# taz.de -- 1.478 Tage Krieg in der Ukraine: Hinfallen und aufstehen
       
       > Die Kulturbegeisterung der Ukrainer hat in den Kriegsjahren zugenommen.
       > Doch Kunst spielt auch Millionenspenden für die Armee ein.
       
 (IMG) Bild: Schlange stehen für Gemälde von Taras Schewtschenko vor der Zenyk-Kunstgalerie in Lwiw, Februar 2026
       
       Es war wohl eine der erstaunlichsten Schlangen in meinem Leben. Anderthalb
       Stunden standen meine Familie und ich an einem der ersten frühlingswarmen
       Tage zusammen mit einigen Hundert Menschen vor der Zenyk-Kunstgalerie in
       Lwiw. Dort werden seit Ende Februar Bilder von Taras Schewtschenko gezeigt
       – dem ukrainischen Genie, das weltweit vor allem als Lyriker bekannt ist
       und als Künstler unterschätzt wird.
       
       An diesem Vormittag wurde in der Schlange nicht nur über den
       Frühlingsanfang gesprochen, sondern auch über den Beginn des Krieges gegen
       Iran und die neuen russischen Luftangriffe auf ukrainische Städte. Aber
       letztendlich war das dann doch Nebensache. Denn alle wollten eigentlich nur
       eins: So schnell wie möglich die Werke von Schewtschenko sehen,
       insbesondere das Gemälde „Kateryna“, das er 1843 gemalt hatte.
       
       Ich will nicht sagen, dass mich der Hype um die Ausstellung in dieser
       Galerie wirklich überrascht hätte. Auch früher habe ich hier schon Hunderte
       von Menschen gesehen, die die Bilder von Iwan Aiwasowskij, Ilja Repin, Iwan
       Martschuk und sogar die Street-Art-Bilder von Banksy sehen wollten. Aber
       dieser erstaunliche Trend des unermüdlichen und für viele paradoxen
       Interesses der Ukrainer an Kultur zieht sich durch alle vier schrecklichen
       Jahre des Krieges, in dem unser Land für seine Unabhängigkeit kämpft.
       
       ## Kunst im Kriegskontext
       
       Zwischen dem Alltagstrott, der Arbeit, der Zeit in der Metro während der
       Luftangriffe und philosophischen Betrachtungen darüber, was aus dieser Welt
       wird, kaufen Ukrainer Theaterkarten, strömen zu Zehntausenden in Konzerte
       ihrer Lieblingssänger oder -chöre, besuchen Literaturfestivals, stehen
       Schlange, wenn Schriftsteller ihre Bücher signieren. Und besuchen Galerien
       für zeitgenössische Kunst.
       
       Aber diese Kunstevents sind keine, die vom sie umgebenden Armageddon
       losgelöst wären. Die Kunst ist in den Kontext des Krieges eingebunden. So
       werden zum Beispiel in der westukrainischen Stadt Luzk [1][neben dem
       2.000-Quadratmeter-Gemälde „Kosmogonie“]im Korsawkiw-Museum für
       zeitgenössische Kunst Erste-Hilfe-Sets für die Front gepackt.
       
       [2][Konzerte von Serhij Zhadan] oder Swjatoslaw Warkatschuk spielen
       Millionen von Hrywnja an Spenden für die Armee ein. Und die Topstars
       [3][des internationalen Literaturfestivals „Zemlia poetiv“] (Land der
       Dichter) in Lwiw sind diejenigen Autoren, die zur Armee gegangen sind.
       
       Ich freue mich unglaublich über dieses riesige Kulturinteresse. Und ich
       habe Tränen in den Augen über diese moderne Verkörperung des
       hippokratischen Aphorismus „Vita brevis, ars longa“ (Das Leben ist kurz,
       die Kunst ist lang).
       
       ## Ukrainische Kunst gefragter denn je
       
       Denn dabei erinnere ich mich an die 1990er und Nullerjahre, als es
       schwierig war, [4][ein gutes Buch in ukrainischer Sprache] zu kaufen, als
       ukrainische Sänger auf Russisch umstiegen, um auch in Russland auftreten zu
       können, und Museen und Galerien nur mit Mühe überlebten.
       
       Abends waren wir dann übrigens noch auf einem Konzert von Kryhitka. Die
       Gruppe spielt Lieder im Indie-Pop- oder Pop-Rock-Stil. Ihre Frontfrau Sasha
       Koltsova [5][hat mir mit einer Zeile fast das Herz gebrochen]: „Ich sage
       mir mit jedem Tag lauter und lauter: ‚Fall hin und steh wieder auf.‘“
       
       Der Krieg hat die Ukrainer gezwungen, sich bewusst zu machen, dass das
       Leben kurz und die Kunst ewig ist. Und er hat sie gelehrt, hinzufallen,
       aber jeden Tag wieder aufzustehen.
       
       Aus dem Ukrainischen: Gaby Coldewey
       
       12 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://msumk.com/en/kosmogoniya/
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=9sZf-4_gMws
 (DIR) [3] https://poetry.fest.lviv.ua/programa
 (DIR) [4] /1457-Tage-Krieg-in-der-Ukraine/!6150001
 (DIR) [5] https://www.youtube.com/watch?v=Bp5Dm_treK0
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Juri Konkewitsch
       
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