# taz.de -- In den Tod gerissen: U-Bahn-Mord heizt Migrationsdebatte an
       
       > Nachdem ein Geflüchteter eine junge Frau mit sich vor eine U-Bahn gezerrt
       > hat, diskutiert Hamburgs Bürgerschaft den Umgang mit gefährlichen
       > Migranten.
       
 (IMG) Bild: Eine U-Bahn fährt in die Hamburger Station Wandsbek-Markt ein
       
       Zwei Wochen nach dem [1][gewaltsamen Tod einer 18-Jährigen] und dem Suizid
       eines 25-Jährigen in einem U-Bahnhof in Hamburg-Wandsbek debattiert die
       Hamburger Bürgerschaft am Mittwoch über den Vorfall – auf Antrag der
       AfD-Fraktion. Titel: „Die tödlichen Folgen verfehlter Migrationspolitik“.
       
       Nicht nur die AfD behauptet, die junge Frau könnte noch leben, wenn der
       Täter Ariop A., der sie mit sich vor eine einfahrende U-Bahn gerissen
       hatte, gar nicht ins Land gelassen worden wäre. Als „politische
       Fehlentscheidung“ der Ampelkoalition hatte vergangene Woche der Hamburger
       CDU-Fraktionsvorsitzende Dennis Thering das mittlerweile ausgesetzte
       Resettlement-Programm des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen
       (UNHCR) bezeichnet.
       
       Mit diesem Programm, das besonders schutzbedürftigen ausgewählten
       Geflüchteten eine Perspektive in einem sicheren Land bieten soll, war der
       Täter 2024 aus Südsudan nach Deutschland gekommen. Als eine von nur
       [2][5.553 Personen]. Diese Menschen waren zuvor aus ihrem Land in einen
       Nachbarstaat geflohen und hatten dort in einem Lager des UNHCR gelebt.
       
       Die Hälfte von ihnen seien Frauen gewesen, heißt es in einer [3][Auswertung
       des Bundesamts für Migration (Bamf)]. Das seien 13,1 Prozentpunkte mehr als
       in der Gruppe derjenigen, die auf eigene Faust nach Deutschland fliehen und
       hier Asyl beantragen. Und: 96,4 Prozent seien mit Familienangehörigen
       eingereist.
       
       ## Als Zehnjähriger auf der Flucht
       
       Ariop A. war eine Ausnahme. Er hatte sich mit zehn Jahren mit einem
       minderjährigen Cousin 700 Kilometer nach Kenia durchgeschlagen. Vater und
       Onkel waren ermordet worden, seine Mutter eines natürlichen Todes
       gestorben. So zitiert es der [4][Spiegel] aus der Ausländerakte des Mannes.
       
       Was der Junge ohne erwachsene Beschützer:innen damals auf der Flucht
       und in dem Lager, in dem er zwölf Jahre lebte, erlebt hat: Das steht nach
       Angaben des Spiegels nicht in der Akte. Nach allem, was über solche
       Zeltstädte, in denen Hunderttausende nach eigenen Regeln zusammenleben,
       bekannt ist: Er wird viel Gewalt, auch sexuelle, erlebt haben, am eigenen
       Leib und als Augenzeuge.
       
       In Deutschland musste er offenbar allein damit fertigwerden. Da er nach
       Kenntnis der Behörden vor der Tat weder sich noch andere aufgrund einer
       psychischen Erkrankung gefährdet hatte, hatte er keinen Kontakt etwa zum
       sozialpsychiatrischen Dienst, schreibt ein Sprecher von Sozial- und
       Integrationssenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) der taz.
       
       Um psychotherapeutische Hilfe oder Ähnliches hätte er sich also selbst
       kümmern müssen. Durch verschiedene Studien ist belegt, wie schwer der
       Zugang zu solchen Angeboten gerade für Geflüchtete ist.
       
       Allerdings lägen im Fall von Ariop A. „keine medizinischen Befunde für
       psychiatrische Auffälligkeiten vor“, schreibt der Sprecher der taz. „Auch
       die bei der Polizei bekannt gewordenen Sachverhalte lassen keinen
       Zusammenhang mit der Tat oder Hinweise auf eine psychische Beeinträchtigung
       erkennen.“
       
       Tatsächlich lässt sich im Nachhinein ohne Gerichtsverhandlung und
       psychiatrisches Gutachten nicht aufklären, ob eine psychische Erkrankung
       ein Faktor war, der zum Suizid des jungen Mannes sowie der Tötung einer
       Unbeteiligten beitrug.
       
       Nur spricht wenig dafür, dass es sich bei ihm um eine psychisch gesunde
       Person gehandelt hat. So schildern Medien Berichte von ehemaligen
       Mitbewohner:innen in Geflüchtetenheimen, nach denen er regelmäßig
       betrunken war. Alkoholismus fällt nach dem internationalen Code der
       Krankheiten unter die sogenannten F-Diagnosen, unter denen psychische und
       Verhaltensstörungen zusammengefasst sind. Belegt ist zudem, dass
       Suchterkrankungen sehr oft eine Traumafolgestörung zugrunde liegt.
       
       Doch dieser Aspekt blieb in den vergangenen zwei Wochen seltsam
       unterbelichtet. Selbst die Fraktion der Linken sagte nichts dazu.
       Stattdessen betonte sie den frauenverachtenden Charakter der Tat. Erst auf
       Nachfrage der taz erneuerte die migrationspolitische Sprecherin der Linken,
       Carola Ensslen, ihre oft geäußerte Kritik an der unzureichenden
       psychosozialen Versorgung der Geflüchteten in Hamburg sowie an der
       Unterbringung in Massenunterkünften.
       
       ## Der Täter – auch ein Opfer?
       
       Ob sich jemand traut, in der aktuellen Stunde am Mittwoch danach zu fragen,
       inwiefern der Täter auch ein Opfer war? Die Regierungsfraktionen SPD und
       Grüne garantiert nicht. Sie wollen „mit den Angehörigen trauern“ und „der
       Instrumentalisierung durch AfD und CDU entgegentreten“. So heißt es in
       ihren Anträgen für die Bürgerschaft.
       
       Dabei hatte der [5][Erste Hamburger Bürgermeister] Peter Tschentscher (SPD)
       die Tat selbst für eigene Interessen genutzt. Vier Tage danach
       veröffentlichte die Deutsche Presse-Agentur (dpa) eine kurze Stellungnahme
       seines Sprechers. „Der Fall verdeutliche aus Sicht Tschentschers ‚die
       Dringlichkeit rechtlicher Regelungen zur Rückführung von Flüchtlingen, die
       zu einem Risiko für die Sicherheit werden‘“, heißt es in dem Bericht mit
       der Überschrift „Tschentscher für Abschiebung gefährlicher Flüchtlinge“.
       
       Die taz fragte den Sprecher zweimal, was das mit Ariop A. zu tun habe, da
       dieser vor der Tötung der jungen Frau nicht als Sicherheitsrisiko
       aufgefallen war. Er hatte in Unterkünften randaliert und sich mit einem
       Mitbewohner geprügelt, wobei er selbst nach Auskunft der Staatsanwaltschaft
       erheblich verletzt worden ist. In drei Fällen hatte die Staatsanwaltschaft
       ermittelt, dreimal stellte sie die Verfahren ein.
       
       Zwei Tage vor der Tat griff er Polizisten an, die ihn aus einem Bordell
       bringen wollten, das er nicht verlassen wollte. Nach Angaben der Polizei
       schlug er einem Polizisten ein Telefon gegen den Kopf und verletzte ihn
       leicht. – Ein „gefährlicher Flüchtling“? Es gab kein Urteil gegen Ariop A.,
       keinen Strafbefehl. Soll es in Zukunft möglich sein, Geflüchtete aufgrund
       einer Anzeige bei der Polizei abzuschieben, will die taz vom Sprecher des
       Bürgermeisters wissen – und bekommt keine zur Veröffentlichung freigegebene
       Antwort.
       
       In der Bürgerschaftsdebatte am Mittwoch werden AfD und CDU die [6][fehlende
       Sicherheitsüberprüfung durch deutsche Behörden] von Ariop A. anprangern.
       Richtig daran ist: In seinem Fall hat das Auswärtige Amt vor seiner
       Einreise ein Visum erteilt, ohne dass Bundespolizei oder Bundeskriminalamt
       damit wie üblich befasst waren. Das bestätigt eine an dem Verfahren
       beteiligte Behörde.
       
       Nur: Diese Überprüfung soll laut Bamf potenzielle Terrorist:innen
       aufspüren oder Menschen, die aktenkundig schwere Straftaten begangen haben.
       Zumindest Letzteres hätte dem UNHCR auffallen müssen, das ihn im Lager in
       Kenia für das Programm ausgewählt hat. Und das Bamf hat ihm nach einer
       Befragung eine Integrationsbereitschaft bescheinigt.
       
       10 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Toetungsdelikt-an-Hamburger-U-Bahn/!6150587
 (DIR) [2] https://www.unhcr.org/refugee-statistics/download?data_finder%5BdataGroup%5D=solutions&data_finder%5Bdataset%5D=solutionsResettlement&data_finder%5Byear__filterType%5D=range&data_finder%5Byear__rangeFrom%5D=2019&data_finder%5Byear__rangeTo%5D=2024&data_finder%5Bcoo__displayType%5D=doNotDisplay&data_finder%5Bcor__displayType%5D=all&data_finder%5Byear__%5D=&data_finder%5Bcoo__%5D=&data_finder%5Bcor__%5D=&data_finder%5Badvanced__%5D=&data_finder%5Bsubmit%5D=&data-finder=on&sort%5Byear%5D=desc&page=1
 (DIR) [3] https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Forschung/Kurzanalysen/kurzanalyse1-2026-resettlement.pdf?__blob=publicationFile&v=7
 (DIR) [4] https://www.spiegel.de/panorama/u-bahn-taeter-ariop-a-unhcr-sah-keine-hinweise-auf-gewalt-a-8ea638cc-6ba5-4f7b-ac78-0daf46afae0e?giftToken=84de5b53-e9fb-40f4-962a-19d9e45aafb5
 (DIR) [5] /Nach-Tod-am-Hamburger-U-Bahn-Gleis/!6150768
 (DIR) [6] /Regierung-widerruft-Aufnahmezusagen/!6147139
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eiken Bruhn
       
       ## TAGS
       
 (DIR) UNHCR
 (DIR) Geflüchtete
 (DIR) Flüchtlinge
 (DIR) Abschiebung
 (DIR) Hamburger Bürgerschaft
 (DIR) Peter Tschentscher
 (DIR) Südsudan
 (DIR) Schwerpunkt Femizide
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Schwerpunkt Flucht
 (DIR) UNHCR
 (DIR) Haushalt
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Umsiedlung von Geflüchteten: Deutschland nimmt Familien aus Lager in Kenia auf
       
       Südsudanesische Geflüchtete haben eingeklagt, dass sie nach Deutschland
       kommen dürfen – so wie es die Bundesregierung ihnen einst zugesichert
       hatte.
       
 (DIR) 75 Jahre UNHCR: „Verantwortung darf nicht ausgelagert werden“
       
       Die UN-Flüchtlingsorganisation wurde 1950 gegründet. Die Vertreterin für
       Deutschland spricht über die Krise des Flüchtlingsschutzes und was zu tun
       ist.
       
 (DIR) Haushalt im Bundestag: Mit der Kettensäge gegen Hilfsprogramme
       
       Die Koalition aus Union und SPD plant, sämtliche Resettlementprogramme zu
       streichen. Auch an der Integration soll kräftig gespart werden.