# taz.de -- Humanitäre Katastrophe in Kobane: „Keine warme Kleidung, keine Decken“
       
       > In der letzten kurdisch kontrollierten Stadt im Norden Syriens ist die
       > Lage dramatisch. Regierungsblockade erschwert die Versorgung von
       > Vertriebenen.
       
 (IMG) Bild: UN-Hilfskonvoi in Syrien auf dem Weg nach Kobane, 2. Februar: „Es braucht einen nachhaltigen humanitären Korridor“
       
       „Es ist extrem kalt, Heizmaterialien wie Diesel werden immer knapper“,
       beschreibt Rosif Kno, Anwältin und Bürgerrechtsaktivistin, die Lage in
       Kobane. „Lebensmittel sind knapp, insbesondere Säuglingsnahrung.“ Die
       Menschen helfen einander – doch die Vorräte schwinden.
       
       Im Stadtzentrum von Kobane harren UN-Angaben zufolge rund 160.000
       Vertriebene aus. Sie sind vor Kämpfen zwischen den kurdischen „Syrischen
       Demokratischen Kräften“ (SDF) und den Truppen der syrischen
       Übergangsregierung geflohen. Schulen, Kitas und Gotteshäuser dienen als
       Notunterkünfte. Menschen berichten der taz, es fehle an Strom, Benzin und
       Wasser.
       
       „Die Vertriebenen haben keine warme Kleidung, keine Decken“, sagt Kno. „Die
       Menschen trinken aus Brunnen, was zu Durchfall und Vergiftungen führt.“ In
       den Notunterkünften fehlten Reinigungsmittel und Hygieneartikel.
       
       Es mangele an Medikamenten, besonders für chronisch Kranke wie Diabetes-
       oder Herzpatienten. Impfungen für Kleinkinder fänden nicht statt, Fachärzte
       aller Art fehlten. „Hier gibt es kein Krebszentrum. Krebspatienten können
       wegen Straßensperren keine Krankenhäuser in Aleppo oder Damaskus
       erreichen.“
       
       ## Militärkontrollen auf der Zufahrtsstraße
       
       „Kobane ist weiterhin belagert“, resümiert Kno. Seit dem 30. Januar gilt
       ein Abkommen zum Rückzug der Streitkräfte aus Stadt und Umland, vereinbart
       zwischen SDF und Zentralregierung. Doch Anwohner und Medien berichten, dass
       mit Damaskus affiliierte Kämpfer weiter in Dörfern stationiert seien und
       Zufahrtsstraßen blockierten. [1][Ein Al-Jazeera-Bericht] zeigt Soldaten bei
       Fahrzeugkontrollen auf der Zufahrtsstraße nach Kobane.
       
       Die NGO „Syrians for Truth and Justice“ (STJ) [2][bestätigt], Kobane sei
       faktisch vom Rest Syriens isoliert. Die humanitäre Hilfe sei wegen der seit
       2016 geltenden Schließung des nahen türkischen Grenzübergangs Mürşitpınar
       stark eingeschränkt. Gemeinsam mit anderen Organisationen forderte STJ die
       Türkei am Mittwoch auf, den Übergang zu öffnen.
       
       Am Donnerstag erreichte ein Konvoi mit Wolldecken, Wasser und
       Hygieneartikeln die Stadt. Der Syrische Rote Halbmond und das Rote Kreuz
       meldeten Lieferungen mit Konserven, Datteln, Reis und Solarlampen. [3][Am
       Freitag] erreichten 700 Pakete mit medizinischen Hilfsgütern die Stadt,
       geschickt aus dem türkischen Diyarbakir. Türkische Behörden hatten [4][nach
       Angaben] der „Diyarbakir Solidarity and Protection Platform“ Ende Januar
       eine ähnliche Hilfslieferung nach Kobane blockiert.
       
       ## UN-Konvois kommen an – aber zu wenig
       
       In den letzten Wochen brachten zwei UN-Konvois 52 Lkw-Ladungen Hilfsgüter
       aus anderen Teilen Syriens nach Kobane. Das UN-Nothilfebüro Ocha
       [5][bestätigte am Dienstag], die Grundversorgung sei „stark
       beeinträchtigt“.
       
       „Der letzte UN-Konvoi war sehr klein und erreichte nicht einmal zehn
       Prozent der Vertriebenen“, sagt Abdi Al Ali, Teamleiter der
       Rettungsleitstelle des Kurdischen Roten Halbmonds in Kobane, der taz. Er
       arbeite ohne Pause. Es fehle an Unterkünften, manche übernachteten in Parks
       oder auf der Straße. „Mit einer mobilen Klinik versuchen wir, Geflüchtete
       zu versorgen.“ Der anhaltende Regen erschwere die Einsätze.
       
       „Es braucht einen nachhaltigen humanitären Korridor“, fordert Al Ali. „Die
       Belagerung muss aufgehoben werden. Regierungstruppen müssen sich
       zurückziehen. Internet, Strom und Wasser müssen sofort wiederhergestellt
       werden.“ Laut Ocha wurde das Stromnetz in Zusammenarbeit mit der Regierung
       und dem Roten Kreuz zwar repariert. Anwohner berichten aber von anhaltendem
       Mangel. „Die Versorgung ist zeitweise unterbrochen“, so Al Ali.
       
       „Die Bewegungsfreiheit in und aus der Stadt ist stark eingeschränkt, das
       Gebiet ist teilweise abgeriegelt“, sagt auch Fewaz Hidir Ahmed, kurdischer
       Bürgermeister in Kobane, am Telefon. Die Verbindung ist so schlecht, dass
       er zu Sprachnachrichten wechselt. Kommuniziert werde per Satelliteninternet
       und Starlink, erzählt er.
       
       Kobane ist die letzte Stadt der einst kurdischen Selbstverwaltung im
       Nordosten Syriens, die noch unter Kontrolle der SDF steht. Laut
       Bürgermeister Ahmed führen interne Sicherheitskräfte gemeinsame Patrouillen
       mit Kräften der Regierung durch. Aber: „Einige Punkte lokaler Abkommen sind
       weiterhin nicht umgesetzt.“
       
       15 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=fYAExXD1jCo
 (DIR) [2] https://stj-sy.org/en/northern-syria-urgent-action-needed-to-protect-civilians-and-enable-aid-delivery/
 (DIR) [3] https://www.rudaw.net/english/middleeast/syria/13022026
 (DIR) [4] https://www.arabnews.com/node/2631275/middle-east
 (DIR) [5] https://www.unocha.org/news/todays-top-news-occupied-palestinian-territory-venezuela-syria-mozambique-south-sudan
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julia Neumann
       
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