# taz.de -- 1.492 Tage Krieg in der Ukraine: Als Journalist in den Schützengraben
> Unser Autor arbeitet in der gesamten Ukraine mit Medienvertretern aus
> Westeuropa. Wie reagiert er, wenn sie an der Front Soldaten interviewen
> wollen?
(IMG) Bild: Ukrainische Soldaten in einem Schützengraben im Oblast Donezk im Osten der Ukraine
Seit Kriegsbeginn begleite ich als Stringer ausländische Journalisten in
der ganzen Ukraine. Meine aktuelle Lieblingsfrage von westlichen
Medienleuten ist: „Können wir an die Front fahren und dort mit Soldaten in
den Schützengräben sprechen?“
Und das fragen sogar supererfahrene Kollegen, die bereits aus Afrika,
Syrien und Afghanistan berichtet haben. Weniger erfahrene Kollegen glauben,
so scheint es mir zumindest, dass eine offizielle Akkreditierung und eine
Weste mit der Aufschrift „Presse“ sie vor russischen Geschützen und Drohnen
bewahrt. Und einige von ihnen diskutieren nach wie vor völlig ernst über
die in einigen Ländern Europas beliebte Frage: „Vielleicht ist das ja alles
Propaganda und es gibt überhaupt keinen Krieg in der Ukraine?“
## Menschensafari in Cherson
Gerne gebe ich Ihnen die Möglichkeit, einige der Highlights unseres „nicht
existierenden Krieges“ zu erleben. Wir könnten zum Beispiel in den
frontnahen Städten Kramatorsk, Saporischschja oder Cherson mal eine Nacht
verbringen. In Cherson gibt es die fantastische Möglichkeit, [1][an einer
sogenannten „Drohnen-Safari“ auf Menschen teilzunehmen]. Natürlich nur als
Opfer, aber immerhin mit einem Upgrade. Denn höchstwahrscheinlich wird Sie
ein Pressesprecher mit einer Pumpgun begleiten, mit der er Sie gegen
Kamikaze-Drohnen verteidigen kann. Auf den letzten 20 Kilometern bis
Cherson muss man auf sehr schlechten Straßen mit mindestens 160
Stundenkilometern fahren, [2][weil die Anti-Drohnen-Netze über den Straßen]
nicht besonders effektiv sind.
Vor drei Jahren hat ein Journalist sehr schnell seine Meinung zu den
Schützengräben geändert, als das Auto, mit dem er dort hinfuhr, fünf
Kilometer vor der Front im Gebiet Saporischschja nach Drohnenbeschuss in
Flammen aufging. Die Journalistengruppe überlebte wie durch ein Wunder.
Seitdem feiern sie an diesem Datum jedes Jahr ihren zweiten Geburtstag. Und
nähern sich der Front nicht weiter als bis auf 30 Kilometer.
Ich persönlich bin nicht davon überzeugt, dass die Journalisten, die an die
Front wollen, wirklich darauf vorbereitet sind. Einmal war ich mit einer
Gruppe auf einer vergleichsweise ruhigen Strecke unterwegs. Plötzlich
überflog uns ein ukrainisches Kampfflugzeug, das Wärmefallen abgeschossen
hat. Die drei mutigen Journalisten in meinem Auto hatten es plötzlich sehr
eilig, ihr Testament zu verfassen. Von Besuchen in Schützengräben war
plötzlich keine Rede mehr.
## Modernster Krieg weltweit
„Und trotzdem“, entgegnen sie mir, „wenn wir wirklich fahren wollen und
keine Angst haben?“ „Gerne“, sage ich. „Ich möchte Sie nur darauf
hinweisen, dass zwischen Russland und der Ukraine gerade der modernste
Krieg weltweit stattfindet. Er hat dazu geführt, dass sich beiderseits der
Frontlinie eine 15 bis 20 Kilometer breite Todeszone gebildet hat, in der
alles, was sich bewegt, von Drohnen zerstört wird.“
Und diese Todeszone wächst mit der technologischen Entwicklung weiter.
Die Soldaten selber erreichen ihre Stellungen im Schutz der Nacht und bei
schlechtem Wetter zu Fuß. Essen und Munition erhalten sie per Drohne.
Vielleicht könnte man auch Journalisten per Drohne transportieren, auch
wenn das nicht die sicherste Methode ist.
## Körperliche Vorbereitung und Erste-Hilfe-Kurse
Zunehmend beliebter werden derzeit Schulungen für Journalisten, in denen
sie lernen, sich aus Gefahrenzonen zu retten, aus Fahrzeugen zu flüchten
und wie sie sich verhalten, wenn in ihrer Nähe eine Granate einschlägt.
Wobei in den den Schulungen echte Drohnen und Blendgranaten zum Einsatz
kommen. Und wie man einen Druckverband richtig anlegt. Wir lernen, dass man
maximal vier Tourniquets, also Aderpressen, pro Person braucht – je zwei
für Arme und für Beine. Wir begreifen, dass wir zuerst unsere eigene Haut
retten müssen, bevor wir uns um Verletzte kümmern – weil sonst zu viele
Menschen sterben (zynisch, aber Tatsache). Und wir lernen, überall schnell
einzuschlafen, egal, wie dreckig es ist.
Deshalb beantworte ich die Frage nach einem Besuch der Schützengräben immer
mit Gegenfragen: Haben Sie einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht? Können Sie mit
kugelsicherer Weste laufen und sich zu Boden werfen? Mussten Sie schon
einmal nachts, bei Nebel, in voller Montur zehn bis fünfzehn Kilometer
gehen/rennen/robben, immer mit dem Risiko eines russischen Drohnenangriffs?
Ja? Dann helfe ich Ihnen gerne bei diesem Experiment. Kommen Sie vorbei und
beweisen Sie allen, dass es gar nicht so schlimm ist, dass keine Gefahr
besteht, dass die Politiker übertreiben. Und dass es in der Ukraine gar
keinen Krieg gibt.
Aus dem Russischen Gaby Coldewey
26 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /1273-Tage-Krieg-in-der-Ukraine-/!6106956
(DIR) [2] /Drohnenkrieg-in-der-Ukraine/!6099721
## AUTOREN
(DIR) Artem Perfilov
## TAGS
(DIR) Journalismus
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Drohnen
(DIR) Kriegsberichterstattung
(DIR) Recherchefonds Ausland
(DIR) Kolumne über leben
(DIR) Front
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Kolumne über leben
(DIR) Kolumne über leben
(DIR) Kolumne über leben
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) 1.478 Tage Krieg in der Ukraine: Hinfallen und aufstehen
Die Kulturbegeisterung der Ukrainer hat in den Kriegsjahren zugenommen.
Doch Kunst spielt auch Millionenspenden für die Armee ein.
(DIR) 1.457 Tage Krieg in der Ukraine: Lesen gegen die Angst
Ukrainische Bücher sind im Trend. Menschen strömen zu Lesungen. Junge
Autorinnen und Autoren werden zu lebendigen Stimmen einer ganzen
Generation.
(DIR) 1.436 Tage Krieg in der Ukraine: Kein Tier soll zurückbleiben
Im Krieg verrohen Gesellschaften. Doch in der Ukraine zeigen viele Menschen
Mitgefühl und Sorge für Haustiere in Kampfgebieten. Sogar im
Schützengraben.