# taz.de -- Ein Jahr Hamburger „Mietenmelder“: Ein leeres Versprechen
       
       > Seit einem Jahr soll der von Rot-Grün eingeführte „Mietenmelder“ vor
       > Mietwucher in Hamburg schützen. Geschehen ist seither nichts.
       
 (IMG) Bild: Am Ende hilft nur protestieren: Mietenmove-Demo vor der Hamburger Elbphilharmonie
       
       Er hatte ohnehin nicht allzu viel erwartet, sagt Adrian Gettig*. Aber dass
       ihm zumindest ein bisschen dabei geholfen würde, etwas gegen die illegal
       hohe Miete zu unternehmen, die er Monat für Monat an seine Vermieterin
       überweisen muss – das hatte er schon gehofft, als er im vergangenen Jahr
       die von der Stadt Hamburg angebotene Hilfe annahm. „Doch so wie es jetzt
       gelaufen ist, ist es frustrierend“, sagt Gettig. „Man fühlt sich alleine
       gelassen und ohnmächtig.“ Denn gelaufen ist seit sechs Monaten – nichts.
       
       Gettig wohnt im Hamburger Westen, Anfang 2023 hatte er die 3-Zimmer-Wohnung
       in einem Mehrparteienhaus gefunden. „Von außen malerisch, innen schon etwas
       in die Jahre gekommen“, sagt Gettig. Da er zeitnah eine neue Wohnung finden
       musste, habe er sie genommen, auch wenn der bauliche Zustand der Wohnung an
       einigen Stellen zu wünschen übrig ließ.
       
       14 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter seien ihm schon zu diesem Zeitpunkt
       höher als erlaubt erschienen. „Wer dringend eine Wohnung sucht, ist diesem
       Wohnungsmarkt nun mal ausgeliefert“, sagt Gettig.
       
       [1][Gegen Mietwucher immerhin] verspricht der rot-grüne Hamburger Senat
       seit Anfang vergangenen Jahres Hilfe: „Mit dem Mietenmelder soll es
       Hamburger Mieterinnen und Mietern erleichtert werden, möglicherweise
       überhöhte Mieten direkt und digital an die zuständige Dienststelle zu
       melden“, jubelte der Senat Ende Februar 2025, als er die [2][überraschende
       Einführung dieses Instruments] bekannt gab.
       
       ## Sogar eine Haftstrafe ist drin
       
       Eine Miete, die die ortsübliche Vergleichsmiete um mehr als 20 Prozent
       übersteigt, kann schließlich eine Ordnungswidrigkeit darstellen. Liegt sie
       um mehr als 50 Prozent darüber, droht den Vermieter:innen gar eine
       Haftstrafe. Geschädigte Mieter:innen erhalten dann die zu viel gezahlte
       Miete zurück und müssen künftig weniger zahlen.
       
       „Dieses digitale Angebot ist ein wichtiger Schritt für mehr Schutz von
       Mieterinnen und Mietern“, freute sich die zuständige Senatorin für
       Stadtentwicklung und Wohnen, Karen Pein (SPD) im vergangenen Februar. „Mit
       dem digitalen Mietenmelder bekommen wir ein Instrument in die Hand, mit dem
       wir besser und schneller gegen Mietpreisüberhöhung vorgehen können“, sagte
       Pein. Gettig hingegen hat nicht den Eindruck, dass dadurch etwas besser
       oder auch nur schneller geworden ist.
       
       Zunächst hatte er im vergangenen Jahr seinen Verdacht, zu viel Miete zu
       zahlen, mit der [3][Mietwucher-App der Linkspartei] überprüft. „Zuvor hatte
       ich den Mietpreis noch zähneknirschend hingenommen“, sagt Gettig. „Man will
       es sich ja nicht mit seinem Vermieter verscherzen.“
       
       Die von der Linken angebotene Hilfe war nach der Einführung Ende 2024
       schnell tausendfach genutzt worden. Weil zudem weitere Mängel an der
       Wohnung vom Vermieter nicht behoben worden waren, entschloss Gettig sich
       dann, dagegen etwas zu unternehmen. „Bei mir kam heraus, dass ich knapp 50
       Prozent über der Vergleichsmiete liege“, sagt Gettig.
       
       Mithilfe der App schickte er dann eine Meldung an das für ihn zuständige
       Wohnungsamt im Bezirk Altona. Von dort immerhin habe er noch eine letzte
       standardisierte Reaktion seitens der Behörden erhalten: Er solle seine
       Daten doch bitte noch mal beim städtischen Online-Serviceportal – dem
       Mietenmelder also – eingeben. Das tat er Mitte August. „Seither habe ich
       nie wieder etwas gehört.“
       
       Gettig ist damit keine Ausnahme, hinsichtlich der Wartezeit liegt er bis
       jetzt sogar eher im Mittelfeld. 359-mal nutzten Hamburger:innen bislang
       den Mietenmelder, hinzu kamen mehr als 1.000 Meldungen mittels der
       Mietwucher-App der Linken.
       
       In keinem einzigen Fall wurden, Stand 16. Januar, rechtliche Verfahren
       eingeleitet, gar abgeschlossen oder auch bloß gemeldete Vermieter:innen
       kontaktiert. Nur „im Einzelfall und gegebenenfalls auf Nachfrage“ haben die
       Behörden bislang Mitteilungen zum Sachstand an die Mieter:innen
       verschickt.
       
       So wie Gettig ist auch Hamburg mit diesen dürftigen Ergebnissen keine
       Ausnahme. Das zeigt ein Blick nach Hannover: Über die App der Linken waren
       dort seit Anfang 2025 rund 250 Fälle an die Stadt gemeldet worden. Aber es
       wurde bislang kein einziges Verfahren gegen Vermieter:innen
       eingeleitet. Es dürfte also wenig helfen, dass im Dezember eine rot-grüne
       Mehrheit im Stadtrat für die Einrichtung eines städtischen Meldeportals
       votiert hat – nach Hamburger Vorbild.
       
       Für die Verfolgung der gemeldeten Hamburger Fälle hatte der Senat die
       Wohnraumschutzdienststellen auf Bezirksebene auserkoren. Zähneknirschend
       musste er zwischendurch bekanntgeben, dass eine solche „sehr umfassende
       Aufklärung des Sachverhaltes“ von diesen Stellen „aktuell nicht umsetzbar“
       sei; das [4][teilte der Senat im November 2025 auf eine Anfrage der
       Linksfraktion mit]. Die Mitarbeiter:innen seien „mit einer Vielzahl
       von Aufgaben, die primär im Bereich der Gefahrenabwehr liegen,
       ausgelastet“.
       
       Angesprochen auf die lange Wartezeit, wie sie Gettig und viele weitere
       Mieter:innen erleben, sagt André Stark, Sprecher der Behörde für
       Stadtentwicklung und Wohnen: „Nein, die Situation ist aktuell nicht
       zufrieden stellend.“ Man versuche aber, Abhilfe zu schaffen: über eine neue
       Task Force, „die wir zentral in der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen
       einsetzen werden, um zügig die offenen Meldungen zu bearbeiten“.
       
       ## Recht durchsetzen ist kompliziert
       
       Zur Wahrheit gehöre aber auch, schiebt der Behördensprecher hinterher, dass
       „die Erfolgsaussichten weiterhin überschaubar bleiben, da der Nachweis und
       die Durchsetzung des einschlägigen Bundesrechts viel zu kompliziert sind“.
       
       Es müssten dringend auf Bundesebene [5][Vorschriften im
       Wirtschaftsstrafgesetz verschlankt werden,] um Mieter:innen von den
       überbordenden Nachweispflichten zu befreien – die führten etwa dazu, dass
       Mieter:innen belegen müssen, auf den Abschluss des für sie ungünstigen
       Mietvertrages angewiesen gewesen zu sein. Nur dann bestünde die Chance, den
       Mietwucher-Paragrafen anzuwenden.
       
       Von derlei Schwierigkeiten war im vergangenen Februar nichts zu vernehmen,
       als Hamburgs rot-grüner Senat die Einführung des Mietenmelders bejubelte.
       Vielmehr versprach er, dass mit den Angaben aus dem Mietenmelder „die
       Dienststellen zielgerichtet tätig werden“ könnten.
       
       Aber es waren damals auch gerade mal noch vier Tage bis zur
       Bürgerschaftswahl; durch [6][die Bundestagswahl eine Woche] zuvor hatte
       sich bereits angedeutet, dass SPD und Grüne wohl in nennenswertem Umfang an
       die Linke verlieren würden. Und die hatte ihren Wahlkampf weitgehend auf
       das Wohnen fokussiert.
       
       ## Politisch auf die Vermieter angewiesen
       
       Nach Ansicht von Heike Sudmann, Fraktionschefin der Linken in Hamburg,
       zeigen sich jetzt „leere Versprechen des Senats“. Die nun angekündigte Task
       Force komme viel zu spät, während Mieter:innen wie Gettig Monat für
       Monat zu viel Miete bezahlten. „Der Hamburger Senat tut seit einem Jahr
       nichts gegen Mietabzocke“, schimpft Sudmann, sondern lasse die Betroffenen
       „einfach weiter blechen“.
       
       Doch nicht nur die Opposition ist enttäuscht vom Mietenmelder, sondern auch
       [7][der Mieterverein zu Hamburg]. „Der Senat sieht sich auf die private
       Wohnungswirtschaft beim Bau neuer Wohnungen angewiesen – und mit der will
       er es sich offensichtlich nicht verscherzen, wenn er mehr gegen Mietwucher
       unternehmen würde“, sagt der Vereinsvorsitzende Rolf Bosse. Das gehe dann
       aber zulasten des bezahlbaren Wohnens, das SPD und Grüne ständig als
       „Kernanliegen“ bezeichnen.
       
       Adrian Gettig wollte irgendwann nicht mehr warten und schaltete zusätzlich
       den Mieterverein. Auf dessen Drohung hin bot der Vermieter immerhin einen
       Vergleich an, der allerdings mehrere Tausend Euro unter dem liegt, was
       Gettig im Laufe der Jahre mutmaßlich zu viel gezahlt hat. Wie das am Ende
       ausgeht, ist offen.
       
       [8][Juristisch belangt für den Mietwucher] wird der Vermieter auf diesem
       Weg jedenfalls nicht. Das ginge über behördliches Eingreifen, doch die
       Hoffnung darauf ist bei Gettig nach dem monatelangen Schweigen der Behörden
       erloschen. „Die Stadt“, sagt er, „hat mir nicht dabei weitergeholfen,
       einfach nur mein Recht wahrzunehmen.“
       
       *Name geändert 
       
       Mitarbeit: Nadine Conti
       
       1 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Illegal-ueberhoehte-Mieten/!6084813
 (DIR) [2] /wahlgekaempft/!6072440&s=mietenmelder/
 (DIR) [3] /App-gegen-Mietwucher/!6065703
 (DIR) [4] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/101068/23_02151_mietwucher_zahl_der_verdachtsfaelle_in_hamburg_bearbeitung_in_den_aemtern
 (DIR) [5] /Urteil-zu-Wuchermiete-in-Berlin/!6148674
 (DIR) [6] /Die-Linke/!6070937
 (DIR) [7] https://www.mieterverein-hamburg.de/mediathek/pressemitteilungen/mieterverein-begruesst-neuen-hamburger-mietenmelder/
 (DIR) [8] https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__291.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) André Zuschlag
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Hamburg
 (DIR) Mieten
 (DIR) Immobilien Hamburg
 (DIR) Die Linke
 (DIR) Mietpreisbremse
 (DIR) Mieten Hannover
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Mietspiegel
 (DIR) Mieten
 (DIR) Mieten Hamburg
 (DIR) Die Linke
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Urteil zu Wuchermiete in Berlin: Ende der Straflosigkeit
       
       Erstmals verurteilt ein Gericht einen Vermieter für eine überhöhte Miete.
       Für eine Wohnung in der Oranienstraße verlangte er doppelt so viel Geld wie
       laut Mietspiegel vorgesehen.
       
 (DIR) Mietenreport: Wohnen auch für Mittelschicht ein Armutsrisiko
       
       Rund sechs Millionen Mieter:innen sind durch hohe Wohnkosten „extrem
       überlastet“. Das belegt der neue Mietenreport des Deutschen Mieterbundes.
       
 (DIR) Illegal überhöhte Mieten: Wucherer können sich Zeit lassen
       
       Hunderte Verdachtsfälle gegen Mietwucher haben Hamburger:innen in den
       vergangenen Monaten gemeldet. Geprüft hat die Stadt bislang: keinen.
       
 (DIR) Die Linke: Das Comeback-Wunder
       
       Noch im Herbst glaubte niemand an einen Wiedereinzug ins Parlament. Jetzt
       ist die Linke zurück. So hat sie das geschafft.