# taz.de -- Kurdengebiete in Nordsyrien: Gefährlicher Schwebezustand
> Im Norden Syriens kontrolliert die syrische Armee nach heftigen Kämpfen
> nun die kurdischen Gebiete. Wie blicken die Menschen dort in die
> ungewisse Zukunft?
(IMG) Bild: Mobiltelefone als Tore zur Außenwelt: Insassen im Al-Hol-Camp versuchen, sich mit dem Internet zu verbinden
Sechs Stunden Schlaglochpiste trennen das Zentrum der Macht in Damaskus von
den Ufern des Euphrats im Norden Syriens. Vergangenen Freitag
patrouillieren hier, in der kargen Ödnis der Wüste, junge Soldaten der
Übergangsregierung unter dem [1][islamistischen Präsidenten Ahmad
al-Sharaa.] „Nach [2][Deir al-Sor]?“, fragt einer von ihnen etwas ungläubig
an einem der mobilen Checkpoints, frierend bei fünf Grad im Regen. Aus der
Richtung, in die wir wollen, kommt uns derweil eine LKW-Kolonne entgegen,
beladen mit Panzern, an deren mit Ketten umspannten Rändern Schlamm klebt.
Rund zwei Wochen ist es her, dass Regierungstruppen während ihrer Offensive
in Richtung Nordosten des Landes den Euphrat in der Stadt Deir al-Sor
überquerten und die gleichnamige Provinz in kürzester Zeit komplett
einnahmen. Auch die Provinz [3][al-Raqqa] und der südliche Teil der Provinz
[4][al-Hasaka], die jahrelang unter der Kontrolle der kurdisch angeführten
[5][Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF)] standen, sind mittlerweile in
der Hand von Damaskus.
Das faktische Autonomiegebiet des SDF-Milizenbündnisses in Syrien hat
seinen Ursprung in der jahrzehntelangen Unterdrückung der Kurd:innen
durch das im Dezember 2024 gefallene Assad-Regime. Binnen kürzester Zeit
ist es zu zwei vereinzelten Enklaven um die Städte Kobanê und al-Qamishli
zusammengeschrumpft. Rings herum halten die Gefechte trotz eines jüngst
verlängerten Waffenstillstandes an. Und damit der Machtkampf zwischen
Damaskus und der SDF über die Zukunft von „Rojava“, wie die Gegend auf
kurdischer Seite auch genannt wird. Vor allem in Kobanê, melden
Hilfsorganisationen und Aktivist:innen, sei die Versorgungslage der
Menschen mittlerweile dramatisch.
In den rauen Landstrichen, deren Gebiete die SDF bereits verloren hat,
prallen in diesem gefährlichen Schwebezustand, in dem nicht ganz klar ist,
wer hier die Macht hat und behalten wird, verschiedene Realitäten
aufeinander. Es ist eine angespannte Mischung aus Hoffnung und Sorge
darüber, was nun kommen mag.
## Elf Tage im Tunnel
Wer verstehen will, wie die Menschen hier auf die Entwicklungen in ihrem
Land blicken, findet erste Antworten in Deir al-Sor. In der vom fast
14-jährigen Bürgerkrieg ab 2011 zutiefst verwüsteten und verarmten Stadt
markierte der türkisfarbene Euphrat bis vor zwei Wochen noch die Grenze
zwischen Regierungs- und SDF-Gebiet. Dass hier nun östlich des Flusses
Damaskus regiert, hat auch mit Menschen wie Yassin zu tun, der eigentlich
anders heißt. Angesichts der fragilen Lage möchte der junge Mann, Anfang
20, seine Geschichte nur anonym erzählen
Rund zwei Stunden außerhalb von Deir al-Sor sei Yassin aufgewachsen und
habe die Schule abgebrochen, um seine vaterlose Familie als Landarbeiter
auf den Feldern zu unterstützen. Doch das habe nicht ausgereicht. Aus
finanzieller Not habe er sich mit 16 Jahren also der SDF angeschlossen –
freiwillig, sagt er. Menschenrechtsorganisationen haben in den vergangenen
Jahren mehrfach dokumentiert, dass in den Reihen des Milizenbündnisses auch
viele Minderjährige kämpfen – kurdische und arabische, Mädchen wie Jungen,
die dazu teils zwangsrekrutiert werden. Auch Yassin, selbst Araber, habe
das mitbekommen. Dennoch sagt er: „Die SDF haben mir anfangs gefallen.“
[6][Immerhin vertrieben sie mit der Unterstützung der USA den
selbsterklärten Islamischen Staat (IS) aus der Region, unter dem auch seine
Familie gelitten habe.]
Aber das Kämpfen sei nie etwas für Yassin gewesen. Oft habe er große Angst
gehabt. Etwa einmal, als er sich mit seiner Truppe, bestehend aus
Araber:innen und Kurd:innen, elf Tage am Stück in einem Tunnel
verschanzt habe, über ihm das Stampfen der Feinde. Gegen wen der vielen
Kriegsparteien sie die in diesen Tagen genau kämpften, daran erinnere er
sich nicht mehr. Wohl aber an die donnernden Schritte über ihm.
Irgendwann sei er desillusioniert gewesen von der SDF, sagt Yassin. Die
heraufgeschworenen Slogans von Gleichheit zwischen allen Menschen unter
Kontrolle der Milizen seien ihm zunehmend hohl vorgekommen. „Wir Araber
wurden in der SDF diskriminiert“, sagt er. Hätte etwa einer der
Kurd:innen einen der begehrten Jobs als Fahrer:in vergeben, sei er
ebenfalls an Kurd:innen gegangen, die anders als in Kobanê und
al-Qamishli in Deir al-Sor und al-Raqqa in der Minderheit sind. 2024 habe
Yassin wegen solcher Widersprüche das erste Mal die Waffen niedergelegt und
sei vor dem Krieg in den Libanon geflohen. Dort habe er sich mit einem Job
in einem Shisha-Café durchgeschlagen. Nur 70 Dollar habe er jeden Monat
nach Hause schicken können. „Ich musste auf der Straße schlafen“, sagt
Yassin: „Meine Familie weiß davon bis heute nichts.“
## Vertrauensvorschuss aus Washington und Brüssel
Als dann Ende 2024 das Assad-Regime fiel, habe sich Yassin den
Regierungstruppen von al-Sharaa anschließen wollen. Ohne Papiere, die
besagen, dass er neun Jahre Schule absolviert hat, habe man ihn in Damaskus
aber weggeschickt. Also ging Yassin zurück zur SDF, für zuletzt 120 Dollar
im Monat. Doch die Tage der Milizen waren da schon angezählt.
Denn die USA wandten sich Zusehens von ihrem altem Verbündeten im Kampf
gegen den IS-Terror ab – [7][und der Regierung des Ex-Milizenführers
al-Sharaas zu], auf den Washington selbst lange ein Kopfgeld wegen
Terrorismus ausgesetzt hatte. Al-Sharaa, mit gestutztem Bart und im Anzug
statt in Camouflage, verspricht seit seiner Machtübernahme, das zerklüftete
Syrien zu einen und für Stabilität zu sorgen. Ein Versprechen, das ihm
Washington und Brüssel mit einem Vertrauensvorschuss sowie der Aufhebung
von Sanktionen für den Wiederaufbau dankten.
Beinahe zeitgleich einigten sich im März vergangenen Jahres Damaskus und
die SDF darauf, die kurdisch-angeführten Milizen militärisch wie
administrativ in die Zentralregierung einzugliedern. Doch die Verhandlungen
über die Details stockten und [8][Anfang Januar eskalierte der Konflikt
schließlich blutig in Aleppo,] wo die SDF eine Exklave von drei
Stadtvierteln kontrollierte, in denen die meisten Kurd:innen Aleppos
leben. Nachdem die Milizen von dort abziehen mussten, weiteten sich die
Kämpfe in Richtung des Euphrats aus. Und in den Provinzen Deir al-Sor und
al-Raqqa verweigerten immer mehr arabische Kämpfer:innen der SDF den
Dienst. So wie Yassin. „Wofür sollte ich noch kämpfen?“, sagt er: „Gegen
meine eigenen Leute?“
Parallel riefen arabische Stämme, die in diesem Teil Syriens noch
einflussreich sind und sich in den vergangenen Jahren meist nur
zähneknirschend mit den linken Idealen der SDF arrangiert hatten, zu den
Waffen und lehnten sich gegen die Milizen auf. Beides ebnete den
Regierungstruppen den Weg.
## Gespenstische Stille
Im Nordosten hat die Regierung nun mehrere Gefängnisse und Lager unter ihre
Kontrolle gebracht, in denen noch immer Tausende IS-Kämpfer und ihre Frauen
und Kinder einsitzen. Bei ihrer Übernahme kam es teils zu beunruhigenden
Szenen: In der Kleinstadt al-Shaddadi etwa, im Süden der Provinz al-Hasaka,
konnten mehrere Dutzend Gefangene ausbrechen. Die genauen Umstände sind
umstritten und weiterhin unklar. [9][Die USA gaben daraufhin bekannt, 7.000
mutmaßliche IS-Kämpfer von Syrien in den Irak verlegen zu wollen], nicht
irakische Staatsbürger würden dort [10][„vorübergehend“ untergebracht]. Das
Image des neuen Anti-Terror-Partners al-Sharaa hat in den Augen der USA
offenbar Risse bekommen.
Als die taz am vergangenen Freitag in al-Shaddadi ankommt, liegt eine
gespenstische Stille über dem Gefängnisgelände. Hinter einem Metalltor
zieht sich eine Spur orangefarbener Sträflingskleider auf dem nassen
Betonboden, an einem Wachhaus ohne Wächter vorbei und durch ein weiteres,
offenes Metalltor hindurch. Dahinter geht es zu den Zellen: dunkle Räume
mit alten Matratzen. In manchen liegt ein beißender Geruch von Exkrementen
in der Luft. Gurken, Tomaten und mit Tee gefüllte Plastikbecher lassen
vermuten, dass die Flüchtigen hektisch aufbrachen. Dazwischen
Patronenhülsen, zerschossene Schlösser, aber auch Schlüssel. Wer hier wem
wann mutmaßlich bei der Flucht geholfen oder gar befreit hat – das bleibt
unklar und bedarf einer juristischen Untersuchung. Rund 80 Gefangene, das
gab die syrische Übergangsregierung vergangene Woche bekannt, seien
mittlerweile wieder gefasst worden.
Während al-Shaddadi nun verlassen liegt, ist anderthalb Autostunden
nördlich die Präsenz der Sicherheitskräfte der Regierung hoch. Hier
[11][befindet sich das berüchtigte Al-Hol-Camp] mit seinen unzähligen
Zelten und Baracken. Unter den Tausenden Insassen sind viele Frauen und
Kinder von IS-Kämpfern, womöglich selbst radikalisiert. Vor dem Eingang des
Lagers baut sich eine Traube Soldaten um das Auto der taz auf. „Wer seid
ihr, was wollt ihr?“, murrt einer der Männer mit grau meliertem
Rauschebart. „Wie geht’s?“, lacht hingegen ein zweiter auf gebrochenem
Deutsch. Stolz zückt er seine noch gültige Aufenthaltsgenehmigung aus den
Taschen seiner Tarnhose. „Hamburg, Arbeit vorbei“, erklärt er knapp. Nun
hat er in Syrien offenbar einen neuen Job gefunden: das Lager überwachen.
Mitte vergangener Woche kündigten die Milizen der kurdisch-angeführten
Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) an, aus al-Hol abzuziehen. Die SDF
hatte das Lager mit den IS-Kämpfern bis dato bewacht, was lange im
Interesse der USA als auch des mittlerweile gestürzten Assad-Regimes war.
Doch die internationale Gemeinschaft habe sich nicht gekümmert und sich
gegenüber der Hinterlassenschaften des IS „[12][gleichgültig]“ gezeigt.
Beim Rückzug der SDF sollen Insassen entkommen sein, wie viele genau ist
wie in Al-Shadadi ungewiss.
Für eine Gruppe schwarz verhüllter Frauen überwiegt in al-Hol nun die
Erleichterung. Im vorderen Bereich des Camps drücken sie sich an den blauen
Metallzaun, möglichst nah an die neu eingetroffenen Polizisten und
Soldaten. Oder eher: An ihre mit Starlink verbundenen Fahrzeuge. Mit hoch
gehobenen Handys versuchen die Frauen, das Internet anzuzapfen. Mit
Ausbruch der jüngsten Kämpfe, erklären sie, sei das Netz im Camp
zusammengebrochen. Ihre Mobiltelefone, die Tore zur Außenwelt, waren so
wertlos geworden.
„Wir wollen endlich hier raus, wir sind harmlos“, beteuert Oum Omar und
beklagt die schlechte Versorgung im Camp, die auch von Hilfsorganisationen
seit Jahren angemahnt wird. Fragt man die 24-Jährige hingegen, wie sie hier
gelandet ist, wird sie wortkarger. Eine „IS-Braut“ will die zweifache
Mutter und Witwe nicht sein. Und auch keine der anderen Frauen am Zaun. Wie
viele der in al-Hol Internierten noch immer der Ideologie des IS anhängen,
lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Fest steht aber, dass das Camp lange
vor dem IS existierte und in ihm auch Bürgerkriegsflüchtlinge hausen, die
bis heute dort festsitzen.
## Eine zweite Chance?
Ein Mann, der sich als Omar al-Salem al-Matar vorstellt, will so ein Fall
sein. Vor neun Jahren sei er aus Deir al-Sor hier angekommen – zu Fuß,
erzählt er. Al-Matar sagt, er habe kein Geld gehabt und nicht gewusst,
wohin mit sich, seiner Frau und den Kindern. Sein Sohn Mohammed weicht in
der Eiseskälte nicht von seiner Seite. Der Hals tue ihm weh, sagt der
12-Jährige leise. Und dass er davon träume, Architekt zu werden, um Häuser
mit vielen Stockwerken zu entwerfen. Nicht wie die flachen Baracken im
Camp. Im Moment könne der Junge nicht einmal lesen und schreiben, sagt sein
Vater beschämt. Friedensstiftend sind diese Zustände mit Blick in die
Zukunft sicherlich nicht.
Zwei, die sich seit mehreren Jahren für die Reintegration der Inhaftierten
aus den IS-Gefängnissen in die syrische Gesellschaft einsetzen, sind Rania
Alou und Kawthar Mayouf. Die taz trifft die beiden Frauen in einem Hotel
der Stadt al-Raqqa, die wie Deir al-Sor ebenfalls zu Füßen des Euphrats
liegt und in denen die meisten Menschen die Regierung nun als Befreier
feiern. 2014 erklärte der IS al-Raqqa zur Hauptstadt seinen „Khalifats“.
Insgesamt drei Jahre war die Stadt unter Kontrolle der Dschihadisten, die
auf dem zentralen [13][Al-Naim-Platz zahlreiche Menschen öffentlich
hinrichten ließen]: Regimesoldaten, Drogendealer, Andersgläubige. 2017
gelang der SDF am Boden mit Unterstützung der USA, den IS aus al-Raqqa zu
verjagen und in der Folge die Provinzhauptstadt zu kontrollieren.
Zahlreiche NGOs versuchten danach, ein wenig Licht und Zusammenhalt in die
zerbombte und verminte Stadt zurückzubringen.
So wie Alou mit ihrer Organisation „Vier Jahreszeiten“, die sie 2018
geründete. Mayouf kümmert sich seit drei Jahren um die Evaluation der
kleinen Initiativen der Organisation, die sich der Selbstermächtigung von
Frauen sowie der Förderungen des sozialen Friedens verschrieben hat. Rund
70 Frauen und Mädchen aus al-Hol, erzählen die beiden, hätten sie mittels
eines speziellen Programms auf dem Weg zurück in ein Leben ohne
dschihadistische Ideologie unterstützt. Glaubt man Alou, haben viele Frauen
dem IS nach Jahren der Haft ohnehin bereits abgeschworen: „Aber sie werden
oft weiterhin von der Gesellschaft und ihren Familien geächtet und
verstoßen.“ Meist verwitwet und mittellos, verspürten sie einen Groll
gegenüber der Gesellschaft. Aber, sagt Alou, man müsse ihnen und ihren
Kindern eine zweite Chance geben.
Mehrere Stammesführer hätten bei der SDF in den vergangenen Jahren eine
Sicherheitsprüfung und die Freilassung der Frauen ihrer Kinder beantragt
und für sie gebürgt. „Vier Jahreszeiten“ sei dann an die Entlassenen
herangetreten, habe je im Tandem mit anderen Frauen aus al-Raqqa und Deir
al-Sor Stück für Stück gegenseitiges Vertrauen aufgebaut. Die Frauen wurden
zum Beispiel im Herstellen traditioneller Kleidung geschult und bekamen
Trainings, wie man kleine Unternehmen aufbauen kann.
## Gelernt, Nein zu sagen
Zur SDF habe Alou die meiste Zeit gute Kontakte gehabt, sagt sie. Doch habe
man ihr seitens der obersten Führung auch misstraut – weil Alou Araberin
ist und ursprünglich aus Damaskus stammt. Das habe sie verletzt. Am eigenem
Anspruch, weibliche Emanzipation zu fördern, was auch im Westen gut ankam,
wo Magazine Hochglanzstrecken kurdischer Kämpferinnen mit geschulterten
Gewehr abdruckten, sei die SDF in der Realität oft gescheitert. Für hohe
Positionen hätte es in Ämtern und Behörden zwar eine Doppelspitze gegeben.
„Aber die Frauen hatten dort nichts zu melden, sie waren nur schmückendes
Beiwerk“, meint Alou.
Nun hat die Übergangsregierung in al-Raqqa das Sagen, in deren Reihen sich
nur eine einzige Frau befindet: Die frühere Friedensaktivistin und heutige
Sozial- und Arbeitsministerin [14][Hind Kabawat], die zudem Christin ist.
Ihr unterstellen wiederum einige ihrer früheren Mitstreiter:innen, zum
schmückenden Feigenblatt der Islamisten geworden zu sein. Was könne man da
künftig in Sachen Frauenrechte schon erwarten?
„Frauenrechte werden nicht erteilt, sie müssen errungen und verteidigt
werden“, sagt Mayouf entschieden. Das würden die Frauen und auch die Männer
in al-Raqqa nun weiterhin tun. „Wir haben gelernt, Nein zu sagen“, sagt
Alou. Nicht durch die SDF und deren Pathos. Sondern im arabischen Frühling,
im Aufstand von 2011 gegen das Assad-Regime. Selbst unter dem IS habe es in
der Stadt mutige Frauen gegeben, die gegen die Dschihadisten das Wort
erhoben. „Und die Menschen hier werden wieder Nein sagen, wenn ihnen etwas
nicht passt“, sagt Alou.
## „Werden wir hier Rechte haben?“
Um ihre [15][künftigen Rechte sorgen sich in al-Raqqa auch viele
Kurd:innen]. Die meisten von ihnen sind in den vergangenen Tagen vor den
Kämpfen aus der Stadt geflohen – aus Angst vor Racheakten der arabischen
Stämme. Und wegen der islamistischen Milizen aus der Bürgerkriegszeit, die
heute zwar formal der Übergangsregierung unterstehen, aber weiter eng mit
der Türkei verwoben sind. Und die wiederum hat kein Interesse an autonomen
Kurdengebieten.
Von denjenigen, die geblieben oder bereits zurückgekehrt sind, wollen viele
lieber nicht mit der taz sprechen. Doch im Norden der Stadt, wo die Häuser
einstöckig werden und die meisten Kurd:innen al-Raqqas leben, finden sich
welche, die von den Strapazen der vergangenen Tage erzählen wollen. In
einer der ruhigen Seitengassen mit spielenden Kindern hat jemand auf eine
Mauer mit schwarzem Stift „Apo“ gekritzelt – Kosename für Abdullah Öcalan,
den in der Türkei inhaftierten Chef der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). In
dieser Gegend steht das Haus von Lehrerin Jihan und ihrem Mann Khalil,
Taxifahrer, die nur ihren Vornamen nennen wollen.
Als die Kämpfe ausbrachen, seien sie nachts mit ihren zwei kleinen Söhnen
aufgebrochen und zu ihren Verwandten nach Kobanê geflohen, sagt Jihan. „Als
die Kinder nach den lauten Geräuschen fragten, haben wir ihnen gesagt, in
der Stadt wird etwas repariert,“ und dass sie nur ein paar Tage wegfahren
würden. Doch in Kobanê sei es sehr schlimm gewesen, überall habe wegen der
vielen Geflüchteten Chaos geherrscht. Also wagte die Familie kurz darauf,
nach al-Raqqa zurückzukehren.
In ihrem Viertel, da fühlten sie sich wieder sicher. Für den Moment. Die
Sorge um ihre in Kobanê zurückgelassenen Angehörigen sei indes groß:
belagert von den Regierungstruppen, die Grenze zur Türkei nicht weit. Nur
sporadisch lasse es das Netz zu, Nachrichten auszutauschen.
Unterdessen verspricht al-Sharaas Regierung, die kurdische Identität
künftig zu wahren und zu fördern. Kann man den Ankündigungen aus Damaskus
trauen? Im Prinzip, sagt das Paar, mache es für sie keinen Unterschied, wer
im Nordosten in den Kurdengebieten regiere. „Wir wollen einfach ein ganz
normales Leben führen“, sagt Jihan. Eines, das Sicherheit für ihre Kinder
biete. Die Angst, dass die neuen Machthaber die kurdische Identität
unterdrücken, wie unter Assad, oder sich verhalten wie einst der sogenannte
Islamische Staat gegenüber den Minderheiten im Land, die sei trotzdem da.
„Werden wir hier Rechte haben?“, fragt Jihan. Sie wissen es noch nicht.
Mitarbeit: Yaser Shahrour
29 Jan 2026
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