# taz.de -- Neue Klagen für mehr Klimaschutz: Klimaklage gegen München wegen Tempo 50
> Pakistanische Bauern verklagen RWE, die Stadt München hat eine Klage am
> Hals. Und noch ein wichtiger Klimaentscheid wird kommende Woche gefällt.
(IMG) Bild: Die Deutsche Umwelthilfe klagt gegen die Aufhebung von Tempo 30 auf einem Abschnitt des Mittleren Rings in München
Neues Ungemach für RWE: Bäuerinnen und Bauern aus Pakistan haben den
ehemaligen Kohlekonzern vor dem Landgericht Heidelberg auf Schadenersatz
verklagt. Sie fordern eine anteilige Entschädigung für überflutete Felder
und zerstörte Ernten aus dem Jahr 2022, ausgelöst durch extrem starken
Monsunregen, der durch den Klimawandel verstärkt wurde. Damals kam dreimal
mehr Wasser vom Himmel als normal – 1.700 Menschen starben in den Fluten,
33 Millionen wurden obdachlos, unter Wasser stand eine Fläche, die zwei
Dritteln von Deutschland entspricht.
Beklagt ist auch der Zementkonzern „Heidelberg Materials“. Erstreiten
wollen die Landwirte rund eine Million Euro, unterstützt wird die Klage vom
European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR). Lukas Kemnitz,
Vorsitzender Richter am Landgericht, bestätigte der taz den Eingang der
Klage: „Wir prüfen jetzt die Anklageschrift.“
RWE ist schon einmal auf Schadenersatz im Zusammenhang mit dem Klimawandel
verklagt worden. Damals, 2015, [1][hatte ein peruanischer Bauer beklagt],
dass ein Gletschersee sein Dorf bedroht, weil die Gletscherschmelze eine
Flutwelle verursachen könnte. Um das zu verhindern, sei es notwendig, das
zusätzliche Wasser abzupumpen. RWE solle sich mit einem halben Prozent an
den Kosten beteiligen, denn der Konzern sei für 0,5 Prozent aller
weltweiten Treibhausgase verantwortlich. Es ging in dem neun Jahre
dauernden Prozess letztlich um ein paar Tausend Euro.
Zwar wies das Oberlandesgericht Hamm die Ansprüche des peruanischen
Landwirts im Mai vergangenen Jahres ab. Gleichzeitig urteilten die Richter
aber, dass Großemittenten grundsätzlich für klimabedingte Schäden im
Ausland haftbar gemacht werden können. Und genau darauf [2][berufen] sich
die Menschenrechtler von ECCHR nun: auf das Bürgerliche Gesetzbuch und „ein
einfaches, aber fundamentales Rechtsprinzip: Wer Schaden verursacht, muss
dafür haften.“
## RWE reagiert heftig
Vielleicht deshalb reagierte der Konzern [3][in dieser Woche heftig]: „Die
Klage ist der erneute Versuch, klimapolitische Forderungen in deutsche
Gerichtssäle zu verlagern“, RWE habe seine Kraftwerke jederzeit im Einklang
mit dem geltenden Recht betrieben. Weiter heißt es: „Es wäre ein
unauflöslicher Widerspruch, wenn der Staat CO2-Emissionen erlaubt,
gesetzlich im Einzelnen regelt und im Einzelfall sogar fordert, aber
gleichzeitig dafür rückwirkend eine zivilrechtliche Haftung zulassen
würde.“
In München geht es bei einer weiteren Klage seit dieser Woche nicht um
Haftung, sondern um Tempo: Dort hatte die [4][Stadtverwaltung Tempo 30] auf
einem Abschnitt des Mittleren Rings aufgehoben. Dagegen klagt die Deutsche
Umwelthilfe (DUH) mit einigen Anwohnern im Eilverfahren vor dem
Verwaltungsgericht München. Tempo 30 sei im aktuell gültigen
Luftreinhalteplan festgeschrieben, „auch ein Oberbürgermeister muss in
Deutschland Recht und Gesetz beachten“, erklärte DUH-Chef Jürgen Resch.
Solange der Stadtrat den Luftreinhalteplan nicht ändert, dürfe Tempo 30
nicht „nach Gutsherrenart“ abgeschafft werden.
Die Umwelthilfe beruft sich auf Zahlen der Europäischen Umweltagentur
(EEA), nach denen es in München jedes Jahr mehr als 1.900 vorzeitige
Todesfälle durch zu hohe Feinstaub- und Stickoxid-Belastung gibt. Seit
Jahren weise die Messstation an der Landshuter Allee die höchste oder
zweithöchste NO2-Belastung deutschlandweit auf.
Vor dem obersten deutschen Verwaltungsgericht steht in der kommenden Woche
derweil eine Grundsatzentscheidung für die Bundesrepublik an: „Es geht am
Donnerstag in Leipzig zuerst um die Frage, ob ein Verband wie die Deutsche
Umwelthilfe das Klimaschutzprogramm überhaupt gerichtlich kontrollieren
kann“, erklärt Remo Klinger, Anwalt der DUH.
## Ampelkoalition blieb Sofortprogramme schuldig
Im Frühjahr 2021 hatte das Bundesverfassungsgericht geurteilt, dass die
Klimapolitik der Bundesregierung die Rechte künftiger Generationen
verletzt. Nach dem Urteil hatte die damalige Bundesregierung von Angela
Merkel (CDU) das Klimaschutzgesetz verschärft: Für das Erreichen des Ziels
bis 2030 – minus 65 Prozent Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 – wurden
Sofortprogramme zum Klimaschutz angedacht. Die sollten greifen, wenn es in
einem Sektor – Bauen, Verkehr, Landwirtschaft – keinen Fortschritt gibt.
[5][Trotz Zielverfehlung] hatte die Ampelregierung kein solches
Sofortprogramm vorgelegt. Dagegen hatte die Deutsche Umwelthilfe geklagt –
und vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg gewonnen.
Sollte auch das Bundesverwaltungsgericht feststellen, dass die DUH-Klage
rechtens war, steht eine zweite höchstrichterliche Entscheidung an, die
weitreichende Auswirkungen auf die Regierung von Friedrich Merz (CDU) haben
könnte: Das Gericht muss dann urteilen, ob und wenn ja, wie konkret die
Bundesregierung Klimaschutzmaßnahmen ausgestalten muss, um die gesetzlichen
Klimaziele zu erreichen.
Das Oberverwaltungsgericht hatte die Pläne der Ampelkoalition als zu
unambitioniert zurückgewiesen, Schwarz-Rot könnte nun zu mehr Klimaschutz
gedrängt werden. DUH-Anwalt Klinger ist sich sicher: „Die Bundesregierung
wird gezwungen werden, [6][ihre Klimapolitik] nachzubessern.“
Aktenzeichen der Klage gegen RWE: 8O310/25
22 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.germanwatch.org/de/11284
(DIR) [2] https://www.ecchr.eu/pressemitteilung/klimaklage-aus-pakistan-baeuerinnen-verklagen-rwe-und-heidelberg-materials/
(DIR) [3] https://www.rwe.com/presse/rwe-ag/2026-01-20-klimaklage-rwe-haelt-forderung-nach-schadensersatz-fuer-unbegruendet/
(DIR) [4] /EuGH-Urteil-gegen-Deutschland/!5776295
(DIR) [5] /Rueckhalt-fuer-Klimaschutz/!6146675
(DIR) [6] /CO2-Reduktion-muss-schneller-werden/!6145208
## AUTOREN
(DIR) Nick Reimer
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Klimaklage gegen RWE
(DIR) Deutsche Umwelthilfe
(DIR) Tempo 30
(DIR) Luftreinhalteplan
(DIR) München
(DIR) Oberverwaltungsgericht
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Äthiopien
(DIR) Wald
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kleinbauern in Äthiopien: Abwarten und Kaffee trinken
In Äthiopien gibt die neue EU-Entwaldungsverordnung Rätsel auf. Denn hier
verdrängen Kaffeesträucher keinen Wald, sie brauchen Schatten von Bäumen.
(DIR) Waldwanderer über Forstarbeit und Klima: „Mir ging es vor allem darum, Hoffnung zu geben“
2021 kündigte Gerald Klamer Job und Wohnung und wanderte los. Sein Ziel:
herausfinden, wie es dem Wald geht. Und zu seiner Rettung beitragen.
(DIR) US-Klimapolitik nach einem Jahr Trump: Solar-Boom und „wunderschöne“ Kohle
Donald Trump will die Welt vom Klimaschutz abbringen. Selbst im eigenen
Land gelingt ihm das nur teilweise. Der Schaden ist dennoch enorm.