bürgermeister geht heute eher nicht draußen joggen,
       sondern spielt lieber in der Halle Tennis, aber das kennen wir ja schon.
       Vor einem Jahr um diese Zeit wurde gemeldet, [6][bundesweiter Spitzenreiter
       bei Feinstaubtoten] sei Berlin. Immerhin – einmal wieder vorne!
       
       10 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://luftdaten.berlin.de/lqi
 (DIR) [2] https://www.umweltbundesamt.de/daten/luft/luftdaten
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=9Ki5duPF5bk
 (DIR) [4] /Autoverkehr-in-Berlin/!6065585
 (DIR) [5] /Verkehrswende-in-Paris/!6098945
 (DIR) [6] https://www.duh.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/todesfaelle-in-jedem-landkreis-deutschlands-deutsche-umwelthilfe-veroeffentlicht-erstmals-uebersicht-z/
       
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