# taz.de -- 75 Jahre UNHCR: „Verantwortung darf nicht ausgelagert werden“
       
       > Die UN-Flüchtlingsorganisation wurde 1950 gegründet. Die Vertreterin für
       > Deutschland spricht über die Krise des Flüchtlingsschutzes und was zu tun
       > ist.
       
 (IMG) Bild: Viele Geflüchtete aus dem Südsudan leben in Uganda in Flüchtlingslagern, Adjumani, am 25. 6. 2024
       
       taz: Frau Thote, Sie haben das Amt der UNHCR-Vertreterin für Deutschland im
       Februar in turbulenten Zeiten übernommen. Die USA und Deutschland haben
       ihre Beiträge an UNHCR massiv gekürzt, Sie mussten bereits Personal
       entlassen, Millionen Menschen wird vermutlich bald nicht mehr geholfen
       werden können. Wie tief steckt UNHCR tatsächlich in der Krise? 
       
       Katharina Thote: Finanziell ist das die [1][schwierigste Situation in der
       75-jährigen Geschichte des UNHCR.] Unser jährliches Bedarfsbudget war
       historisch meist zu etwa 50 bis 60 Prozent finanziert. Für 2026 gehen wir
       von 33 Prozent aus. Wir haben ausgerechnet, dass wir schon [2][in diesem
       Jahr rund 11 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen weltweit weniger
       Unterstützung geben können,] als eigentlich geplant war.
       
       taz: Was bedeutet das konkret? 
       
       Thote: Das kommt auf das Land an. In Afghanistan etwa haben wir Rückkehrer
       bislang mit 2.000 Dollar pro Familie unterstützt, jetzt sind es nur noch 20
       Dollar pro Person. Im Sudan mussten Schutzzentren für Frauen und
       Überlebende sexualisierter Gewalt schließen. Teilweise werden Zentren für
       von Unterernährung bedrohte Kinder geschlossen. Auch bei der
       Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen wurde extrem gekürzt. Ich war vor
       Kurzem in einem Camp im Tschad: Dort gibt es teilweise einen Arzt für
       50.000 Patientinnen und Patienten. Die hatten vor Kurzem einen
       Choleraausbruch, was man dort bislang eigentlich gar nicht kannte. Das
       liegt an zu wenig Wasser, Medikamenten und Latrinen. Dabei sind weit über
       100 Menschen gestorben – so etwas ist komplett vermeidbar.
       
       taz: Müssten Sie dann nicht an anderer Stelle, etwa bei Bildungsmaßnahmen,
       sparen, um wenigstens lebensrettende Hilfen zu sichern? 
       
       Thote: Ja, das ist ja auch schon viel passiert. Bildungs- und
       Zukunftsprogramme wurden stark zurückgefahren. Aber wenn man sich
       ausschließlich auf kurzfristige Nothilfe beschränkt, zerstört man den
       Übergang zu langfristigen Lösungen. Dieses Abwägen zwischen akuter Hilfe
       und nachhaltigem Aufbau ist eines der größten Dilemmata unserer Arbeit. Wir
       versuchen jetzt, andere Finanzierungsquellen zu erschließen und setzen
       verstärkt auf private Spender. Der Anteil der USA, lange der größte Geber,
       der nun auf etwa ein Drittel gekürzt wurde, lässt sich nicht einfach durch
       Einsparungen ausgleichen.
       
       taz: In welchen Weltregionen sind Menschen derzeit besonders auf
       UNHCR-Hilfe angewiesen? 
       
       Thote: Die größten Vertreibungskrisen betreffen fünf Länder: Sudan, Syrien,
       die Ukraine, Afghanistan und Venezuela. Im Sudan sehen wir derzeit die
       dramatischste Situation: extrem eingeschränkten humanitären Zugang, massive
       Unterfinanzierung und wenig internationale Aufmerksamkeit. In Syrien gibt
       es trotz aller Fragilität erstmals wieder Chancen auf freiwillige Rückkehr.
       
       taz: Sind darunter auch Menschen, die vor Hunger, Armut oder der Klimakrise
       fliehen? 
       
       Thote: Nein. Die Flüchtlingsdefinition umfasst Menschen, die vor Krieg,
       schweren Menschenrechtsverletzungen oder Verfolgung fliehen. [3][Armut und
       Klimawandel verschärfen Fluchtsituationen zwar und erschweren Rückkehr,
       gelten aber nicht als eigenständige Fluchtgründe.] Menschen, die aus diesen
       Gründen fliehen, werden nicht bei den derzeit 117 Millionen Flüchtlingen
       mitgezählt.
       
       taz: UNHCR wird am 14. Dezember 75 Jahre alt, zugleich ist die Zahl der
       Geflüchteten im Vergleich zum historischen Höchststand von 122 Millionen im
       Vorjahr leicht gesunken. Ist das auch ein bisschen ein Grund zum Feiern? 
       
       Thote: Es ist natürlich immer ein Grund zur Hoffnung, wenn Flüchtlinge oder
       Binnenvertriebene wieder Perspektiven sehen, zurückzukehren und das sicher
       und freiwillig tun können. Momente, in denen etwa Friedensabkommen
       geschlossen werden, sind immer Höhepunkte unserer Geschichte. Aber Rückkehr
       ist nur dann nachhaltig, wenn die Bedingungen vor Ort stimmen, damit die
       Menschen sich wieder eine Existenz aufbauen können – sonst folgt die
       nächste Flucht.
       
       taz: Weltweit scheint derzeit aber eher wenig Interesse zu bestehen, solche
       Bedingungen zu schaffen. Die EU setzt auf Abschiebungen und
       Externalisierung. Verkennen die Geberländer ihre Verantwortung? 
       
       Thote: Wir verstehen die Schwierigkeiten, mit denen die Europäische Union
       und andere Staaten konfrontiert sind. Wenn Asylsysteme überlastet sind,
       müssen Maßnahmen ergriffen werden, damit sie funktionsfähig bleiben.
       Gleichzeitig müssen diese Maßnahmen sicherstellen, dass Menschen mit einem
       Schutzanspruch diesen auch geltend machen können. Wer ein Land als sicheres
       Herkunftsland einstuft, muss sich bewusst sein, dass es nicht unbedingt für
       alle Menschen sicher ist. Es kann individuelle Gründe für Verfolgung geben.
       Das Recht auf Asyl ist daher nach wie vor unentbehrlich und häufig
       lebensrettend.
       
       taz: Aber wenn wir konkret über Abschiebungen [4][in überlastete
       Drittstaaten sprechen] – schafft man damit nicht das nächste Problem vor
       Ort? 
       
       Thote: Eigentlich ja. Externalisierung darf nicht dazu führen, dass
       Drittstaaten allein gelassen werden. Die meisten Flüchtlinge bleiben in
       Nachbarländern, oft in Staaten mit deutlich geringerem Wohlstand. Deshalb
       braucht es einen routenbasierten Ansatz, der Schutz- und
       Aufnahmekapazitäten entlang der gesamten Fluchtroute stärkt – in
       Herkunfts-, Transit- und Aufnahmeländern –, statt nur am Ende abzuschotten.
       Ergänzend können sichere Zugangswege wie Resettlement, Arbeitsmigration
       oder Bildungsprogramme dazu beitragen, dass sich weniger Menschen auf
       gefährliche Fluchtwege begeben. Das kann jedoch Asyl an der Grenze nicht
       ersetzen.
       
       taz: Wie wird sich die Lage für Geflüchtete in nächster Zeit entwickeln?
       Was braucht es, um eine weitere Eskalation zu vermeiden? 
       
       Thote: Deutschland und Europa müssen verstehen, dass humanitäre Hilfe ein
       zentraler Stabilitäts- und Sicherheitsfaktor ist. Es geht nicht immer nur
       um Verteidigung und Waffen. Wer von Konfliktregionen umgeben ist, handelt
       strategisch unklug, wenn er humanitäre Hilfe massiv zurückfährt. Es ist
       eine spektakulär unsichere Zeit für Gesellschaften und für jeden Einzelnen.
       Doch es gibt viele positive Entwicklungen, etwa in Syrien, und die müssen
       wir wieder ins Rampenlicht stellen. Das Allerwichtigste ist, Konflikte zu
       beenden.
       
       ## taz: Und wenn das nicht passiert?
       
       Thote: Dann werden wir noch viel drastischere Bilder sehen als die, die wir
       dieses Jahr schon gesehen haben.
       
       14 Dec 2025
       
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