# taz.de -- Lifestyle und Longevity: Fasten wie die Feste fallen
> Seit Aschermittwoch ist die gesamte christliche Welt und zufälligerweise
> auch die gesamte muslimische Welt im reduzierten Modus. Aber lohnt sich
> das?
(IMG) Bild: Etwas freudlos kurz vor dem Umfallen: Fasten mit Knäckebrot
Vor der Erfindung von Kühlschrank, Gewächshaus und Lieferketten gingen
spätestens Ende Februar die Wintervorräte zur Neige. Die Eröffnung einer
Filiale vom Mini-Spar war noch in weiter Entfernung und also musste an
Essen gespart werden. Und wie das so ist mit den Religionen, wurde aus der
Not was Spirituelles gezaubert: die Fastenzeit.
Heute ist Fasten lifestyle und eine ganzjährige Beschäftigung. Ausgerechnet
diese Woche, kurz vor Aschermittwoch, dem Beginn der christlichen
Fastenzeit, hat die Wissenschaft nun festgestellt: [1][Intervallfasten
bringt nichts]. Beziehungsweise auch nicht mehr als andere Diäten. Zwar
wird weniger Essen prinzipiell immer noch als effektiver Weg zum Abnehmen
empfohlen. Täglich nur etwa acht Stunden (oder für die volle Portion
protestantische Euphorie: nur jeden zweiten Tag) mit Nahrungsaufnahme und
den Rest mit Verzicht zu verbringen, scheint aber keine Supersizeversion
von Longevity zu bringen.
Weder Lebensqualität noch Diabetesstatus und Blutfettwerte würden sich
sonderlich beeindruckt von größeren Esspausen zeigen. Gewichtsverlust und
verbessertes Körpergefühl seien auch mit jedem herkömmlichen Verzicht
erzielbar.
Wer sich „gesund ernährt“, so [2][eine weitere aktuelle wissenschaftliche
Erkenntnis], kann im Schnitt zwei bis drei Jahre länger unter den Lebenden
verbringen als ein Wesen, das nicht auf seine Ernährung „achtet“.
## Protestantismus ist eine einzige Fastenreligion
Wow! Das ganze Leben Verzicht üben für gerade mal zwei, drei Jahre mehr?
Sicher, wenn es dann mal so weit sein wird, werde ich die zwei, drei Jahre
wahrscheinlich schon gern noch mitnehmen wollen. Aber was für eine Aussicht
sind zwei bis drei Jahre irdisches Vegetieren gegen die Verheißung des
ewigen Lebens?
Protestant*innen sind bekanntlich die kulturellen Vorläufer der
[3][Selbstoptimierung], für zwei, drei Jahre Lebenszeitbonus tun sie alles:
liefern, nicht lümmeln! Auch die Work-life-Balance ist am Ende nichts
anderes als die protestantische Vermessung des Lebens. Der ganze
Protestantismus ist eine einzige Fastenreligion.
Seit Aschermittwoch ist die gesamte christliche Welt und zufälligerweise
auch die gesamte muslimische Welt in der Fastenzeit. Die Christen verkürzen
sich damit das Warten auf Ostern, der Tag, an dem Gott seinen Sohn von den
Toten hat auferstehen und ins ewige Reich holen lassen und der Menschheit
bis auf Weiteres versprochen hat, ihn von dem Bösen zu erlösen und fortan
jeden Einzelnen auch so zu behandeln wie seinen Sohn.
Im Gegensatz zu der ungewissen Zukunft und der Frage, ob Gott sich an sein
Versprechen erinnert, wenn man mal an seine Türe klopft, stellt sich die
Erlösung beim vorösterlichen Fasten recht schnell ein: der Verlust von
Weihnachtsspeck und Winterfett.
Doch selbst hier bietet vor allem der Katholizismus ein Schlupfloch. Dafür
wurde er ja erfunden: um für jede Regel einen Weg zu finden, wie man sie
umgehen kann. So ist zwar feste Nahrung beim Fasten unerwünscht, dem
Flüssigen aber sind keine Grenzen gesetzt. Dank der Mönche im Mittelalter
gibt es deswegen das „Fastenbier“ mit wesentlich höherem Würz- und
Alkoholgehalt als jedes herkömmliche, ein absoluter Partykracher.
Heute aber ist Protestantismus statt Partykracher, selbst die Armbanduhr
schlägt Alarm, wenn sie der Meinung ist, ihr Träger hatte eine Überdosis
Transfette. Clean Eating und Rund-um-die-Uhr-Überwachung der
Nahrungsaufnahme hat derart pandemische Ausmaße, dass selbst die Kirchen in
Bedrängnis kommen und den Menschen nahe legen, in der Fastenzeit auf andere
Dinge zu verzichten als auf Essen: Social Media, Streaming, Autofahren.
Es soll jeder nach seinem Fastenplan glücklich werden. Ich aber werde
weiter fasten wie die Feste fallen und nicht fasten bis zum Umfallen.
22 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/metaanalyse-intervallfasten-100.html
(DIR) [2] https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/forscher-entschluesseln-wie-sie-1000-tage-laenger-leben_d0bf3a52-8ab0-4109-ae5a-63e2e264d492.html
(DIR) [3] /Fitness-und-Literatur-in-Berlin/!6145542
## AUTOREN
(DIR) Doris Akrap
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