# taz.de -- 1.436 Tage Krieg in der Ukraine: Kein Tier soll zurückbleiben
       
       > Im Krieg verrohen Gesellschaften. Doch in der Ukraine zeigen viele
       > Menschen Mitgefühl und Sorge für Haustiere in Kampfgebieten. Sogar im
       > Schützengraben.
       
 (IMG) Bild: „Wer wem mehr hilft – wir den Tieren oder die Tiere uns“: Evakuierte Frau mit Katze in einem Transitlager bei Saporischschja, Ukraine, am 8. Januar
       
       Übermäßige Härte, alltägliche Aggression und zunehmende Radikalisierung –
       das sind Merkmale, die sich in jeder Gesellschaft im Krieg finden. Doch
       umso klarer sieht man unter solchen Bedingungen Äußerungen von
       Menschlichkeit und Barmherzigkeit. So wie im ukrainisch-russischen Konflikt
       die Beziehung der Ukrainer zu [1][Haustieren in Kriegsgebieten].
       
       In Friedenszeiten haben meine Frau und ich den Kindern beigebracht, dass
       Haustiere, seien es nun Katzen, Ratten oder Papageien, vollwertige
       Familienmitglieder seien. Als meine Familie am 24. Februar 2022
       Vorbereitungen zur Flucht aus Odessa traf, hätten wir also im Traum nicht
       daran gedacht, unsere Katze ihrem Schicksal zu überlassen. Natürlich saß
       sie mit uns im Auto nach Westen. Ja, das war schwierig. Aber in dem Moment
       war es für alle schwierig. Hätten wir sie aussetzen sollen? Den Kindern
       erzählen, dass sie halt in solch einer Situation doch nicht mehr zur
       Familie gehört? Natürlich nicht!
       
       Ich erinnere mich noch, dass damals ein Foto um die Welt ging: Bei der
       Evakuierung aus Kyjiw trägt ein bärtiger Mann vorsichtig ein Aquarium mit
       einem Fisch darin. Ich denke, der Fisch war auch ein Familienmitglied.
       Ähnliche Situationen habe ich später überall im Land beobachtet.
       
       ## Mit Haustieren evakuiert
       
       Mai 2022, Saporischschja, eine alte Dame, die aus den russischen besetzten
       Gebieten kam. Neben ihr im Rollstuhl saß eine hübsche weiße Katze – die
       beiden wurden gemeinsam evakuiert. 2023, ein Dorf im Gebiet Lwiw in der
       Westukraine, eine Shahed-Drohne hatte einige Häuser zerstört. Freiwillige
       waren mit einem Spezialkäfig vor Ort, um zwei große Hunde in Sicherheit zu
       bringen. [2][Und solche Situationen gibt es hundertfach].
       
       Ich behaupte nicht, dass wir hier alle so menschlich und vergeistigt seien.
       Es gibt auch genügend Gegenbeispiele, bei denen Ukrainer ihre Tiere einfach
       in ihren Häusern zurückgelassen oder auf der Straße ausgesetzt haben. Aber
       gleichzeitig gehört es in der Ukraine mittlerweile auch zum guten Ton,
       [3][ausgesetzte Tiere, zum Beispiel aus dem Donbass, bei sich aufzunehmen].
       Und dann zeigt man Hund oder Katze stolz vor und sagt: „Schaut mal, das ist
       mein Murzik oder Barsik, was für ein hübscher Kerl! Meine Bekannten,
       Freiwillige aus Bachmut, haben ihn mir mitgebracht.“
       
       In Cherson habe ich [4][ein ganzes Tierheim mit Dutzenden solcher
       ausgesetzter Hunde, Katzen und vereinzelt sogar Hühnern] gesehen. Lokale
       Freiwillige haben einen ehemaligen Pferdestall für sie gemietet. Jeden Tag
       füttern und versorgen sie die armen Kreaturen, während über ihnen die
       Drohnen fliegen.
       
       ## Haustiere in der Armee
       
       Und kennen Sie die Geschichte von dem Waschbären, den die Russen beim
       Rückzug aus dem Zoo von Cherson gestohlen haben? Die Empörung der
       Bevölkerung war grenzenlos. Die Artillerieschützen im Gebiet Cherson
       beschrifteten sogar ihre Geschosse mit den Worten „Für unseren Waschbären“.
       
       [5][Tiere in der Armee sind noch mal ein gesondertes Thema]. Nun ja, Hunde
       können natürlich Menschen unter Trümmern finden. Aber Katzen? Ukrainische
       Soldaten lesen streunende Kätzchen auf, füttern und versorgen sie. Sie
       nähen ihnen sogar Uniformen mit winzigen Orden und Abzeichen und führen
       Videoblogs über sie. Ich kenne eine Einheit, die ihre Katze sogar
       regelmäßig befördert. Derzeit ist sie Oberfeldwebel Dusja Gromowa.
       
       Der praktische Nutzen von Katzen liegt jedoch auf der Hand. Erstens jagen
       sie Mäuse, die den Soldaten in den Stellungen wirklich sehr zu schaffen
       machen. Zweitens helfen sie gegen Langeweile und beim Stressabbau. Den
       Soldaten sind die Tiere oft zugelaufen. Sie teilen dann ihr Essen mit ihnen
       und lassen sie in ihren Schlafsäcken schlafen. Es gibt sogar Geschichten
       über durch den Krieg verängstigte Rehe und Wildschweine, die sich Soldaten
       anschließen.
       
       Allerdings kann ich nicht sagen, wer wem mehr hilft – wir den Tieren oder
       die Tiere uns. Denn gerade die Tiere geben uns eine hervorragende
       Möglichkeit, in diesem Krieg unsere einfache Menschlichkeit zu bewahren.
       
       Aus dem Russischen Gaby Coldewey
       
       29 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Raubtiere-im-Ukrainekrieg/!6046453
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=NI7SyR68ZBg
 (DIR) [3] /Tiere-nach-Staudammbruch-in-Ukraine/!5937129
 (DIR) [4] /Tagebuch-aus-der-Ukraine/!6075238
 (DIR) [5] /Russisches-Unternehmen-praesentiert-fernsteuerbare-Tauben/!6148959
       
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