# taz.de -- Diskurstheater am TD Berlin: Bloß keinen Speck ansetzen
       
       > Malte Schlösser ist Traumatherapeut und Theatermacher. Sein Stück „Wer
       > nicht gegen sich selbst denkt, denkt überhaupt nicht“ läuft im TD Berlin.
       
 (IMG) Bild: Figurenkonstellationen bilden sich und zerfallen in schnellem Wechsel
       
       Gleich der erste Monolog in Malte Schlössers neuem Stück „Wer nicht gegen
       sich selbst denkt, denkt überhaupt nicht. Abwesenheitserfahrung“ bewegt
       sich durch schwieriges Gelände. Der Performer Valentin Richter übt das
       Gegen-sich-selbst-Denken, die Kolleg:innen Hauke Heumann und Emma
       Rönnebeck schauen vom Rand aus zu. Vielleicht ging dem eine Beziehungskrise
       voraus, jetzt stehen jedenfalls Vorwürfe und Schuld im Raum: Du siehst mich
       nicht, ich fühle dich nicht, fühlst du dich selbst überhaupt?
       
       Schweigen, ignorieren, Kontaktabbruch, Valentin zählt die bösen Techniken
       auf, wie man jemand klein macht. Er sucht in sich nach der Grenze, an der
       „du“ und „ich“ sich begegnen, gemeinsam stattfinden könnten und beschreibt,
       wie sie immer wieder verfehlt wird. Bis er sich abwesend in sich selbst
       fühlt.
       
       Malte Schlösser, der das Konzept des Abends entwickelt und zusammen mit
       Marie Jordan als Regisseur:in umgesetzt hat, ist nicht nur
       Theatermacher, sondern auch Traumatherapeut. Das Individuum in der Therapie
       ist einsam und wird als Einzelfall behandelt. Schlösser aber suchte nach
       dem gesellschaftlichen Zusammenhang, den Mustern von Ängsten, den
       Überlebensstrategien, die zum Beispiel das Konkurrenzdenken im
       Neoliberalismus erzeugt. So kam er zum Theater, immer wieder. Seine Stücke
       sind im Diskurs verankert, viele kamen seit 2011 am [1][TD Berlin] heraus,
       einem Theater der freien Szene.
       
       Der erste Monolog ist noch tief im psychologischen Dschungel der Selbst-
       und Fremdwahrnehmung verankert, der Projektionen und des
       Eingeschlossenseins in Bilder, deren Steuerung man nicht in der Hand hat.
       Aber in den anschließenden Texten gilt die Selbstreflektion immer mehr dem,
       was eigentlich Theater und Inszenierung von Identität ist. Was mach ich
       nur, wenn ich keinen Text vorbereitet habe, fragt sich Emma Rönnebeck und
       probiert, ob das Publikum ihr etwas Realität leihen kann. Bald schaut man
       ihr leise belustigt zu, wie sie sich auf die Spuren von
       Bedeutungsproduktion begibt und in Diskursschlaufen verfängt. Gehäkelt hat
       die womöglich die „Krise der Postdramatik“, ist eine Überlegung.
       
       [2][Das Theater von René Pollesch] lässt grüßen in den Texten, die die
       Selbstbeobachtung des Künstlers immer wieder verkuppeln wollen mit einer
       Analyse dessen, wie sich der Kapitalismus im Körper niedergeschlagen hat
       und in den Posen der Positionierung. Manches davon wirft ein bloßes
       Stichwort in den Raum mit viel Behauptung und wenig Chancen, dem auf den
       Grund zu kommen. Anderes aber findet über Wortspiele zu erhellenden
       Momenten. Man klopft mit etwas Slapstick bei [3][Tschechows „Die Möwe“] an,
       wo schon das Theater im Theater verhandelt wurde. Ein Gespenst tritt auf,
       sozusagen ein Urahn von Abwesenheitserfahrung, des Unheimlichen und
       Uneigentlichen. Irgendwann nimmt das Spiel an Fahrt auf, und Dreierszenen
       werden entworfen und ebensoschnell wieder torpediert. Damit die Rollen ja
       nicht den Speck der Identifikation ansetzen.
       
       Schließlich übernimmt ein Film: Fünf ähnlich gekleidete
       Darsteller:innen übernehmen eine/r vom anderen eine Figur mitten in der
       Bewegung, die durch Berlin läuft. Bis diese Figur im Theatersaal angekommen
       ist und sich in die leeren Zuschauerreihen setzt. Effektvoll zersetzt sich
       dieses Bild in davonstiebende Fetzen. Wieder ein Wegwischen der klassischen
       Muster im Theater.
       
       Aber bei dieser verneinenden Geste bleibt das Stück nicht stehen, es folgt
       ein Spiel mit Licht, zerfließenden Farben, Musik, Nebel und sich ohne
       sichtbare Menschen bewegenden Kulissen. Einerseits könnte man das lesen als
       eine Hommage an das Theater als Illusionsmaschine, die man doch noch nicht
       aufgeben und verbannen will. Andrerseits aber ist es vielleicht auch ein
       Ausblick auf das Theater nach der Zeit des Menschen, wenn die Maschinen für
       die KI spielen. Und das ist das Erstaunliche: Selbst wenn man am
       Theaterabend noch etwas ratlos vor den zerfallenden Teilen eines Dramas
       sitzt, beim Nachdenken einen Tag später schleicht sich der Sinn doch noch
       an.
       
       22 Jan 2026
       
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