# taz.de -- 1.457 Tage Krieg in der Ukraine: Lesen gegen die Angst
       
       > Ukrainische Bücher sind im Trend. Menschen strömen zu Lesungen. Junge
       > Autorinnen und Autoren werden zu lebendigen Stimmen einer ganzen
       > Generation.
       
 (IMG) Bild: Ukrainische Literatur, ein nicht aufzuhaltender Vormarsch trotz russischer Versuche
       
       In meiner Familie wurde nicht sehr viel gelesen. Wir sahen mehr fern. Ich
       bin in einem Dorf im Gebiet Cherson aufgewachsen, im Süden der Ukraine,
       eine Region, die heute international durch den Krieg bekannt ist. Meine
       Eltern hatten kein einfaches Leben. Sie arbeiteten ständig, um genügend
       Geld zu verdienen. Und dann standen sie noch in der glühenden Sonne im
       Garten, mit dessen Hilfe sie die Familie ernährten.
       
       Eine kleine Bibliothek hatten wir trotzdem. Und wenn ich Bücher wollte,
       haben meine Eltern sie mir gekauft. Deshalb lese ich schon seit meiner
       Kindheit gerne und würde das sogar mein Hobby nennen. Wo immer ich wohne –
       ich hinterlasse ein Regal mit Büchern.
       
       Heute lebe ich in Kyjiw. Nach russischen Luftangriffen gibt es häufig weder
       Strom, Wasser noch Heizung. An solchen Abenden werden Bücher meine
       Komfortzone – ein Mittel, um Dunkelheit und Angst zu überstehen.
       
       ## Ukrainische Literatur im Trend
       
       In meinem Bücherregal stehen jetzt fast nur noch Bücher ukrainischer
       Autor*innen. Warum? [1][In der Ukraine ist es wieder in, Ukrainisch zu
       lesen]. Und Schriftsteller*innen sind fast so etwas wie Superstars.
       Jede Woche werden in Kyjiwer Cafés und Kulturzentren neue Bücher
       vorgestellt, und zu diesen Veranstaltungen kommen Hunderte Menschen.
       [2][Literatur ist wieder zu einem lebendigen Teil des städtischen Lebens
       geworden].
       
       Aber für mich ist das mehr als ein Trend. Bei ukrainischen Autor*innen
       finde ich Antworten auf Fragen, die ich schon lange in mir trage. Eine
       davon ist: Wie überlebt man den Krieg?
       
       Und eben das habe ich im Buch „Hemingway weiß nichts“ von Artur Dron
       gefunden, das ich über Social Media entdeckt habe. Es zeigte sich, dass
       fast alle meine Freunde es gelesen hatten. Es sei keine leichte, aber sehr
       wichtige Lektüre, sagten sie.
       
       Ich wollte mehr über den Autor wissen [3][und habe mir seine Facebook-Seite
       angeschaut]. In der Profilbeschreibung stand ein einfacher Satz: „Wenn Sie
       mein Buch mit Widmung haben möchten, schreiben Sie mir eine private
       Nachricht.“ Beeindruckend: Im Laden ist das Buch nur schwer zu bekommen,
       aber der Autor selber ist bereit, jedem Leser persönlich ein Exemplar zu
       signieren.
       
       Artur Dron ist ein Veteran des russländisch-ukrainischen Krieges. Mit 25
       Jahren hat er bereits mehrere Jahre in der Infanterie gedient, hat
       Kameraden verloren und ist schwer verwundet worden. Das Schreiben wurde für
       ihn zu einer Möglichkeit, sein eigenes Leben zu reflektieren.
       
       ## Heilsame Lektüre in schweren Zeiten
       
       Als ich sein Buch las, ertappte ich mich bei dem Gedanken, diese
       Geschichten zusammen mit dem Autoren zu erleben. Das schmerzt, aber ist
       auch heilsam. Es ist ein Text, der schwer zu lesen ist, den man aber
       unmöglich zur Seite legen kann.
       
       Während ich diese Kolumne schreibe, schaute ich mir noch einmal Drons
       Facebook-Seite an und finde dort ein Foto, wo er lächelnd Bücher signiert.
       Die Bildunterschrift dazu lautet: „Wenn ich Bücher für Sie signiere, ist
       das so, als würde ich meine Leser*innen ein bisschen persönlich
       kennenlernen.“ In diesem Satz steckt die ganze moderne ukrainische
       Literatur: lebendig, nah und echt.
       
       Diese Nähe ist ein Grund, warum ich heute ukrainische Bücher lese.
       
       [4][Aus meinen Schulbüchern blickten mich grauhaarige Klassiker an] –
       dieses Bild von Schriftsteller*innen schien mir fern, fast museal.
       Heute existiert dieses Bild nicht mehr.
       
       Die Bücher, die ich lese, werden von Menschen unserer Zeit geschrieben: von
       Soldat*innen, Journalist*innen, Freiwilligen, von jungen Autorinnen und
       Autoren, die sich nicht scheuen, der Welt von ihrem Schmerz, ihrer Angst
       von Liebe und Hoffnung zu erzählen. Egal, wie alt sie sind und welche
       Erfahrungen sie haben – wichtig ist, dass sie etwas zu erzählen haben.
       
       Und deshalb lese ich ukrainische Literatur. Denn es sind nicht einfach
       Bücher über ein Land – es sind lebendige Stimmen von Menschen, die diese
       Geschichte jetzt gerade mit mir zusammen erleben.
       
       Aus dem Ukrainischen: Gaby Coldewey
       
       19 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Literatur-gegen-den-Krieg/!6068386
 (DIR) [2] /Buchmesse-in-Kyjiw/!6089863
 (DIR) [3] https://www.facebook.com/artur.dron.2025/
 (DIR) [4] /Ukrainische-Literatur-im-Deutschen/!6090561
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Yuliia Shchetyna
       
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