# taz.de -- Kurdische SDF versus syrische Regierung: Neues Abkommen, viel Skepsis
       
       > Die kurdisch geführte SDF und die Übergangsregierung in Damaskus
       > schließen erneut eine Vereinbarung. Die humanitäre Lage bleibt prekär.
       
 (IMG) Bild: Viele Familien wurden bei den Kämpfen vertrieben. Ein Kind rastet in einer Moschee in Qamischli, Syrien
       
       Am Freitag haben sich die kurdisch geführten Demokratischen Kräfte Syriens
       (SDF) und die Zentralregierung unter Übergangspräsident Ahmad Al-Scharaa
       auf ein neues Abkommen geeinigt. Darin wurde wohl ein Fahrplan zur
       vollständigen Eingliederung der SDF in den syrischen Staat festgelegt.
       
       Was bislang bekannt ist: SDF-Kämpfer sollen schrittweise in die Armee der
       Zentralregierung integriert werden. Laut SDF dürfen sie dafür eine neue
       Militäreinheit aus drei Brigaden bilden. Eine weitere Brigade soll Teil
       einer Regierungseinheit in der Provinz Aleppo werden. Ein
       Regierungsvertreter bestätigte die Vereinbarung im Staatsfernsehen.
       
       Die kurdisch-syrische Politikerin Ilham Ahmed erklärte zudem: Das Abkommen
       enthalte, dass sich derzeit weiter an der Frontlinie stationierte Kräfte in
       ihre Basen zurückziehen sollen. Die Asayish-Sicherheitskräfte – quasi die
       Polizei der Selbstverwaltung und zuständig für innere Sicherheit – sollen
       bestehen bleiben und offiziell anerkannt werden. Zusätzlich sollen einige
       Einheiten des syrischen Innenministeriums im Nordosten eingesetzt werden.
       
       Die Rückkehr von Vertriebenen aus Afrin, den mehrheitlich kurdischen
       Stadtteilen Aleppos – Sheikh Maqsoud und Ashrafiya – sowie weiteren Städten
       soll vorbereitet werden, begleitet von Sicherheitsgarantien. Die jüngst
       belagerte Stadt Kobanȇ soll militärisch dem Gouverneur von Aleppo
       unterstehen, die städtischen Institutionen jedoch weiterhin lokal betrieben
       werden.
       
       Institutionen der Zentralregierung sollen Präsenz in Nord- und Ostsyrien
       haben, lokale Verwaltung und ziviles Personal jedoch bestehen bleiben.
       Weiter sollen Abschlüsse von Schulen und Universitäten in Nord- und
       Ostsyrien offiziell in ganz Syrien anerkannt werden. Auch sollen künftig
       weitere Gespräche über eine neue Verfassung sowie [1][Wahlen] abgehalten
       werden.
       
       Kern des Konflikts ist: Die Kurden wollen ihre Autonomie verteidigen,
       Übergangspräsident al-Scharaa will ein einheitliches Syrien unter seiner
       Führung – was seine Truppen auch in anderen Landesteilen mit Gewalt
       durchsetzen.
       
       Zuvor hatte Al-Scharaa Kurdisch als Nationalsprache anerkannt, bislang
       staatenlosen Kurd*innen die syrische Staatsangehörigkeit versprochen und
       einen offiziellen Feiertag am kurdischen Neujahrsfest Newroz zugesagt.
       
       ## Die letzte Waffenruhe scheiterte
       
       Schon im März 2025 hatte es einmal ein Abkommen zwischen al-Scharaa und der
       SDF-Führung gegeben. Bis zum Ende des Jahres 2025 hätte damit die
       Integration der SDF in die syrische Armee sowie die Kontrolle über den
       Nordosten des Landes geregelt werden sollen. Doch die weiteren
       Verhandlungen erzielten kaum Fortschritte.
       
       Im Januar dieses Jahres nahmen dann die Streitkräfte der Übergangsregierung
       in einer Blitzoffensive gegen die SDF bisher von dieser kontrollierte
       Gebiete ein: [2][zunächst in der Stadt Aleppo], in der die SDF die
       mehrheitlich kurdischen Stadtviertel kontrolliert hatte. Dann die
       Governorate Deir al-Sor und Raqqah. In denen der Großteil der Bevölkerung
       keine Kurd*innen sind, die nach der Befreiung von der Herrschaft der
       Terrorgruppe „Islamischer Staat“ Teil der kurdischen Selbstverwaltung
       wurden. Und [3][Teile des Governorats Hassakah] – inklusive [4][des
       berüchtigten Al-Hol-Camps] – sowie Gebiete an der Grenze zur Türkei.
       
       Die Regierungsarmee konnte auch deshalb so schnell vorrücken, weil
       arabische Mitglieder der [5][SDF zu ihr überliefen]. Die Übernahme großer
       Teile der SDF-kontrollierten Gebiete durch die Regierung veränderte nun die
       Lage deutlich zugunsten von Damaskus.
       
       Am 20. Januar war zuletzt eine viertägige Waffenruhe verkündet worden, die
       später um 15 Tage verlängert wurde. Dennoch hielten die Kämpfe an; sowohl
       der SDF als auch mit der Übergangsregierung verbündeten Milizen wurde ihr
       Bruch vorgeworfen.
       
       ## Prekäre Versorgungslage
       
       Dass die Kurd*innen an ihrer Autonomie festhielten, hat Gründe:
       Jahrzehntelang wurden sie in Syrien unterdrückt, teils sogar ihrer
       Staatsbürgerschaft beraubt. Die Selbstverwaltung Rojava stand für viele
       Kurd*innen für demokratische Selbstbestimmung. Teile der arabischen
       Bevölkerung in Rojava, vor allem in Raqqah und Deir al-Sor, berichten
       hingegen von Unterdrückung unter kurdischer Führung – Ausgangssperren,
       Verhaftungen und Folter.
       
       „Es ist bitterkalt“, berichtet Anita Starosta, Syrienreferentin von Medico
       International, aus Qamischlo im Nordosten Syriens an der türkischen Grenze.
       Durch die Kämpfe zwischen SDF und Regierungstruppen seien [6][Zehntausende
       vertrieben worden]. Sie flohen aus den nun von der Regierung kontrollierten
       Gebieten in weiterhin unter SDF-Kontrolle stehende Gegenden.
       
       In Qamischlo gebe es rund 130 Notunterkünfte, sagt Starosta. Kinder und
       Familien versuchten sich mit Feuertonnen warmzuhalten, der Kurdische Rote
       Halbmond verteile Decken und Heizgeräte. Die Stadt Kobanȇ sei weiterhin
       belagert, die Versorgungslage sehr schwierig und prekär.
       
       6.500 Menschen lebten nun im Newroz-Camp nahe der Stadt Derik (arabisch:
       Al-Malikiya) in Zelten auf matschigem Boden. In den vergangenen fünf Tagen
       seien 300 Familien hinzugekommen, weitere 250 Familien würden in den
       kommenden Tagen noch erwartet, erklärt Starosta.
       
       ## Angst vor Islamisten
       
       Geflüchtete, insbesondere Christen, fürchteten die Machtübernahme radikaler
       Gruppen, erzählt Ossama Mohammad, Projektkoordinator der syrischen
       Menschenrechtsorganisation Rights Defense Initiative (RDI). Berichte über
       IS-Fahnen und die [7][Flucht von bislang inhaftierten Kämpfern des
       „Islamischen Staates“] im Chaos der Kämpfe zwischen SDF und Regierung
       verstärkten die Angst. Zudem blockierten arabische Stämme im Osten Syriens
       wichtige Hilfsrouten zwischen Irak und SDF-kontrollierten Gegenden.
       
       „Viele Menschen sind skeptisch“, so Starosta. Sie sorgten sich um
       zivilgesellschaftliche Errungenschaften wie Frauenrechtsprogramme. Die
       Gewalt zeige, dass Syrien nicht sicher sei. Dass die Bundesregierung Syrien
       als stabil darstelle, um Abschiebungen zu ermöglichen, sei „höchst
       problematisch“.
       
       Was die Ängst außerdem anheizt: In sozialen Medien kursieren Videos
       mutmaßlicher Tötungen und Leichenschändungen von SDF-Kämpfern durch
       Regierungstruppen. Umgekehrt sollen auch SDF-Kämpfer Zivilistinnen getötet
       haben. Das Syrische Netzwerk für Menschenrechte dokumentierte mindestens 22
       von SDF-Scharfschützen getötete Zivilist*innen in Raqqah Mitte Januar.
       
       Mitarbeit: Lisa Schneider
       
       30 Jan 2026
       
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