# taz.de -- Konflikt um Rojava: Schlaflos in Al-Hasakah
       
       > Unsere kurdisch-syrische Autorin wartet. Darauf, was in diesen vier Tagen
       > Waffenruhe verhandelt wird und es für ihr Leben in Nordostsyrien
       > bedeutet.
       
 (IMG) Bild: Protest in Qamischli: Das Plakat bezieht sich auf das Video eines Soldaten, der den Zopf einer Kurdin als Trophäe abschnitt
       
       Seit mehreren Nächten haben die Menschen in Städte Al-Hasaka und
       Al-Qamischli nicht mehr geschlafen. Nicht wegen des üblichen Lärms großer
       Städte, sondern aus einer Unruhe heraus. Eine Unruhe, die über alle Häuser
       herrscht. Die sich in den Augen spiegelt, die auf die Bildschirme der
       Smartphones starren – in Erwartung neuer Nachrichten.
       
       Nachrichten [1][über eine bevorstehende politische Einigung, die das
       Schicksal der Region verändern könnte]: Am Dienstagabend hat eine
       viertägige Waffenruhe begonnen, die die Kämpfe zwischen der kurdischen
       Selbstverwaltung im Nordosten Syriens und der Zentralregierung in Damaskus
       zumindest relativ befriedete. In diesen vier Tagen sollen sich die beiden
       Parteien auf ein weiteres Vorgehen einigen. Bald laufen sie ab.
       
       In den Nächten wachen wir. Nicht, weil wir nicht schlafen könnten, sondern
       weil wir befürchten, in einer neuen Realität aufzuwachen. Die uns um Jahre
       zurückwirft. Die den harten Weg, den wir in den letzten zehn Jahren
       zurückgelegt haben, zunichte macht.
       
       ## Was, wenn?
       
       Als syrisch-kurdische Journalistin, die im Nordosten Syriens lebt und
       arbeitet, ist das, was um mich herum geschieht, nicht nur
       Nachrichtenmaterial. Mein Beruf und meine Identität sind miteinander
       verflochten. Ich versuche zu verstehen, ob wir uns auf echte Stabilität
       zubewegen – oder auf eine [2][Wiederholung alter Krisen in neuer Form].
       Nicht nur, um eine gute Analyse abzugeben. Sondern auch, weil ich privat
       betroffen bin.
       
       Das Scheitern der Verhandlungen über die Umsetzung des [3][Abkommens vom
       10. März 2025 zwischen der syrischen Übergangsregierung in Damaskus und den
       kurdische dominierten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF)] sahen viele
       Bewohner der Region als einen Rückschlag an. Doch nicht nur das: Dieses
       Scheitern wurde als Beginn einer neuen Phase der Unsicherheit wahrgenommen.
       Schnell spiegelte sie sich in der tatsächlichen Sicherheitslage wider.
       
       Wir wurden in den letzten Tagen Zeugen davon, wie die syrischen
       Regierungsstreitkräfte in den Gebieten Raqqa und Deir ez-Zor den
       SDF-Kämpfern mehr und mehr Territorium abrangen. Dass die SDF Gebiete
       verlor, versuchte die kurdische Führung als eine bewusste Entscheidung
       dazustellen: Man wolle so Blutvergießen beenden und eine groß angelegte
       Konfrontation vermeiden, so die Erklärung.
       
       Als Journalistin sehe ich diese Rechtfertigung aber als Teil einer
       politischen Erzählung, die versucht, Verluste zu verarbeiten. Und als
       Mensch, der in dieser Region lebt, macht mir diese Entwicklung Sorgen.
       
       ## Unsere Autorin liebt Damaskus, trotz allem
       
       Um meine Gefühle als kurdische Syrerin verständlich zu machen, muss ich die
       Lesenden mitnehmen [4][nach Damaskus] – vor dem Jahr 2011. Dort studierte
       ich damals. Ich liebe diese Stadt. Aber ihre damaligen Herrscher zwangen
       uns ihr Modell auf: Das Feiern von Nowruz war unter der mittlerweile
       gestürzten Assad-Diktatur zwar nicht vollständig verboten. Aber die Feiern
       waren immer von Vorsicht und Angst begleitet. Unsere kurdische Sprache und
       unsere kulturellen Programme waren aus dem öffentlichen Raum getilgt. Es
       gab keine Anerkennung unter ihrer Präsenz. Unserer Identität war nur
       teilweise erlaubt.
       
       Als ich nach 2011 von Damaskus nach Al-Hasakah zog, wurde mir bewusst, was
       es bedeutet, wenn meine Identität Teil meines Alltags ist. Ich sah, wie in
       meiner Muttersprache Kurdisch geschrieben und gelehrt wurde. Wie sie neben
       Arabisch nicht nur auf den Märkten, sondern auch in den Institutionen
       verwendet wurde. Ich fühlte mich gewürdigt und anerkannt.
       
       Heute wächst bei mir die Befürchtung, dass jede erzwungene oder unüberlegte
       Veränderung diese Einzigartigkeit auslöschen könnte. Dass wieder eine
       monochrome Ära hergestellt wird. Dass Unterschiede nicht mehr zugelassen
       werden.
       
       ## „Unsere Angst basiert auf Erfahrung“
       
       Was diese Tage noch schwieriger, noch beängstigender für uns macht sind
       [5][die Fotos und Videos, die uns aus anderen Gebieten Syriens erreichen.]
       Sie dokumentieren, wie die bewaffneten Gruppen, die mit der Regierung in
       Verbindung stehen, mit ihren Opponenten umgehen, und zeigen rohe Gewalt und
       außergerichtliche Hinrichtungen. Diese Szenen sind hier keine Nachrichten
       aus der Ferne, sondern werden als unmittelbare Warnungen verstanden. Unsere
       Angst basiert auf Erfahrung.
       
       Wir Kurdinnen und Kurden rufen nicht zur Konfrontation auf und wollen auch
       nicht, dass unsere Gebiete zu einem neuen Kriegsgebiet werden. Unsere
       Forderung ist ein friedliches Abkommen, das die Zivilbevölkerung schützt
       und neue Gewalt in diesem erschöpften Land verhindert.
       
       Der Nordosten Syriens lässt sich vom Rest des Landes nicht trennen. [6][Wir
       als syrische Kurden fordern keine Abspaltung oder den Austritt aus dem
       Staat Syrien]. Unsere Forderung war immer mit Rechten verbunden:
       verfassungsrechtliche Anerkennung unserer Identität, Schutz von Sprache und
       Kultur, ein Ende der Politik der Marginalisierung.
       
       Das Modell eines starren, zentralistischen Staates, wie er vor 2011
       existierte, kann diesen Forderungen nicht gerecht werden. Wir fragen uns:
       Wie können wir an Syrien festhalten, wenn wir befürchten, dass es uns
       wieder marginalisieren wird?
       
       ## Furcht vor einem kurdisch-arabischen Konflikt
       
       Eine meiner größten Sorgen ist heute, dass Syrien in einen
       kurdisch-arabischen Konflikt abgleitet. Diese Region ist seit Langem für
       ihr Zusammenleben von Kurden, Stämmen und Syrern bekannt. Wenn sich aber
       nun die Kurdenfrage von einer Menschenrechtsfrage in einen
       Identitätskonflikt wandelt, ist das soziale Gefüge in großer Gefahr.
       
       Was wir als Kurdinnen und Kurden anstreben, sind nicht Sonderprivilegien.
       Letztlich sind wir alle Syrerinnen und Syrer und haben alle, unabhängig von
       unserer Zugehörigkeit, unter Unterdrückung und Entbehrungen gelitten.
       Vielleicht besteht die Herausforderung heute darin: von einer Logik der
       Dominanz zu einer Logik der Partnerschaft überzugehen. Von einer bloßen
       Bewältigung der Angst zum Aufbau von Vertrauen.
       
       [7][Die Erfahrungen der Vergangenheit werden nicht so leicht verblassen].
       Die Sprache, die eine ganze Generation spricht, kann nicht durch eine
       politische Entscheidung ausgelöscht werden. Aber während wir auf eine
       Entscheidung warten, setzen wir darauf, dass der Dialog über den Klang der
       Waffen siegen wird.
       
       Übersetzung aus dem Arabischen (mit Hilfe von KI): Lisa Schneider 
       
       Die Autorin ist Alumni des [8][Workshops „Her Turn II“] der
       taz-Panter-Stiftung.
       
       22 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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