# taz.de -- Ursprünge des Internationalen Frauentags: Eine unbequeme Sozialistin bis heute
> Clara Zetkin war eine Vorkämpferin für Frauenrechte. Wegen ihres Kampfes
> für eine sozialistische Gesellschaft tut man sich immer noch mit ihr
> schwer.
(IMG) Bild: Clara Zetkin 1930 an ihrem Schreibtisch: „Ich will leben, das heißt so leben, dass es mir lebenswert erscheint“
Was bleibt von Clara Zetkin? Zahlreiche Straßen, Wege oder Plätze sind nach
der Initiatorin des [1][Internationalen Frauentags] benannt, vor allem in
Ostdeutschland. In Stuttgart-Sillenbuch, wo sie lange gelebt hatte, gibt es
eine von ihr einst mitbegründete und heute ihren Namen tragende [2][linke
Tagungs- und Begegnungsstätte]. In Birkenwerder in der Nähe von Berlin,
ihrem letzten Wohnort in Deutschland, existiert [3][eine kleine
Gedenkstätte]. Im Bundestag hat die Linke ihren Fraktionsraum nach ihr
benannt. Und die Partei vergibt jährlich einen Clara-Zetkin-Preis, mit dem
„herausragende feministische Leistungen in Gesellschaft und Politik“
gewürdigt werden sollen.
Vergessen ist Clara Zetkin also nicht. Gleichwohl ist es kein leichtes
Unterfangen, ihr gerecht zu werden. Sie hat gleich mehrfach Geschichte
geschrieben, doch bis heute nicht den ihr gebührenden Platz in der
Geschichte gefunden. In der DDR idealisiert, wurde sie in der alten BRD
totgeschwiegen oder verfemt. Auch [4][das wiedervereinigte Deutschland]
[5][tut sich bis heute schwer mit ihr]. Trotzdem gibt es an Klara Josephine
Eißner, als die sie am 1857 im sächsischen Wiederau geboren wurde, kein
Vorbeikommen. Schon gar nicht am 8. März.
Einerseits war sie ein Kind ihrer Zeit, andererseits dieser in ihrem
eigenen Lebensentwurf weit voraus. Sie war eine Vorkämpferin für
Frauenrechte, wetterte jedoch inbrünstig gegen die „Frauenrechtlerei“. Sich
als Feministin zu bezeichnen, wäre ihr als bisweilen schroffe Gegnerin der
bürgerlichen Frauenbewegung [6][nie in den Sinn gekommen]. „Eine rote
Feministin“, wie [7][die Journalistin Lou Zucker] ihr 2021 erschienenes
Buch über sie betitelt hat, war Zetkin trotzdem. Sie selbst zog die
Bezeichnung „internationale Sozialistin“ vor. Obwohl aus einem bürgerlichen
Elternhaus stammend und nie in einer Fabrik arbeitend, gilt sie als
Begründerin der proletarischen Frauenbewegung.
Als auf der von ihr geleiteten Zweiten Internationalen Sozialistischen
Frauenkonferenz am 27. August 1910 in Kopenhagen der Internationale
Frauentag beschlossen wurde, war Zetkin 53 Jahre alt und hatte bereits ein
bewegtes Leben hinter sich. Gerade volljährig und verliebt in den linken
russischen Revolutionär Ossip Zetkin war die junge gelernte
Volksschullehrerin 1878 in Leipzig in die Sozialistische Arbeiterpartei
Deutschlands (SAP) eingetreten, wie sich die SPD damals nannte. Das war im
Jahr des Verbots der Partei im Zuge des Sozialistengesetzes Bismarcks und
bedeutete den Bruch mit ihrem liberalen bürgerlichen Elternhaus.
## Traum von einer sozialistischen Gesellschaft
Von 1882 an lebt Klara Eißner mit dem aus Sachsen als „lästigen Ausländer“
ausgewiesenen Ossip Zetkin in ärmlichsten Verhältnissen im Exil in Paris.
Sowohl den bürgerlichen als auch den proletarischen Konventionen der
damaligen Zeit fundamental widersprechend, ist sie mit ihm „aus Grundsatz“
ohne Trauschein in „freier Ehe“ zusammen. Gleichwohl nimmt sie seinen
Nachnamen an. Sie bekommen zwei Söhne. 1886 erkranken Ossip und Clara
Zetkin an Tuberkulose. Er stirbt daran Anfang 1889 mit nur 39 Jahren, sie
wird sich von der Erkrankung nie wieder ganz erholen. Bis zu ihrem
Lebensende wird sie immer wieder mit körperlichen Zusammenbrüchen zu
kämpfen haben.
Wenige Monate nach dem Tod ihres Lebenspartners nimmt Clara Zetkin im Juli
1889 am Gründungskongress der Zweiten Internationale in Paris teil – als
eine von fünf Frauen unter 400 Teilnehmenden. Die 32-Jährige, die über
englische, französische, italienische und russische Sprachkenntnisse
verfügt, [8][hält eine vielbeachtete Rede]. „Wie der Arbeiter vom
Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird
unterjocht bleiben, solange sie nicht wirtschaftlich unabhängig dasteht“,
lautet einer ihrer Kernsätze.
„Nur in der sozialistischen Gesellschaft werden die Frauen wie die Arbeiter
in den Vollbesitz ihrer Rechte gelangen“ – das ist die zentrale Botschaft
ihrer Rede, die Zetkin bis zu ihrem Lebensende unermüdlich in zahlreichen
Artikeln und unzähligen Reden im in- und Ausland weiter propagieren wird.
Aber was bedeutet das? Bevor sich um die Befreiung der Frau gekümmert
werden kann, muss also erst der Kapitalismus beseitigt sein, wie sich links
dünkende Vertreter:innen der Theorie vom Haupt- und Nebenwiderspruch
behaupten?
Zetkin taugt dafür als Kronzeugin nicht so richtig. Obwohl ihr immer wieder
unterstellt, war die eschatologische Vertröstung der Frauen auf den Tag des
Jüngsten Gerichts über den Kapitalismus nicht ihre Sache. In ihren
Schriften warnte sie vielmehr ausdrücklich vor „der irrigen
Schlussfolgerung, die Forderung der Gleichberechtigung des weiblichen
Geschlechts auf den Zukunftsstaat zu vertagen“.
Vielmehr sah sie „den Kampf für die volle Gleichberechtigung als Sache des
Proletariats und eine Aufgabe der Gegenwart“, wie sie 1928 schrieb. Die
Frauen hätten „in den organisierten Reihen der Arbeiterklasse im Ringen um
den Sozialismus zugleich um ihre eigene Emanzipation zu kämpfen“. Dazu
gehörte für sie das entschiedene Eintreten für das Wahlrecht für Frauen,
das in Deutschland erst 1918 durchgesetzt werden konnte, in Frankreich
dauerte es sogar bis 1944 und [9][in der Schweiz bis 1971]. Auch der
Internationale Frauentag sollte ursprünglich [10][„in erster Linie der
Agitation für das Frauenwahlrecht“] dienen.
## Kritik an der bürgerlichen Frauenbewegung
„Wir weisen die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen nicht etwa deswegen
zurück, weil wir das Bisschen nicht wollen, sondern weil sie das Mehr nicht
wollen“, stellte Zetkin [11][auf dem SPD-Parteitag 1896] in Gotha klar. An
der bürgerlichen Frauenbewegung kritisierte Zetkin deren Beschränkung auf
den Kampf für die rechtliche Gleichstellung, was nur ein privilegierter
Kampf „gegen den Mann ihrer Klasse“ sei. Die Not und das Elend des
Proletariats würden für die bürgerlichen Frauen hingegen keine relevante
Rolle spielen. Deswegen spottete sie über „die ‚Liebessabbeleien‘ von der
einen großen ‚Schwesternschaft‘, die vorgeblich ein einigendes Band um
Bourgeoisdamen und Proletarierinnen schlingt“.
Auch Zetkin trat selbstverständlich für das Frauen damals noch bestrittene
Recht ein, sich zu organisieren und öffentlich zu versammeln, für Ämter zu
kandidieren oder zu studieren und jeden Beruf zu ergreifen, den sie
ergreifen wollen. Sie sah darin aber kein Endziel, sondern nur eine Etappe
auf dem Weg zur Befreiung von „Klassenausbeutung und Klassenherrschaft“.
Der Kampf gegen die „rechtlose Sonderstellung des weiblichen Geschlechts“
war für sie aufs Engste mit der materiellen Emanzipation der Arbeiterinnen
verbunden.
Ihr Blick konzentrierte sich dabei auf die Fabrikarbeiterinnen, also auf
jene Frauen, bei denen es nicht darum ging, „die freie Konkurrenz mit dem
Mann“ zu erkämpfen, sondern die von den Arbeitgebern unter schlimmsten
Bedingungen als billige Arbeitskräfte zum Beispiel in der Textilindustrie
eingesetzt wurden – als „Schmutzkonkurrentinnen“ und „Lohndrückerinnen der
Männer“, wie es Zetkin formulierte. Ihnen galt ihre volle Solidarität.
Einen zentralen Grund für die im Vergleich zur industriellen Männerarbeit
noch wesentlich schlechtere Entlohnung der Fabrikarbeiterinnen sah Zetkin
in derem geringen gewerkschaftlichen Organisationsgrad: „Je größer die Zahl
der organisierten Arbeiterinnen ist, die Schulter an Schulter mit ihren
Kameraden aus Fabrik und Werkstatt für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen,
umso eher und mehr werden sich die Frauenlöhne heben, umso eher kann der
Grundsatz verwirklicht werden: gleicher Lohn für gleiche Arbeit ohne
Unterschied des Geschlechts“, konstatierte sie 1893 in der
sozialdemokratischen Frauenzeitung Die Gleichheit, deren Leitung sie nach
ihrer Rückkehr aus dem Pariser Exil ein Jahr zuvor übernommen hatte.
## Gegen den Sexismus der Arbeiter
Voraussetzung dafür, dass die Organisierung der Arbeiterinnen in den
Gewerkschaften gelingen kann, sei jedoch, dass die Arbeiter ihr
sexistischen Verhalten ablegen müssten, war Zetkin überzeugt: „Die Arbeiter
müssen aufhören, in der Arbeiterin in erster Linie eine Frau zu sehen, der
man, je nachdem sie jung, hübsch, sympathisch, heiter oder es nicht ist,
den Hof macht und der gegenüber man sich eventuell je nach dem Grade der
eigenen Bildung oder Unbildung Rohheiten und Zudringlichkeiten erlaubt.“
Auch wenn Zetkin propagierte, dass die proletarische Frau „Hand in Hand mit
dem Manne ihrer Klasse“ gegen die kapitalistische Gesellschaft zu kämpfen
habe, ignorierte sie nicht patriarchale Verhältnisse. Noch in ihrer letzten
Reichstagsrede prangerte sie die „Ketten der Geschlechtssklaverei“ an,
denen Millionen Frauen ausgeliefert seien.
Zu dem großen Problem, dass der Großteil der lohnarbeitenden Frauen einer
doppelten Ausbeutung ausgesetzt waren und sind, hatte Zetkin allerdings
„wenig Praxistaugliches anzubieten“, macht der Politikwissenschaftler Ingar
Solty in seiner 2025 im Rahmen der [12][„Edition Marxismen“] erschienenen
Zetkin-Monographie eine Leerstelle bei ihr aus.
Dass auch ein Mann „regelmäßig kochen, putzen, einkaufen, waschen könnte
und daran denken, dass das Pausenbrot geschmiert, das Geld für den
Schulausflug mitgegeben und die Musikstunde gebucht ist, da klafft bei
Zetkin tatsächlich eine Lücke“, so Solty. „Diese kann auch eine radikale
Arbeitszeitverkürzung, die ökonomische Gleichheit der Geschlechter und die
Seit’ an Seit’ vollzogene Lenkung des öffentlichen Lebens nicht schließen.“
## Schwächer werdende körperliche Kräfte
Als erste Frau wird Zetkin 1895 in ein leitendes Organ der SPD gewählt, die
Kontrollkommission. Ab 1900 gehört sie dem Parteivorstand an. Lange Jahre
zählt die enge Freundin Rosa Luxemburgs zu den führenden
Sozialdemokrat:innen in Europa. Sie korrespondiert mit Genossinnen
in der ganzen Welt.
Nachdem ihr konsequenter Antimilitarismus 1917 zum unvermeidlichen Bruch
mit der SPD führt, hält sie als Abgeordnete der USPD am 29. Januar 1919 in
der württembergischen verfassungsgebenden Landesversammlung die [13][erste
Rede einer Frau in einem deutschen Parlament]. 1920 hält sie die [14][erste
Rede der KPD im Reichstag].
Obgleich ihre körperlichen Kräfte immer schwächer werden, übernimmt sie in
den Folgejahren eine Funktion nach der anderen, ist unter anderem
Vorsitzende der Internationalen Arbeiterhilfe, Vorsitzende der
Internationalen [15][Roten Hilfe] und Mitglied des Exekutivkomitees der
Kommunistischen Internationalen.
Legendär wird [16][ihre Rede als Alterspräsidentin] des letzten Reichstags
vor der Machtübernahme Hitlers. „Das Gebot der Stunde ist die Einheitsfront
aller Werktätigen, um den Faschismus zurückzuwerfen“, appelliert sie am 30.
August 1932 bereits todkrank und fast erblindet. „Vor dieser zwingenden
geschichtlichen Notwendigkeit müssen alle fesselnden und trennenden
politischen, gewerkschaftlichen, religiösen und weltanschaulichen
Einstellungen zurücktreten.“
Ihr Aufruf ist vergebens. Im Alter von 75 Jahren stirbt Zetkin am 20. Juni
1933 in einem Sanatorium in der Nähe Moskaus. Seit Anfang der 1920er-Jahre
hatte sie überwiegend in der Sowjetunion gelebt. Ihre Urne wird an der
Kremlmauer beigesetzt. Mehrere Hunderttausend Menschen nehmen an der
Beerdigung teil.
## Eiserne Parteidisziplin
Clara Zetkin war Produkt wie Repräsentantin erst der sozialdemokratischen,
dann der kommunistischen Bewegung in Deutschland, die beide an Idealen,
aber auch an Irrungen und Wirrungen nicht arm waren. Ihre große Zeit hatte
Zetkin im Kaiserreich, in der Weimarer Republik verkörperte sie
krankheitsbedingt eigentlich nur noch eine „lebendige Vergangenheit“, wie
es der französische Schriftsteller Louis Aragon formuliert hat.
Dass sie im Gegensatz zur SPD ihren antimilitaristischen Prinzipien treu
geblieben und nicht mit wehenden Fahnen Wilhelm II. in den Ersten Weltkrieg
hinterhergezogen ist, hat ihre alte Partei ihr nie vergeben. „Als sie die
SPD verließ, blieb sie Sozialdemokratin, so wie sie die Sozialdemokratie
verstanden hatte“, schreibt Tânia Puschnerat in ihrer 2003 erschienenen
Zetkin-Biografie.
Dazu gehörte, dass ihr die Geschlossenheit nach außen heilig war. In ihrer
aus der sozialdemokratischen Tradition stammenden eisernen Parteidisziplin
liegt begründet, dass sie der KPD – trotz massiv intern von ihr geäußerter
Kritik – bis zum Schluss treu blieb.
Dem großen Traum von einer befreiten Gesellschaft ordnete Zetkin alles
unter, auch sich selbst – bei allen Zweifeln an der konkreten Politik der
kommunistischen Partei. „Sie schwieg wider besseres Wissen“, hat ihr
[17][der Historiker Heinrich August Winkler] vorgeworfen. „Sie ist benutzt
worden, sie hat sich ausnutzen lassen, manipulierbar war sie nie“, schreibt
der französische Zetkin-Biograf Gilbert Badia.
Zetkin war eine zutiefst überzeugte und selbstlose Kämpferin an der Seite
der Erniedrigten, Ausgebeuteten und Unterdrückten. Mit großer Verve trat
sie für die politischen und die sozialen Rechte der Frauen ein. Dass sie
sich öffentlich nie kritisch zur Stalinisierung der KPD und erst recht
nicht der Sowjetunion geäußert hat, hat jedoch das Bild von ihr getrübt.
Trotzdem verdankt nicht nur die Frauenbewegung Clara Zetkin viel.
8 Mar 2026
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