# taz.de -- Entmietung in Hannovers Szeneviertel: Formal richtig rausgeekelt
       
       > In Hannovers In-Viertel Linden will ein Eigentümer Altmieter loswerden.
       > Die möchten sich wehren, verheddern sich aber in juristische Fallstricke.
       
 (IMG) Bild: Kochstraße in Hannovers Szeneviertel Linden-Nord: Für die Altmieter wird es hier ungemütlich
       
       Das Haus in der Kochstraße in Hannovers Szeneviertel Linden-Nord steht für
       eine Geschichte, [1][wie sie in diesen Tagen ziemlich typisch ist.] Es ist
       ein altes Haus, denkmalgeschützt, gebaut in jenen Gründerzeitjahren, als
       man sich nach außen, am Vorderhaus, schicke Fassaden gönnte und Wohnungen
       mit hohen Fenstern und im Hinterhaus enge, finstere Butzen, die froh sein
       durften, wenn sie überhaupt Tageslicht und Frischluft abbekamen.
       
       Krieg und Wiederaufbau, später auch Sanierungskommissionen sorgten dafür,
       dass die Hinterhäuser immerhin sehr viel wohnlicher wurden. In den
       Nachkriegsjahren waren solche Häuser meist in Familienbesitz, oft waren das
       Handwerksmeister, die mehrere Mietshäuser besaßen, aus denen sie noch
       eigenhändig den Bombenschutt herausgeräumt hatten.
       
       [2][Im Fall der Kochstraße] 6 war das eine Familie Gedecke, erzählen zwei
       alteingesessene Mieter. Feine Menschen, freundlich und zugänglich – aber
       nicht übertrieben investitionsfreudig. An dem denkmalgeschützten Bau wurde
       jahrzehntelang nur das Nötigste gemacht. Und spätestens die dritte
       Generation hatte dann das Gefühl, das nicht mehr bewältigen zu können und
       verkaufte.
       
       Und damit, sagt einer der Bewohner, fing das Elend an. Im April 2023
       übernahm [3][die Xhafolli Vermögensverwaltung GmbH] das Regiment. Ein
       Familienunternehmen mit Sitz in Uelzen, das sich darauf spezialisiert hat,
       im gesamten norddeutschen Raum solche Objekte aufzukaufen, zu sanieren und
       zu deutlich höheren Preisen weiterzuvermieten.
       
       ## Für die Altmieter wird es ungemütlich
       
       Für diejenigen, die auf alten Mietverträgen mit vergleichsweise günstigen
       Quadratmeterpreisen saßen, wurde die Lage damit schwierig. Der neue
       Vermieter – so schildern sie es – glänzte vor allem mit kurzfristig
       angekündigten Renovierungsmaßnahmen, Mieterhöhungen von 20 Prozent,
       flächendeckend ausgesprochenen Kündigungen – war aber für Beschwerden und
       Rücksprachen nie erreichbar.
       
       Einer der Altmieter, Michael E., wollte sich das nicht bieten lassen. Da
       war zum Beispiel die Sache mit den Fenstern. Ein Austausch wurde
       angekündigt, der Termin verstrich. Dann sollte er plötzlich binnen
       Tagesfrist doch Handwerker hereinlassen – obwohl nichts vorbereitet war und
       seine Frau und eines seiner Kinder krank im Bett lagen. Er ließ sich
       zähneknirschend darauf ein, quartierte die Familie aus, deckte in einer
       Nacht-und-Nebel-Aktion das Mobiliar ab.
       
       Die neuen Fenster wurden vor zwei Jahren eingebaut. Verputzt und verfugt
       sind sie bis heute nicht, sagt E. Auch die Fensterbänke hat er am Ende
       selbst wieder angebracht. Weihnachten 2024 fiel außerdem die Gas-Therme in
       seiner Wohnung aus. Keine Heizung, kein Warmwasser. Auf seine Beschwerden
       habe der Vermieter nicht reagiert.
       
       Dafür wurden Briefkästen und Kellertüren ausgetauscht, ohne ihn mit
       Schlüsseln zu versorgen. Der Dachboden entrümpelt und sein Zeug
       weggeschmissen, ohne Bescheid zu sagen und obwohl er mit dem alten
       Vermieter eine Abmachung hatte, die Fläche als Ersatz für den feuchten
       Keller nutzen zu dürfen. Die Liste der Beschwerden, sagt E., ließe sich
       lange fortsetzen.
       
       ## Mietkürzungen in Eigenregie sind keine gute Idee
       
       Michael E. beschloss also, eigenmächtig die Miete zu kürzen. Deshalb findet
       er sich nun vor der Zivilkammer des Amtsgerichtes Hannover einer
       Räumungsklage gegenüber. Und gegen die, signalisiert ihm die junge
       Richterin ziemlich schnell, hat er keine guten Karten.
       
       Denn Michael E. hat monatelang gar keine Miete gezahlt, dann später nur
       einen Sockelbetrag, der etwas oberhalb der Nebenkosten lag. Alles
       ordentlich schriftlich angekündigt und per Einschreiben an den Vermieter
       versandt, von dem kein Widerspruch kam.
       
       So – erklärt ihm die Richterin freundlich, aber bestimmt – geht das aber
       trotzdem nicht. Eine Mietminderung von 100 Prozent käme nur in ganz wenigen
       Fällen infrage, dazu müsste die Wohnung praktisch unbewohnbar sein. Aber
       der Vermieter bestreitet rundheraus, dass die Wohnung überhaupt
       irgendwelche Mängel hat.
       
       Michael E. sitzt da mit seinen zwei Aktenordnern voller Belege und
       Dokumentationen, die alle nicht zählen. Am Ende geht es nur noch darum, wie
       schnell er die Wohnung räumen muss. Der Anwalt der Vermieter bietet an, die
       Vollstreckung der Räumung bis Ende Juli auszusetzen.
       
       Doch auf diesen Deal mag sich E. nach Rücksprache mit seiner Frau nicht
       einlassen – denn da stehen ja auch immer noch Forderungen aus den
       Mietrückständen von 4.500 Euro im Raum. Das Gericht beraumt also eine
       Urteilsverkündung für den 30. April an. Dann erklärt die Richterin noch,
       wird auch die Räumung sofort vollstreckbar.
       
       ## Wie es für die Hausgemeinschaft weitergeht, ist unklar
       
       Michael E., eine Handvoll Nachbarn und einige weitere Unterstützer stehen
       danach im Gerichtsflur und schütteln fassungslos die Köpfe. „Es war
       vielleicht blöd von mir, da ohne Anwalt ranzugehen“, sagt E. Aber er hat
       das ja überhaupt nur gemacht, weil er das Gefühl hatte, der Einzige zu
       sein, der sich das leisten kann.
       
       „Wir haben ein Ausweichquartier, mein Elternhaus auf dem Land, ungefähr 35
       Kilometer von hier.“ Das ist mehr als die meisten seiner Nachbarn haben.
       „Die haben Angst, ihr Dach über dem Kopf zu verlieren, keine Alternativen,
       sprechen zum Teil auch nicht so gut Deutsch.“
       
       Er habe einfach das Gefühl gehabt, nicht so ganz kampflos aufgeben zu
       wollen. Immerhin haben sie sich in dieser Hausgemeinschaft auch 18 Jahre
       lang gut aufgehoben und glücklich gefühlt. „Da sind Freundschaften
       entstanden, Kinder geboren worden, wir haben gemeinsam Leute zu Grabe
       getragen.“
       
       Wie es für die anderen weitergeht, müsse man nun erst noch einmal in Ruhe
       beraten, sagt E. Die hätten die Miete ja nicht so radikal gekürzt.
       
       Auf Immoscout ist gerade eine Wohnung im Hinterhaus im Angebot. 2 Zimmer,
       55 Quadratmeter, frisch saniert, für 750 Euro kalt beziehungsweise 830 Euro
       warm. Das entspricht einer Kaltmiete von 13,64 Euro pro Quadratmeter.
       [4][Das ist selbst für die begehrte Wohnlage in Linden viel.] Michael E.
       zahlte für seine Wohnung im Vorderhaus ursprünglich 5 Euro pro
       Quadratmeter.
       
       9 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Mietpreisentwicklung-in-Niedersachsen/!6018153
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Kochstra%C3%9Fe_(Hannover)
 (DIR) [3] https://xhafolli.com/#
 (DIR) [4] https://hannover.gov.de/buergerservice/dienstleistungen/mietspiegel-1365-0.html?myMedium=1
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nadine Conti
       
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