# taz.de -- Theaterregisseur über Gorki-Theater: „Ich verliere mein künstlerisches Zuhause“
> Nurkan Erpulats letzte Inszenierung am Gorki Theater feiert Samstag
> Premiere. Sein postmigrantisches Theater prägte Shermin Langhoffs
> Intendanz.
(IMG) Bild: Zum Abschied spielt er „Zukunftsmusik“: Der Regisseur Nurkan Erpulat im Gorki Theater
taz: Nurkan Erpulat, mit welchen Emotionen gehen Sie in die Proben für Ihre
letzte Inszenierung an diesem Haus?
Nurkan Erpulat: Mit gemischten Gefühlen. Ich verliere [1][mein
künstlerisches Zuhause]. Das tut weh. Dass etwas Neues kommt, empfinde ich
andererseits nicht als schlecht. Es ist vielleicht sogar nötig. Ich bin
aber auch skeptisch, ob das Neue wirklich besser wird.
taz: Vor 13 Jahren war Ihre erste Inszenierung hier auch die
Eröffnungsinszenierung der Intendanz von Shermin Langhoff. Tschechows
„Kirschgarten“ war eine Familiengeschichte aus der russischen Provinz.
Jetzt geht Ihre letzte große Inszenierung in der letzten Spielzeit von
Langhoff mit [2][Katerina Poladjans] „Zukunftsmusik“ wieder in die
russische Provinz. Schließt sich ein Kreis?
Erpulat: Auf eine Art ja. „Der Kirschgarten“ erzählt von Umbruchzeiten,
davon, wie das Alte nicht mehr funktioniert, das Neue sich aber auch noch
nicht durchgesetzt hat. Was das Neue ist, weiß man auch noch nicht so
genau. Es gibt nur das Gefühl, dass es kommen wird und kommen muss. In
„Zukunftsmusik“ reden wir von dem Tag, an dem Tschernenko starb …
taz: … das damalige Staatsoberhaupt der Sowjetunion und unmittelbarer
Vorgänger vom Reformer Gorbatschow …
Erpulat: Im Fernsehen lief „Schwanensee“, wie immer, wenn ein großer
Parteiführer starb. An dem Tag wurde klar, es wird eine Änderung geben. Es
gab auch ein großes Bedürfnis danach. Diese Parallele des Umbruchs sehen
nicht nur wir. Auch Katerina Poladjan zitiert [3][in ihrem Roman] immer
wieder den „Kirschgarten“.
taz: Auch wir befinden uns aktuell in einer geopolitischen
Umbruchsituation. Spielt das eine Rolle in der Inszenierung?
Erpulat: Das schwingt immer mit, ja, im Roman wie in der Inszenierung. Aber
wir beziehen uns nicht explizit darauf. „Zukunftsmusik“ beginnt mit einem
Trauermarsch. Und es soll mit einem Konzert enden. In diesem musikalischen
Bogen bewegen wir uns. Allerdings findet im Roman diese Art Zukunftsmusik
nicht statt, und auch in der Inszenierung nicht. Denn wie mag eine
Zukunftsmusik klingen in einem Land wie Russland, in dem eine 18-Jährige im
Gefängnis landet, nur weil sie auf der Straße ein Lied gesungen hat?
taz: Sie meinen sicher [4][die Sängerin Naoko]. Die sang im Song
„Kooperative Schwanensee“ die Schwäne herbei, die beim Tod von Moskauer
Machthabern im Fernsehen auftauchen und nahm auch ironisch Bezug auf
Wladimir Putins berüchtigte Datschenanlage namens „Osero“ (See). Dafür
wurde sie verhaftet.
Erpulat: Und weil wir das nicht so stehen lassen wollen im Gorki, wird es
nach der Inszenierung noch ein Extra geben, das ich jetzt aber noch nicht
verraten möchte.
taz: Was hat sich zwischen diesen beiden russischen Polen, dem
„Kirschgarten“ 2013 und „Zukunftsmusik“ 2026, durch das postmigrantische
Theater am Gorki in der deutschen Stadtheaterszene, aber auch im Land
generell verändert?
Erpulat: Die Narrative und die Perspektiven haben sich geändert. Und darum
geht es ja. Theater ist eine Identifikationsmaschine. Und die war, obwohl
sie sich selbst als fortschrittlich begriffen hat, auf diesem Auge, also
dem für die Wahrnehmung einer postmigrantischen Wirklichkeit, blind. Es
braucht [5][andere Protagonisten], um diese bis dahin nicht erzählten
Geschichten zu erzählen, Protagonisten auf der Bühne und hinter der Bühne.
Die gab es damals nicht. Vor 400 Jahren hat Shakespeare schon gesagt, dass
wir die Gesellschaft widerspiegeln müssen auf der Bühne. Dieser Spiegel war
in Deutschland ziemlich krumm. Das hat sich geändert. Da war das Gorki ein
Vorreiter.
taz: Als ein Kriterium für eine Öffnung des Theaterbetriebs für
migrantische Künstler und migrantische Perspektiven nannten Sie früher mal,
wie oft nicht nur die Rolle des Franz Moor, also des bösen Helden aus
Schillers „Die Räuber“, sondern auch die des Bruders Karl, des zwar
zerrissenen, aber doch als positiv wahrgenommenen Helden, von Spielern mit
Migrationshintergrund verkörpert wird. Haben Sie verfolgt, wie in den
letzten Jahren der Franz und der Karl Moor besetzt wurden?
Erpulat: Leider nicht. Aber vielleicht sollte ich diese Statistik machen.
Es hat sich aber definitiv einiges getan. Eine halbe Stunde vor unserem
Gespräch bin ich mit meinen Studenten von der Akademie für Darstellende
Kunst Bayern durchs Haus gelaufen und wir sind an der Galerie der
Spielenden, die fest im Ensemble sind oder auch oft als Gäste hier waren,
vorbeigekommen. Und ich habe ihnen gesagt, dass das, was jetzt
selbstverständlich erscheinen mag, was sich in dieser Galerie
widerspiegelt, vor 13 Jahren eine kleine Revolution darstellte.
taz: Sind Sie auch mit diesem Geist, wir machen jetzt eine Revolution, 2013
ans Gorki gekommen? Oder war da auch Angst dabei und Respekt?
Erpulat: Ja, all das. Respekt bei mir. Shermin hatte Mut, einen Mut, den
ich nicht hatte. Ich hatte ihr sogar abgeraten.
taz: Im Ernst? Warum?
Erpulat: Ich habe gesagt, es ist noch nicht so weit. 99 Plätze im Ballhaus
in Kreuzberg – das geht. Aber das hier, auf gar keinen Fall. Mach das
nicht. Meine erste Begegnung im Gorki war auch eher speziell.
taz: Inwiefern?
Erpulat: Ich weiß jetzt nicht, ob ich das erzählen soll. Aber gut: Ich
wollte in den Hintereingang. Und da gab es noch eine Tür, die führte zu den
Bühnenbildern. Ich wurde gleich angeschnauzt von einem Techniker. Ich habe
mich sofort entschuldigt, habe gesagt, ich arbeite hier. „Wer sind Sie
denn?“, fragte er. „Nurkan Erpulat“, sagte ich. Und er darauf: „Kein Mensch
kann das aussprechen.“
taz: Inzwischen dürfte man Ihren Namen aussprechen können, im Haus und
darüber hinaus. Wie haben Sie den Umbruch jetzt erlebt, [6][die Ablösung
von Shermin Langhoff]? Von außen sah es nach schnödem Abservieren aus. Wie
haben Sie es wahrgenommen?
Erpulat: Das geht mir auch so! Es war natürlich in den vergangenen 13
Jahren nicht alles perfekt. Gleichzeitig finde ich die Arbeit revolutionär.
Wir haben ein tolles Programm gemacht und das Gorki nicht nur
deutschlandweit, sondern weltweit ins Spiel gebracht. Im letzten Jahr
hatten wir 95 Prozent Gesamtauslastung. Und da empfinde ich es als
Schnellschuss, dass diese Arbeit jetzt vorbei ist, und dass auch sehr viele
aus dem Haus in ihren Verträgen nicht verlängert werden.
20 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Neukoelln-Roman-im-Gorki-Theater/!5988794
(DIR) [2] /Roman-von-Katerina-Poladjan/!6111033
(DIR) [3] /Neuer-Roman-von-Katerina-Poladjan/!5836895
(DIR) [4] /Musikalischer-Widerstand-in-Russland/!6122877
(DIR) [5] /Fatma-Aydemirs-Dschinns-im-Theater/!5913912
(DIR) [6] /Neue-Intendanz-am-Berliner-Gorki-Theater/!6046829
## AUTOREN
(DIR) Tom Mustroph
## TAGS
(DIR) Maxim Gorki Theater
(DIR) Bühne
(DIR) Regisseur
(DIR) Shermin Langhoff
(DIR) Berlin
(DIR) Maxim Gorki Theater
(DIR) wochentaz
(DIR) Maxim Gorki Theater
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) „East Side Story“ am Gorki-Theater: Jüdische Wut und Verzweiflung
Drei jüdische Frauen kehren nach Deutschland zurück. Kann man hier noch
leben?, fragen Lena Brasch und Juri Sternburg in ihrem „Jewsical“ am
Berliner Maxim-Gorki-Theater.
(DIR) Diverses Fernsehen: Eine total heterogene Truppe
Das deutsche Fernsehen ist diverser geworden. Was hat das Berliner Maxim
Gorki Theaters damit zu tun?
(DIR) „Das rote Haus“ am Maxim Gorki Theater: Die Geschichte ist noch nicht vergangen
Das Stück „Das rote Haus“ am Maxim Gorki Theater blickt auf ein
Arbeiterinnenwohnheim in den 1960er Jahren. Basis sind Romane von Emine
Sevgi Özdamar.