# taz.de -- Prozess gegen Klimaaktivist:innen: Letzte Generation eine kriminelle Vereinigung?
> Das Landgericht Potsdam startet den Prozess gegen Aktivist:innen der
> Letzten Generation. Diese sehen eine politisch motivierte
> Kriminalisierung.
(IMG) Bild: Hier für manche zu sehen: ganz viel kriminelle Energie
Das Landgericht Potsdam hat das Gerichtsverfahren gegen
Klimaaktivist:innen der inzwischen aufgelösten Klimagruppe Letzte
Generation eröffnet. Das gab die Gruppe am Montagmorgen bekannt. Demnach
müssen sich nun fünf Mitglieder vor Gericht mit dem Vorwurf
auseinandersetzen, Teil einer kriminellen Vereinigung zu sein. Das
entsprechende Schreiben vom Landgericht Potsdam liegt der taz vor, das
Gericht war auf Anfrage zunächst nicht zu erreichen.
Potsdam ist damit das erste Gericht, das den Vorwurf tatsächlich vor
eine:n Richter:in bringt. Parallel haben aber auch die
Staatsanwaltschaften in Flensburg und München Anklage nach Paragraf 129
erhoben. Eigentlich soll mit dem Paragrafen gegen organisierte Kriminalität
vorgegangen werden, etwa mafiöse Strukturen. Weil dieser der Polizei
allerdings recht niedrigschwellig umfangreiche Observationsmaßnahmen
ermöglicht, wird [1][der Vorwurf auch immer wieder gegen politische Gruppen
erhoben]. Zur Anklage kommt es dabei selten.
Doch jetzt strebt die federführende Staatsanwaltschaft Neuruppin gegen die
Letzte Generation tatsächlich eine Verurteilung an. Sie sieht es also als
erwiesen an, dass es der Zweck der Gruppe gewesen sei, Straftaten zu
begehen.
Es handle sich um eine „Zäsur“, sagte Carla Hinrichs, die ehemalige
Sprecherin der Gruppe, am Montag der taz. Hinrichs selbst ist im Münchener
Verfahren angeklagt. Dass „eine so populäre Gruppe mit derart offener
Gruppenstruktur“ nach dem Paragrafen 129 angeklagt werde, der die Bildung
krimineller Vereinigungen unter Strafe stellt, zeige, „wohin der
Rechtsstaat sich entwickelt“. Bei Verurteilung drohe jedem:r, der:die
schon mal 5 Euro gespendet habe, ein Verfahren als Unterstützer:in
einer kriminellen Vereinigung.
## Ziviler Ungehorsam mit Kartoffelbrei
Die Letzte Generation hatte vor allem [2][zwischen 2022 und 2023 mit
zahlreichen Aktionen des zivilen Ungehorsams auf sich aufmerksam gemacht].
Bundesweite Aufregung erzeugten insbesondere die [3][Straßenblockaden in
Berlin], bei denen sich Aktivist:innen auf die Fahrbahn klebten.
Darüber hinaus traten die Aktivist:innen wiederholt mit Museumsaktionen
in die Öffentlichkeit, etwa mit einem [4][Kartoffelbrei-Wurf auf ein –
unter Glas gesichertes – Monet-Gemälde im Potsdamer Museum Barberini] im
Oktober 2022. Das Ziel dabei: politischen Druck aufzubauen, um die
Bundesregierung zum Handeln in der Klimakrise zu bewegen.
Reicht das, um der Gruppe vorzuwerfen, es sei ihr Ziel gewesen, Straftaten
zu begehen? Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft hat in der Vergangenheit
wiederholt eine Einstufung als kriminelle Vereinigung abgelehnt. In
Brandenburg kommen allerdings auch Vorwürfe dazu, die strafrechtlich höher
anzusiedeln sind als Nötigung im Straßenverkehr oder Sachbeschädigung. So
hatten Aktivist:innen auch [5][Rollbahnen am Flughafen BER blockiert]
und waren in die [6][PCK-Raffinerie in Schwedt eingedrungen], um Stellräder
an einer Ölpipeline zuzudrehen.
Laut der Gruppe haben die fünf Aktivist:innen, die nun angeklagt wurden,
allerdings kaum etwas gemeinsam. „Es ist total willkürlich, wen es hier
getroffen hat“, sagte Hinrichs der taz. Unter den Angeklagten sei etwa die
Aktivistin Mirjam Herrmann, die durch den Kartoffelbrei-Wurf bekannt wurde,
oder der Aktivist Henning Jeschke, der sich an Straßenblockaden beteiligt
habe. Hinrichs Einschätzung: „Offenbar geht die Staatsanwaltschaft gegen
eine willkürliche Handvoll Leute vor, um die gesamte Organisation zu
kriminalisieren.“
Den Vorwurf selbst bezeichnete Hinrichs als „vollkommene Umkehr der
Kausalität“. Die Letzte Generation habe den Staat mit dem demokratischen
Mittel des zivilen Ungehorsams auf „seinen eigenen Rechtsbruch des
fehlenden Klimaschutzes“ hinweisen wollen. „Ich kann meine Hand dafür ins
Feuer legen, dass niemand von uns das Ziel hatte, Straftaten zu begehen“,
sagte Hinrichs.
Die Brandenburger Behörden hatten sich von Beginn an durch ihre vehemente
Strafverfolgung der Letzten Generation hervorgetan. [7][Bereits im Dezember
2022 fanden bei Aktivist:innen auf Antrag der Staatsanwaltschaft
Neuruppin Razzien statt.] In der Folge meldeten sich dort Hunderte
Menschen, um [8][eine Selbstanzeige wegen Unterstützung einer kriminellen
Organisation aufzugeben]. Die Telefone der Gruppe wurden überwacht,
inklusive des Pressetelefons, wovon [9][auch taz-Journalist:innen
betroffen] waren.
Der Verfolgungseifer hatte immer wieder die Debatte ausgelöst, inwiefern
Behörden durch Negativberichterstattung etwa der Springer-Medien über die
Klimaaktivist:innen und Aussagen von Politiker:innen unter Druck
gesetzt wurden, Ergebnisse zu liefern. Die damalige Bundesinnenministerin
Nancy Faeser (SPD) hatte gesagt, der Rechtsstaat werde sich nicht „auf der
Nase herumtanzen“ lassen. Nach der Kartoffelbrei-Aktion zog ein
SPD-Politiker Taliban-Vergleiche. Die damalige Brandenburger
Justizministerin Susanne Hoffmann (CDU) veröffentlichte einen
Zeitungsbeitrag, in dem sie für eine Verfolgung nach Paragraf 129
argumentierte.
## „Die Einschüchterung hat schon stattgefunden“
„Für uns ist klar, dass es sich um ein politisches Verfahren handelt, das
wegen des öffentlichen Drucks gegen uns eingeleitet wurde“, sagt nun
Hinrichs. Sie ist der Überzeugung, dass dieser Druck den
zivilgesellschaftlichen Prozess eingeschränkt hat. „Die Einschüchterung hat
schon stattgefunden“, sagt sie. Ein „Demokratieproblem“ sieht sie nicht nur
in dem jetzigen Gerichtsprozess, sondern auch in der „exekutiven
Einschüchterung“ während der Hochphase der Bewegung.
Die Letzte Generation hat sich Ende 2024 aufgelöst. Aus ihr hervorgegangen
sind zwei Gruppen: Die „Neue Generation“, die vor allem auf die Errichtung
von Gesellschaftsräten setzt, sowie das „Widerstandskollektiv“, das näher
an Zielrichtung der alten Gruppe zivilen Ungehorsam betreibt. Gegen keine
der beiden neuen Gruppen richtet sich das Verfahren.
Ein Termin für einen Prozessauftakt ist noch nicht angesetzt. Es ist aber
damit zu rechnen, dass der Prozess noch in diesem Jahr startet.
Insbesondere, wenn er durch die Instanzen geht, könnte es Jahre dauern, bis
es zu einem Urteil kommt.
9 Feb 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Timm Kühn
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