# taz.de -- Sophokles’ Tragödie als Polit-Barometer: Die unmenschliche Last der Geschichte Antigones
       
       > Nach dem Hamburger Schauspielhaus inszeniert nun auch das Berliner
       > Ensemble Sophokles’ Tragödie. Ruft der Zeitgeist nach alten Heldinnen?
       
 (IMG) Bild: Kathleen Morgeneyer und Jens Harzer in „Antigone“, inszeniert am Berliner Ensemble
       
       Es mag an unseren Zeiten liegen, in denen der Zerfall einer alten Ordnung
       immer offensichtlicher und unbarmherziger zutage tritt: [1][Sophokles’
       Antigone hat Konjunktur] auf deutschen Bühnen. Fulminant begonnen hat die
       Welle des neuen Interesses an der geplagten, doch widerständigen Tochter
       der Stadt Theben, die den als Verräter gebrandmarkten Bruder Polyneikes
       trotz Verbot des herrschenden Königs Kreon bestattet und dies mit ihrem
       Leben bezahlt, am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, das seit drei Jahren
       den „Anthropolis-Marathon“ auf dem Spielplan führt. In dem monumentalen und
       gefeierten Projekt werden alle fünf Stücke en bloc gezeigt, die in der
       unheilvollen, von Gewalt und Schuld gezeichneten Stadt spielen.
       
       Am Donnerstag feierte Antigone in der Übertragung von Friedrich Hölderlin,
       inszeniert von Johan Simons und mit Jens Harzer, Constanze Becker und
       Kathleen Morgeneyer hochkarätig besetzt, am Berliner Ensemble Premiere.
       
       Dass sich abermals ein avanciertes Haus diesem klassischen Theaterstoff
       zuwendet, lässt sich als Hinweis lesen, dass die – auch politisch
       bedeutsame – Befragung von Notwendigkeiten und Abgründen von Heldenfiguren
       an Dringlichkeit gewonnen hat. Lange Zeit galt es, den scheinbaren Glanz
       des Heroischen aus der Perspektive von liberalen, demokratischen
       Gesellschaften zu dekonstruieren: aufgrund seiner Verstrickungen in Gewalt
       und Herrschaft und der Perpetuierung von Idealen wie Tapferkeit, Härte oder
       Opferbereitschaft, die sich totalitäre Systeme zu eigen machen. Doch so
       wichtig diese Arbeit bleibt, so sehr tritt inzwischen zutage, dass sich das
       dekonstruktive Verlangen in eine Sackgasse manövriert hat. In Zeiten
       zunehmender Destabilisierung scheinen das Heldentum und sein Versprechen
       wohl oder übel ein Comeback zu feiern.
       
       ## Zwei normative Ordnungen prallen aufeinander
       
       Dabei ist diese Tendenz durchaus ambivalent, ist sie doch von politischen
       Bestrebungen angetrieben, die nicht notwendig eine Verbindung zur
       Emanzipation haben. Mit entschlossener Unbedingtheit eine gegebene Ordnung
       aufbrechen zu wollen, die als ungerecht oder schlecht empfunden wird, kann
       ein Unabhängigkeitskampf gegen ein repressives System sein, der politisch
       gute Gründe hat. Jedoch hat zugleich auch [2][die um sich greifende
       Faschisierung der Gesellschaft] ihren Anteil daran, das scheinbar
       heldenhafte Streben nach der Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse in
       einer Weise zu mythologisieren, dass es eine zerstörerische, eine tödliche
       Kraft freisetzt. Ein Grund für ihre Aktualität ist also die Entfaltung der
       Tragödie zwischen den Koordinaten einer widerständigen Bedingungslosigkeit
       und dem Preis der Zerstörung.
       
       [3][Antigone widersetzt sich dem Gesetz] des neuen Machthabers der Stadt,
       Königs Kreon, ihrem Bruder Polyneikes die Bestattung zu verweigern. Kreon
       handelt aus der Logik der Aufrechterhaltung der politischen Ordnung heraus,
       Antigone sieht sich ihrem Gewissen und dem göttlichen Gesetz der Totenruhe
       verpflichtet: zwei normative Ordnungen prallen aufeinander. Dabei ist die
       Vorgeschichte der Stadt Theben für das Handeln beider Seiten entscheidend.
       Ihrer Geschichte geht ein unheilvoller Zirkel der Gewalt voraus.
       
       Die Familie der Labdakiden trägt eine ungeheuer gewaltige Vergangenheit –
       man könnte sagen: einen Fluch – mit sich herum. Ödipus ist Vater und Bruder
       von den beiden noch lebenden Geschwistern, Antigone und Ismene, jener Mann,
       der bekanntlich den Vater umbrachte, mit der Mutter Iokaste vier Kinder
       zeugte und sich die Augen ausstach. Iokaste erhängte sich. Die Söhne,
       Polyneikes und Eteokles, werden von Ödipus verflucht und stürzten die Stadt
       Theben in einen Bruderkrieg, dem beide zum Opfer fallen.
       
       Kreons Bestattungsverbot ist patriarchale Tyrannei und geschieht zugleich
       vor dem Hintergrund der gewaltvollen Geschichte. Antigone sucht nach
       Auswegen aus dem Unheil, indem sie sich widersetzt. Was als gute Absicht
       beginnt und Heilung des Familienfluchs bringen soll, zieht – so die
       Tragödie – weitere Opfer nach sich: Antigone nimmt sich das Leben und auch
       ihr Vermählter Haimon, der Sohn Kreons, begeht am Ende Selbstmord.
       
       ## Antigone ist eine Projektionsfläche
       
       Ist Antigone eine politische Heldin, da sie ihrem individuellen Gewissen
       und Sinn für Gerechtigkeit mit einer Unbedingtheit folgt und dabei ihr
       Leben aufs Spiel setzt? Oder ist das Heldentum Antigones gerade der Zug,
       der sich, insofern er das eigene Maß über alles setzt, echter Politik
       entzieht? Muss ihr Gerechtigkeitssinn also weniger als echte Sorge denn als
       Selbstgerechtigkeit gelten? Ob sie als Widerstandskämpferin, Märtyrerin,
       gefährliche Fanatikerin oder Heilige ihres Gewissens verstanden wird:
       Antigone ist eine Projektionsfläche, an der politische Deutungskämpfe
       ausgetragen werden.
       
       Der Abend im Berliner Ensemble greift die Vielschichtigkeit und Ambivalenz
       Antigones auf, indem er ihr radikales Handeln weder verherrlicht noch
       kritisch dekonstruiert. Er macht etwas anderes, in gewissem Sinne
       Existenzielleres: Er nimmt Antigone ihre politische Überzeugung und
       motiviert ihr Handeln dagegen vielmehr aus einem Auflehnen gegen die
       disparaten Trümmer ihrer Verhältnisse heraus. Sie sucht einen Ausweg aus
       der unmenschlichen Last ihrer Geschichte, aus dem Strudel von Hass, Schuld
       und Rache.
       
       Die Bühne, eindrucksvoll von Johannes Schütz eingerichtet, ist eine
       Anordnung endloser Kreise, die das Gefühl einer zersplitterten, aber nicht
       endenden Vergangenheit evozieren. Disparat liegen Objekte verschiedener
       Ordnung – Spielzeug, eine Krone, Gliedmaßen, Kinderschuhe – herum, Relikte,
       die sich nicht zu etwas Sinnvollem zusammenfügen wollen.
       
       Was Antigone anbietet, ist weder eine souveräne Strategie noch ein
       ausgeklügelter Plan. Jens Harzer zeigt uns Antigone in erster Linie als ein
       leidendes, verlorenes Wesen, das einen mehr aus existenziellem Mitleid
       berührt als aufgrund idealistischer Motive oder ausgeprägten
       Pflichtbewusstsein. Überhaupt legt die Inszenierung Simons weniger nahe,
       dass es reine Trauer um den konkreten Bruder ist, die Antigone antreibt,
       ihr Leben aufs Spiel zu setzen, sondern vielmehr eine allzu menschliche
       Affektstruktur aus Verzweiflung, Irrungen und Unbedingtheit. „Zum Hassen
       bin ich nicht, zur Liebe bin ich“, ihr berühmter Ausspruch, ist eine selbst
       gestellte Aufgabe, die edel klingt. Doch die übersteigerte
       Eigenverantwortlichkeit dieser Aufgabe, das Ziel, ihre Familie wieder heil
       zu machen, führt in die Selbstzerstörung.
       
       Der Abend ist eine leise Absage an alle, die in Antigone eine Heroine sehen
       und auf sie die politischen Hoffnungen einer überzeugt und schlüssig
       Handelnden projizieren wollen. Nach ihrer Entscheidung, das Gesetz zu
       übertreten, und nach der sich anschließenden Tragödie, die das Unheil
       abermals nicht einfängt, ertönt dissonanter Jazz von leise kreischenden
       Bläsern durch den Saal des Berliner Ensembles. Und dennoch: Vielleicht ist
       der Anspruch, in Antigone eine Heldin sehen zu müssen, die falsche
       Perspektive auf eine, die sich aus einem Trauma heraus dem Wagnis stellt,
       eine Ordnung ins Unberechenbare aufzubrechen.
       
       Die Philosophin Antonia Birnbaum hat jüngst in ihrem Aufsatz die Formel
       „Mut ohne Heldentum“ gefunden, um das Handeln Antigones zu
       charakterisieren. Ihre Unnachgiebigkeit ist kein Handeln der Reinheit,
       sondern es ist ein Handeln inmitten der Falschheit, das nicht richtig sein
       kann, aber eine rätselhafte Folge an ausgetragenen Verstrickungen und
       Bedeutungen in Gang setzt: „Das unbedingte Begehren Antigones ist nicht im
       erhabenen Glanz, sondern in seinem glanzlosen Schatten zu suchen.“
       
       21 Jan 2026
       
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