# taz.de -- Vater von Maja T. nach dem Urteil: „Ich wünsche mir, dass dieser Albtraum endlich aufhört“
> Wolfram Jarosch ist für sein Kind Maja T. im Dauereinsatz. Nach dem
> Urteil spricht er von einem Schauprozess – und fordert zum Handeln auf.
(IMG) Bild: Wolfram Jarosch, der Vater von Maja T. (mittig), hat fast alle Prozesstage in Budapest mitverfolgt
taz: Herr Jarosch, Ihr Kind Maja T. wurde am Mittwoch in Budapest wegen
mutmaßlicher Angriffe auf Neonazis [1][zu 8 Jahren Haft verurteilt]. Sie
waren im beim Urteilsspruch dabei. Was fühlen Sie?
Wolfram Jarosch: Ich bin total geschafft. Wir sind die ganze Nacht mit dem
Auto nach Budapest gefahren, weil der Zug nicht fuhr. Ich habe kaum
geschlafen. Was das Urteil angeht, ist Erleichterung übertrieben, aber wir
hatten noch Schlimmeres befürchtet. Es drohten ja bis zu 24 Jahre Haft. Auf
der anderen Seite sind auch 8 Jahre sehr hart. Der Richter hat sich quasi
vollständig der Argumentation der Staatsanwaltschaft angeschlossen. Acht
Jahre unter Zuchthausbedingungen, die härtesten, die es in Ungarn überhaupt
gibt, ohne Chance auf vorzeitige Entlassung: Das ist ein ganz schöner
Schock. Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehe.
taz: Für den Richter Jószef Sós steht fest: Maja T. war als Teil der
„Antifa Ost“ an den Angriffen in Budapest während des neonazistischen „Tags
der Ehre“ beteiligt. Hat der Prozess klären können, was wirklich passiert
ist?
Jarosch: Nein. Das Urteil ist völlig ungerechtfertigt. Der Richter hat die
[2][wichtigsten Punkte der Anwälte] überhaupt nicht berücksichtigt. Es gibt
keine Belege dafür, dass Maja Gewalt angewendet hat. Für eine der beiden
vorgeworfenen Taten fehlen jegliche Belege, weder Aussagen noch Videos. Bei
der anderen Tat gibt es ein Video, das angeblich Maja zeigen soll. Selbst
wenn es sich dabei wirklich um Maja handeln sollte, sieht man ganz
deutlich, dass diese Person unbeteiligt ist, keine Waffe trägt, nur hin-
und herläuft. Es gibt nur eine Aussage eines Geschädigten, der Maja bei der
ersten Aussage erkannt haben will, bei der zweiten aber nicht mehr. Das ist
doch wirklich merkwürdig. Es gibt Vorwürfe, die müssen untersucht werden.
Aber in einem rechtsstaatlichen Rahmen.
taz: Das Gericht hat auch den Vorwurf der Mitgliedschaft in einer
kriminellen Vereinigung erhoben.
Jarosch: Nach ungarischen Recht müsste eine solche Vereinigung dauerhaft
Bestand haben und hierarchisch organisiert sein. Dafür gibt es keinerlei
Belege, auch nicht dafür, dass Maja die anderen Beschuldigten schon vorher
gekannt hätte. Im Prozess wurden übrigens auch die Verletzungen unzulässig
dramatisiert. Die Kopfverletzungen waren nach acht Tagen abgeheilt. Das hat
der Gutachter zu Beginn gesagt, erst später im Prozess ist er dazu
umgestiegen, dass an dieser Stelle theoretisch auch lebensgefährliche
Verletzungen hätten entstehen können.
taz: Sie waren fast an allen Prozesstagen vor Ort. Wie haben Sie den
Gerichtsprozess erlebt?
Jarosch: Es ist wirklich aufgefallen, wie sich der Richter stets der
Staatsanwaltschaft angeschlossen hat. Majas Antrag auf Hausarrest wurde
abgelehnt, unter anderem, weil Maja aus [3][Verzweiflung über die
Isolationshaft in den Hungerstreik getreten war]. Der Richter hat gesagt,
das zeige, dass Maja die Autorität des Gerichts nicht anerkenne. Dass
Unterstützer:innen in den Gerichtssaal gekommen sind, hat der Richter
als Indiz ausgelegt, dass Maja Mitglied einer kriminellen Organisation sein
müsse. Dahinter steht natürlich [4][Druck von Ministerpräsident Viktor
Orbán], der die „Antifa Ost“ als Terrororganisation hat einstufen lassen.
Das Verfahren war ein politischer Schauprozess.
taz: Maja T. hat im Gericht Berufung eingelegt. Solange das Verfahren
läuft, bleibt Maja wohl in Ungarn. Wäre es nicht besser, Maja sofort nach
Deutschland zurückzuholen?
Jarosch: Das wäre gar nicht möglich gewesen, weil die Staatsanwaltschaft
zuerst Berufung eingelegt hat. Das heißt, es wäre sowieso zur Revision
gekommen. In Ungarn ist es so, dass bei einer Revision der
Staatsanwaltschaft nur dasselbe oder ein härteres Strafmaß möglich ist.
Maja musste Revision einlegen, damit es auch zu einem milderen Urteil
kommen kann. Vom Freispruch bis zu 24 Jahren Haft ist weiter alles möglich.
Aber ja, solange bleiben die schlimmen Haftbedingungen wohl bestehen. Der
Richter hat am Ende erneut einen Antrag auf Haftverschonung oder Hausarrest
abgelehnt.
taz: Maja T. wird nicht in den Normalvollzug überstellt?
Jarosch: Das Gefängnis, in dem Maja sitzt, hat Maja in die härteste
Haftkategorie eingestuft. Am Anfang hieß es, dass Maja angeblich so
gefährlich sei. Dann, dass Maja als non-binäre Person so gefährdet sei.
Diese Einstufung wurde uns nicht schriftlich mitgeteilt, sodass wir nicht
dagegen vorgehen können. Seit dem Hungerstreik kam es zu kleinen
Hafterleichterungen: keine 24-stündige Videoüberwachung mehr,
Isolationshaft nur noch 23 Stunden statt den ganzen Tag. Laut den
[5][Nelson-Mandela-Rules der Vereinten Nationen] darf Isolationshaft nur 2
Wochen und maximal 22 Stunden am Tag andauern. Bei Maja sind es nun
anderthalb Jahre. Das ist Form von psychischer Folter, die bewusst
eingesetzt wird, um einen Häftling zu brechen und zu zerstören.
taz: Sie begleiten Ihr Kind seit Haftantritt unermüdlich. Wie hat sich Ihr
Leben verändert?
Jarosch: Mein Leben ist völlig auf den Kopf gestellt. Ich hätte mir das
alles nie vorstellen können. Es ist ein Schock nach dem anderen. Schon vor
zwei Jahren die Sorge um Auslieferung. Dann, dass Maja rechtswidrig in
einer Art [6][paramilitärischer, staatlich organisierter Entführung nach
Ungarn gebracht wurde]. Jetzt dieser politische Schauprozess. Das belastet
mich enorm, auch psychisch. Ich arbeite ja auch Vollzeit, fahre immer
wieder die 1.000 Kilometer nach Budapest. Klar, ich komme an meine Grenzen.
taz: Der Fall Ihres Kindes zieht internationale Kreise. Die USA bezeichnen
die [7][„Antifa Ost“ als Terrororganisation und haben sie auf eine Liste
mit Hamas und al-Qaida gesetzt]. Auch Ungarn nennt die Antifa eine
Terrororganisation. Wie fühlt es sich an, wenn das eigene Kind zum
Spielball globaler Politik wird?
Jarosch: Nach meinem Rechtsempfinden ist Donald Trump der Terrorist, der
Menschen in Booten vor der venezolanischen Küste ermorden lässt und den
venezolanischen Präsidenten völkerrechtswidrig entführt hat, auch wenn
Maduro wirklich kein toller Typ ist. Das ist alles so absurd. In Ungarn
wurde nun zum 14. Februar der Gegenprotest zum SS-Gedenken „Tag der Ehre“,
wo eine Holocaustüberlebende sprechen sollte, verboten – die Nazis dürfen
laufen. Das sind alles sehr bedenkliche Entwicklungen, die mir Angst
machen. Überall geraten Demokratie und Rechtsstaatlichkeit unter Druck.
Dagegen müssen wir uns wehren.
taz: Was fordern Sie von der Bundesregierung?
Jarosch: Außenminister Johann Wadephul (CDU) hat vor einem halben Jahr auf
das Urteil des Bundesverfassungsgerichts hingewiesen, wonach die
Auslieferung rechtswidrig war und gesagt, Maja müsse zurückgeholt werden.
Jetzt ist er ein Stück weit zurückgerudert und hat den ungarischen Prozess
samt der Revision anerkannt. Ich fordere, dass Maja für ein faires
Verfahren in Deutschland jetzt zurückgebracht wird. Wie die Auslieferung
ist auch die Rücküberstellung eine politische Frage. Maja müssen endlich
Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit gewährt werden.
taz: Wie blicken Sie in die Zukunft, was wünschen Sie sich für Maja?
Jarosch: Ich wünsche mir, dass Maja das ganze Verfahren durchsteht und die
Kraft behält. Dass dieser Albtraum endlich aufhört. Dass Maja endlich
Forstwirtschaft studieren und mit Freund:innen und der Verlobten
zusammenleben kann.
5 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Timm Kühn
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