# taz.de -- Nach der Nachwahl in Großbritannien: Labour jetzt nur noch drittklassig
> Der Triumph der Grünen in einer Labour-Hochburg stellt Starmers Partei
> vor ein neues Problem: Überflügelt wird sie nicht nur rechts, auch links.
(IMG) Bild: Hat die Nachwahlen in Gorton and Denton gewonnen: die Kandidatin der Grünen, Hannah Spencer
Unterstützt Großbritanniens Labour-Regierung die US-Angriffe auf Iran oder
nicht? Vergeblich versuchte die BBC-Journalistin Laura Kuenssberg [1][in
ihrer TV-Show] am Sonntagmorgen den britischen Verteidigungsminister John
Healey dazu zu bringen, Aussagen Kanadas und Australien zu folgen, welche
sich hinter die Angriffe Israels und der USA stellten. Er wollte das ebenso
wenig tun wie eine Verurteilung der Angriffe als völkerrechtswidrig
aussprechen. Großbritannien sei nicht beteiligt gewesen, sagte er
lediglich. Dann aber nannte er Iran eine „Quelle des Bösen“.
Am Samstag [2][hatte Premierminister Keir Starmer bereits gesagt]: „Das
Vereinigte Königreich spielte keine Rolle in diesen Schlägen.“ Aber Irans
Regime sei „fürchterlich“, es sei eine Bedrohung, und „unsere Streitkräfte
sind im Einsatz und britische Flugzeuge sind heute im Himmel als Teil einer
koordinierten regionalen Verteidigungsoperation, um unser Volk, unsere
Interessen und unsere Alliierten zu verteidigen“. Doch verweigerte
Großbritannien den USA die Erlaubnis, britische Militärbasen für ihre
Angriffe zu benutzen.
In diesen Tagen geht es bei so etwas in Großbritannien mehr als um die Lage
im Mittleren Osten. Mit der von Labour am Donnerstag an die Grünen
verlorenen [3][Nachwahl im Manchester-Wahlkreis Gorton and Denton], seit
fast 100 Jahren eine Labour-Hochburg, steht die Zukunft der
Labour-Regierung auf dem Spiel.
Die Grüne [4][Hannah Spencer] holte den Sitz Gorton and Denton souverän mit
40,7 Prozent; Labour kam mit 25,4 Prozent der Stimmen sogar nur noch auf
den dritten Platz hinter Reform UK. Es ist der erste grüne Sieg bei einer
britischen Parlamentsnachwahl überhaupt.
## Die Grünen surfen auf der Gaza-Welle
Zwar sollte man nicht zu viel aus Nachwahlen ablesen, doch der Wahlsieg der
Grünen zeigt, dass Labour sich nun nicht mehr nur nach rechts gegen Reform
UK von Nigel Farage behaupten muss, die seit über einem Jahr alle
Meinungsumfragen anführt, sondern auch nach links, wo die Grünen sich mehr
und mehr profilieren.
Die Nahostpolitik hat daran einen großen Anteil. [5][Unter dem im September
2025 gewählten neuen Chef Zack Polanski] artikulieren die Grünen nicht mehr
ökologische Themen an erster Stelle, sondern soziale Themen und immer
wieder das Thema Gaza.
Im Nachwahlkampf von Gorton and Denton verbreiteten die Grünen
Wahlkampfmaterial in der pakistanischen Sprache Urdu, die auf Fotos
Vizepremierminister David Lammy mit Israels Premierminister Benjamin
Netanjahu zeigten und Regierungschef Keir Starmer mit dem indischen
Premierminister Narendra Modi. Danach am Freitag kritisch gefragt,
antwortete Polanski, es zeige, mit welcher Art von Leuten die beiden Umgang
hätten.
Doch dafür hätte man auch Politiker aus China oder Saudi-Arabien nehmen
können. Es ging um die Mobilisierung muslimischer Wähler gegen Labour.
Am Samstag ließ sich der stellvertretende Grünen-Parteichef Mothin Ali
[6][auf einer Veranstaltung gegen den Irankrieg fotografieren], umringt von
durch ihre Fahnen erkennbare Unterstützer:innen der Islamischen
Republik. Und in derselben TV-Sendung, in der Verteidigungsminister Healey
eine klare Position vermied, sagte Grünen-Chef Polanski, der Krieg sei
„illegal“ und „unprovoziert“.
## Der linke Labour-Flügel fordert mehr Klarheit
Londons Labour-Bürgermeister Sadiq Khan, ein Muslim, dessen Amt im Mai zur
Wahl steht, behauptet nun, Labour müsse progressive Wähler:innen viel
klarer ansprechen als bisher. Die stellvertretende Labourvorsitzende Lucy
Powell sagte, mit dem von der Parteiführung abgeblockten Manchester
Bürgermeister Andy Burnham als Kandidat hätte Labour die Nachwahl gewonnen.
Dahinter steht, dass Burnham populärer ist als Keir Starmer und
parteiintern als dessen potenzieller Rivale und Nachfolger gehandelt wird.
Mit Burnham und Powell verbündet ist die im September wegen
Steuerhinterziehung zurückgetretene frühere Vizepremierministerin Angela
Rayner, auch sie fordert jetzt einen klaren linken Stil.
Glaubt man Starmers Innenministerin Shabana Mahmood, ist jedoch das
Gegenteil zu erwarten. Mahmood ist gerade von einem Besuch in Dänemark
zurückgekommen und will jetzt in Großbritannien [7][strenge
Einwanderungsregeln nach dänischem Modell einführen]: zeitlich begrenztes
Asylrecht, Rücksendung, sobald die Behörden es für sicher halten,
geschlossene Abschiebezentren. Das entspricht früheren Forderungen von
Reform UK und folgt auf Ankündigungen von Reform UK, sie würden bei einer
Regierungsübernahme eine britische Version der berüchtigten
US-Migrationspolizei ICE schaffen.
## Alle paar Tage ein neuer Personalskandal
Die Nachwahlniederlage Labours liegt nicht nur an uneindeutiger Politik.
Dahinter stehen auch zahlreiche Skandale wie der um Starmers Berufung des
Labour-Politikers [8][Peter Mandelson] zum Botschafter in den USA, obwohl
bekannt war, dass er engen freundschaftlichen Kontakt zu Jeffrey Epstein
pflegte. Die Affäre hat Mandelson sein Amt und seinen Sitz im Oberhaus
gekostet und eine vorübergehende Festnahme eingebracht, dazu den Rücktritt
von Starmers Stabschef und früherem Wahlkampfleiter Morgan McSweeney.
Diesen Samstag folgte ihm der Minister für Digitalisierung, [9][Josh
Simons]. Er hatte von einer PR-Agentur erfundene Behauptungen über zwei
Sunday-Times-Journalisten verfassen und verbreiten lassen, die nicht
deklarierte Wahlkampfspenden an den von McSweeney geleiteten Thinktank
Labour Together aufgedeckt hatten.
Am Wochenende wurde zudem [10][Joe Docherty], ein gerade ins Oberhaus
beförderter 57-jähriger Bildungsbeauftragter, von Labour suspendiert,
nachdem bekannt wurde, dass er in seinem vorherigen Job an einer Oberschule
während der Arbeitszeit mit Kolleginnen sexuelle Kontakte pflegte. Eine
weitere von Starmer nominierte Labour-Abgeordnete des Oberhauses, [11][Ann
Limb], verzichtete am Wochenende auf ihr Mandat – ihr werden finanzielle
Unregelmäßigkeiten vorgeworfen.
Vor einer Woche hatte Labour mit [12][Matthew Doyle] bereits einen neu ins
Oberhaus beförderten Labour-Abgeordneten ausschließen müssen. Matthew Doyle
hatte einen Politiker im Wahlkampf unterstützt, der unter Anklage stand,
kinderpornografische Bilder zu besitzen.
Die Häufung all dieser Fälle wirft permanent neue Fragen bezüglich Starmers
Personalpolitik und Urteilsvermögen auf. Spätestens die britischen
Kommunal- und Regionalwahlen Anfang Mai könnten Labour zu einer klaren
Politik zwingen, nämlich den Sturz Keir Starmers.
1 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.facebook.com/inmynewsfeed/videos/laura-kuenssberg-interviews-defence-secretary-john-healey-sunday-with-laura-kuen/26044520285170054/
(DIR) [2] https://www.gov.uk/government/speeches/pm-statement-on-iran-28-february-2026
(DIR) [3] https://en.wikipedia.org/wiki/2026_Gorton_and_Denton_by-election
(DIR) [4] https://en.wikipedia.org/wiki/Hannah_Spencer
(DIR) [5] /Gruenen-Parteitag-in-Grossbritannien/!6117594
(DIR) [6] https://x.com/darrengrimes/status/2027887709906145714
(DIR) [7] https://www.bbc.com/news/articles/cwyx55nkxg9o
(DIR) [8] /Keir-Starmer-in-der-Krise/!6152408
(DIR) [9] https://en.wikipedia.org/wiki/Josh_Simons
(DIR) [10] https://en.wikipedia.org/wiki/Joe_Docherty,_Baron_Docherty_of_Milngavie
(DIR) [11] https://en.wikipedia.org/wiki/Ann_Limb,_Baroness_Limb
(DIR) [12] https://en.wikipedia.org/wiki/Matthew_Doyle,_Baron_Doyle
## AUTOREN
(DIR) Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
## TAGS
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