# taz.de -- Starmer-Regierung in Großbritannien: Bad Timing
> Mitten in der schwersten Krise der Labour-Regierung gerät eine Nachwahl
> bei Manchester zum Stimmungstest. Die Rechten treten selbstbewusst auf
> wie nie zuvor.
(IMG) Bild: Im Mittelpunkt: Labour-Kandiatin Angeliki Stogia will trotz der Probleme ihrer Partei den Wahlkreis Gorton & Denton gewinnen
Bereits am Telefon äußert der Pressesprecher der rechtspopulistischen
britischen Partei „Reform UK“ sein Bedauern. „Angesichts der nahen und
knappen Wahl“ könne Matt Goodwin keine internationalen Journalist:innen
treffen. Der Akademiker soll am 26. Februar den Wahlkreis Gorton & Denton
erobern, einen südöstlichen Außenbezirk Manchesters mit rund 75.000
Wähler:innen. Der bisherige Labour-Abgeordnete Andrew Gwynne hat sein
Mandat niedergelegt, offiziell „aus Gesundheitsgründen“. [1][Zuvor hatte er
allerdings in internen Chats anzügliche und herablassende Bemerkungen über
seine Wähler gemacht.]
Die Nachwahl für das britische Unterhaus fällt mitten in die schwerste
Krise des Labour-Premierministers Keir Starmer. Neben der generellen
Unzufriedenheit über seine Politik steht er unter Druck, [2][weil er
angeblich von den Verbindungen des langjährigen Labour-Politikers Peter
Mandelson zum US-Sexualstraftäter Jeffrey Epstein wusste]. Gorton & Denton
gilt seit fast einem Jahrhundert als sicherer Labour-Sitz. Doch Reform UK
oder auch die Grünen könnten den Wahlkreis erobern – ein Szenario, das
Starmers Krise verschärfen würde.
Die Enttäuschung über die Labour-Regierung, die 2024 gewählt wurde, ist auf
den Straßen vor Ort mit den Händen zu greifen. Zum Beispiel bei der
24-jährigen Hebamme Leonie Shaw und der 27-jährigen Krankenpflegerin in
Ausbildung Chloe McGlynn, eigentlich klassische Labour-Zielgruppe. „Wir
haben uns mehr Unterstützung für junge Menschen erhofft und finden, Labour
hat zu wenig für das Gesundheitssystem getan“, sagt Shaw. McGlynn stimmt
ihr zu. Beide wollen nun die Grünen wählen.
Die Wahlkampfzentrale von Reform UK liegt in einer kleinen Fabrikhalle im
Industriegebiet von Denton, nahe der Stadtautobahn. Vor der Halle steht ein
alter Reisebus, fast alle der etwa 40 Parkplätze sind belegt. Drinnen ist
es voll: vor allem ältere, ergraute weiße Männer über 50 sieht man,
dazwischen aber auch ein paar auffällig junge Leute.
## Selbst der Vorsitzende des Ortsvereins flüchtet
Zia Yusuf, „Policy Head“ der Partei, unterhält sich in der Mitte des Raums
mit Unterstützern. Kandidat Matt Goodwin, einst Rechtsextremismusforscher
und zuletzt Moderator beim rechten Sender GB News, posiert am Rand mit
Parteimitgliedern vor einem türkisfarbenen Plakat mit der Parole „Familie,
Gemeinschaft, Land“. Gespräche mit der Presse blockt die Partei ab. Selbst
der Vorsitzende des Ortsvereins flüchtet, als er merkt, dass er mit einem
deutschen Journalisten spricht. Beim Verlassen der Halle zeigt sich: Viele
Anwesende sind mit dem Reisebus angereist.
[3][Vor dem Gebäude steht „Young Bob“, ein bekannter Rechtsextremist, der
im vergangenen Sommer bei Protesten im Land gegen die Unterbringung von
Asylbewerbern in Hotels auffiel.] Ende Januar erklärte er in einer
Videobotschaft auf X, er unterstütze zwar die rechtsextreme Splitterpartei
„Advance UK“, wäre aber auch mit einem Sieg Goodwins zufrieden. Der sei ein
„wahrer Rechter“, der Themen wie „Umvolkung“ anspreche.
Auch [4][Tommy Robinson, Großbritanniens bekanntester Rechtsextremist], hat
sich hinter Goodwin gestellt. Die Parteiführung von Reform UK distanziert
sich nicht. Goodwin selbst gibt diesen Kräften Bestätigung: Nach einer
Messerattacke in einem Zug, bei der der Täter ein britischer Schwarzer war,
stellte er infrage, ob Menschen mit Migrationshintergrund wirklich Briten
sein könnten – selbst wenn sie im Land geboren seien und die richtigen
Papiere hätten. Der einstige Rechtsextremismusforscher scheint mit seinem
Forschungsgebiet verschmolzen.
Im Wahlkampf von Gorton & Denton zeigt Reform UK starke Präsenz. Selbst im
strömenden Regen klopfen Wahlhelfende an Türen und verteilen Flugblätter.
Die Menge an Wahlwerbung sei enorm, berichten Anwohner. Auf den
Flugblättern stehen vier Forderungen: ein Ende der Klimaneutralität, um
Energiekosten zu senken; ein Stopp der illegalen Einwanderung; nationale
Präferenz für Briten; und ein Ende der Gesetzlosigkeit auf den Straßen.
In einer gepflegten Straße in Denton, gesäumt von Einfamilienhäusern mit
gelegentlich wehenden britischen Flaggen, begründet die 57-jährige
Großmutter Paula Wolstenholme an ihrer Türschwelle der taz ihre Absicht,
für „Reform“ zu stimmen. „Alle Parteien sind bei mir vorbeigekommen, aber
Reform UK haben am besten zugehört“, sagt sie. Sie ist überzeugt, dass die
Partei die öffentlichen Dienstleistungen verbessern wird. Auch andere in
der Gegend tendieren zu Reform UK. Nicky Hardy, 25 und arbeitslos, will die
Rechtspopulisten wählen, damit das Land wieder werde wie früher – mit
niedrigeren Preisen und mehr Polizeipräsenz.
Die Labour-Wahlkampfzentrale liegt im Stadtteil Gorton, wo anders als in
Denton mehr Menschen dicht an dicht in mehrstöckigen Wohnblöcken leben.
Viele stammen aus dem indischen Subkontinent oder Westafrika. Hier trifft
die taz Labour-Kandidatin Angeliki Stogia in einer umfunktionierten
Industriehalle. Ringsherum liegt eine riesige Menge an Wahlkampfmaterial,
gebündelt und mit QR-Codes versehen.
Stogia, Jahrgang 1978, trägt schulterlanges, welliges Haar und eine
schwarze Glitzerjacke, als sei sie schon jetzt der Star der Wahl. Geboren
in Griechenland, betont sie stolz: „Sollte ich Abgeordnete werden, wäre ich
die erste mit griechischen Wurzeln.“ Das sei ein Kern ihrer politischen
Perspektive. „Ich wollte, dass die Vielfalt dieser multikulturellen Stadt
sich auch in der Stadtvertretung widerspiegelt. 2012, als ich erstmals
kandidierte, war das nicht der Fall: wenige Frauen, kaum Menschen mit
Migrationshintergrund. Die meisten waren ältere Männer“, erinnert sie sich.
An diesem Wochenende erhält Stogia prominente Unterstützung: Andy Burnham,
Labour-Bürgermeister von Manchester, und Angela Rayner, die frühere
Vize-Parteichefin, die Keir Starmer 2025 aus dem Amt drängte, sind bei
ihrer Wahlkampfveranstaltung dabei. Beide gelten als Rivalen Starmers.
Burnham wollte eigentlich selbst für diese Nachwahl antreten, [5][aber die
Labour-Führung ließ ihn nicht zu, weil er als Parlamentsabgeordneter
Starmer gefährlich werden könnte.]
## Ausbau der Straßenbahn
Würde Stogia es auch begrüßen, wenn Keir Starmer käme, um sie zu
unterstützen? „Selbstverständlich“, antwortet sie sofort. „Er ist der
Führer unserer Bewegung!“ Und der Mandelson-Skandal? „Der hat sich selbst
in Ungnade gebracht und Land und Premierminister hängen gelassen. Ich
verstehe den Ernst der Lage und denke an die Opfer“, sagt sie. Ihr Ziel sei
es, den Menschen zu zeigen, wie Labour Probleme wie illegale
Müllentsorgung, unsoziales Verhalten und unsaubere Straßen lösen will.
Gemeinsam mit Burnham wolle sie dafür sorgen, dass Züge in Denton öfter als
zweimal wöchentlich halten und die Straßenbahn dorthin ausgebaut wird. Das
ist ihre größte Trumpfkarte: Als Abgeordnete hätte sie Zugang zu den
Mächtigen – der Labour-Regierung in London, dem Labour-Bürgermeister von
Manchester und dem Labour-Gemeinderat. Von den Grünen hält sie wenig:
„Letzten Mittwoch stimmten sie im Stadtrat von Manchester gegen einen Plan
für bezahlbare Wohnungen. Sie reden viel über Werte und soziale
Gerechtigkeit, liefern aber wenig.“
Das stimmt nicht ganz. Die Grünen argumentieren, sie stimmten gegen den
Labour-Plan, weil ihnen die Wohnungen nicht erschwinglich genug schienen.
Sie präsentieren sich als die wahre linke Alternative zu Reform UK und
behaupten, dass Labour diese Nachwahl nicht gewinnen könne.
Zum Treffen mit der grünen Kandidatin Hannah Spencer wird man in einen Park
in Denton gebeten. Rund 40 meist junge Menschen stehen um ein Partyzelt mit
Wahlkampfmaterial. Eine Frau bietet vegane Suppe und Brot an. Spencer kommt
fast eine Stunde zu spät, begleitet von Sicherheitsleuten.
Die ausgebildete Klempnerin ist seit knapp drei Jahren Stadträtin der
Grünen in Trafford. Sie hat lange nach hinten gebundene blonde Haare, trägt
Sweatshirt und Jeans, eine Wachsjacke mit Löchern und weiße Sportschuhe.
Warum will sie ins Parlament? „Weil die Politik so aussichtslos wirkt. Ich
will eine hoffnungsvolle Alternative bieten. Ich habe hier gelebt, arbeite
noch immer hier und sehe, wie Menschen unter Herausforderungen leiden, die
Politiker lange ignoriert haben“, sagt die 34-Jährige.
Die Grünen stünden für soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz und gegen
Rassismus. Besonders wichtig sei es, die Kluft zwischen Superreichen und
dem Rest zu überwinden. „2026 darf niemand mehr frieren, während
Energiekonzerne Millionenprofite machen.“ Politik und Feminismus seien für
sie untrennbar, etwa weil sie selbst zeige, dass Frauen Klempnerinnen sein
können, oder wenn sie an Frauen in Palästina denke. Beschäftigen sie die
Frauen im Iran auch? Ja, sagt sie sofort und verweist auf Freund:innen.
Ist es ein Hindernis, dass ihre Kontrahentin bei Labour ebenfalls eine
junge Frau ist? Nein, sagt Spencer. „Alle, die sich hinter Labour stellen,
haben Fragen zu beantworten“, findet sie. „Wissen Sie, dass Labour die
Kindergeldbegrenzung auf nur zwei Kinder nur deswegen wieder ausgeweitet
hat, weil wir Grünen Druck machten?“ Auch das stimmt nicht ganz, der Druck
kam ebenfalls aus der Labour-Partei selbst und von Familienorganisationen.
Doch die Aussage zeigt das neue Selbstbewusstsein der Grünen.
Spencer nimmt die taz gleich für eine Stunde mit zum Haustürwahlkampf.
Nicht alle Türen öffnen sich. Die erste Tür, die aufgeht, ist die von Becky
Adams, 51, Direktorin einer Anwaltskanzlei. Sie braucht keine grüne
Überzeugungsarbeit. Adams erzählt, erst kürzlich von Labour zu den Grünen
übergetreten zu sein, wegen des Skandals um den zurückgetretenen
Abgeordneten Andrew Gwynne, der rassistische Nachrichten in einer
Chatgruppe teilte.
## „Ihr Parteichef ist ein Idiot“
Schwerer hat die Grünen-Kandidatin es ein paar Hausnummern weiter. Der
62-jährige Barry Hazeldine ist nicht überzeugt. „Sie sind nett“, sagt er,
„aber ich glaube, Sie machen das nur für einen besseren Job. Und Ihr
Parteichef ist ein Idiot!“ Er meint Zack Polanski. „Wer in Zeiten von Putin
auf Atomwaffen verzichten will, ist blauäugig“, fügt er hinzu, nennt aber
auch Nigel Farage einen Idioten.
Sowohl Grüne als auch Labour müssen sich ständig überlegen, wie sie sich
die Konkurrenz von Reform UK vom Hals halten. Spencer wirft „Reform“ vor,
die Arbeiterklasse gegeneinander auszuspielen. „Ich bin stolz, dass die
Gemeinschaften hier robust sind und wir uns nicht von Menschen spalten
lassen, die aus Hertfordshire hierhergebracht wurden.“ Damit spielt sie auf
„Reform“-Kandidat Matt Goodwin an, der aus dem Süden Englands kommt.
Labour-Kandidatin Stogia wirft Reform UK Großmaulpolitik vor. „Als Nigel
Farage mit seiner Vorgängerpartei Ukip im Europäischen Parlament saß, kam
er oft nicht zu den Plenarsitzungen, bot keine Lösungen an und schrie nur
herum“, sagt sie. Sie ärgert sich, dass die Grünen behaupten, nur sie
könnten „Reform“ schlagen, und dabei mit falschen Grafiken arbeiten.
[6][Das hat die Factchecking-Organisation „Fullfact“ bestätigt.]
Labour findet vor allem bei der pakistanischstämmigen Bevölkerung
Unterstützung. Auf der Straße verweisen die Leute dabei aber oft gar nicht
auf die Labour-Kandidatin, sondern auf den ebenfalls pakistanischstämmigen
Abgeordneten Afzal Khan aus dem benachbarten Wahlkreis Rusholme. Der setze
sich für sie ein, sagen die Leute.
In einem Restaurant erklärt Ahmed Ijat Bhatta, ein 63-jähriger
pensionierter Pilot: „Ich wähle Labour, wie immer. Sie stehen für das
Gesundheitssystem, Wohnungen, Hilfe für Arbeitslose und mehr Polizei.“ Doch
sein Lieblingspolitiker ist George Galloway, ein linker Labour-Abweichler,
der Gaza zu seinem Hauptthema gemacht hat und 2024 einige Monate lang für
seine eigene „Workers Party“ im Parlament saß. Die Labour-Sympathien gehen
offensichtlich nicht sehr tief.
Wie die Wahl ausgeht, bleibt unklar. Denton scheint teils an Reform UK
gefallen zu sein, doch dort leben weniger Menschen. In Gorton könnten
Studierende Grün wählen, während die pakistanischstämmige Bevölkerung bei
Labour bleibt – sofern sie überhaupt wählen geht. Im Crowcroft Park kündigt
der 52-jährige Verkaufsmanager Phil an, sich an den Wahlprognosen zu
orientieren: „Ich werde die Partei wählen, die Reform UK am ehesten
schlagen kann.“
11 Feb 2026
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