# taz.de -- Politik und Protest in Iran: Gefangen im Netz der Revolutionsgarden
       
       > Sie unterdrücken, töten – und profitieren. Warum die Revolutionsgarden in
       > der Islamischen Republik die Macht haben. Und sogar die Mullahs
       > überdauern könnten.
       
 (IMG) Bild: Die Revolutionsgarden haben einen Staat im Staat errichtet. Ein Mädchen in ihrem „Luftfahrt-Park“ in Teheran, Ende 2025
       
       Mindestens 5.000 Tote, möglicherweise sogar 18.000. [1][Als am 8. und 9.
       Januar zum ersten Mal eine kritische Masse an Menschen] – Beobachter gehen
       von 5 Millionen aus – in ganz Iran zeitgleich auf die Straße ging, sahen
       die Machthaber der Islamischen Republik offenbar keinen anderen Ausweg, als
       den [2][Aufstand durch ein Massaker historischen Ausmaßes zu ersticken].
       
       Eine zentrale Rolle bei der Koordinierung der Massentötungen am eigenen
       Volk spielten – wie auch bei der Unterdrückung vorheriger Protestwellen –
       die Revolutionsgarden. Nach der Islamischen Revolution im Jahr 1979 wurde
       die paramilitärische Truppe vom damaligen Revolutionsführer Ruhollah
       Chomeini mit einem klaren Ziel gegründet. Sie sollte das neue
       Herrschaftssystem und die Ideologie der Islamischen Revolution gegen äußere
       und innere Feinde verteidigen.
       
       Vor allem sollten sie die reguläre Armee (Artesch) in Schach halten, denn
       die war bis zur Revolution dem Schah treu ergeben. Die neue klerikale
       Führung fürchtete die Möglichkeit eines Staatsstreichs und stärkte daher
       die Paramilitärs.
       
       Und 47 Jahre nach der Islamischen Revolution sind die Revolutionsgarden
       nicht nur eine militärische, sondern auch eine wirtschaftliche Supermacht,
       [3][eine Art Staat im Staat] – und sie hätten bei einem Sturz des Regimes
       alles zu verlieren. Erst wenn man begreift, wie weit dieser Einfluss reicht
       und wie fragil er gleichzeitig ist, versteht man ihre Bereitschaft zu einer
       schier grenzenlosen Brutalität.
       
       ## Jeder weiß, was mit „Sepah“ gemeint ist
       
       Auf einer Reise durch Iran im Jahr 2018 – [4][US-Präsident Donald Trump war
       gerade erst aus dem Atomdeal ausgestiegen] – bot mir eine Freundin, damals
       Studentin der Volkswirtschaftslehre, eine Tour der besonderen Art an. Wir
       fuhren mit dem Auto durch Teheran, und sie sagte: „Jetzt zeige ich dir
       alles, was in dieser Stadt den Revolutionsgarden gehört.“
       
       Mit vollem Namen heißen sie zwar Sepah-e Pasdaran-e Enghelab-e Eslami – die
       Armee der Wächter der Islamischen Revolution. Doch die Iraner selbst nennen
       sie einfach nur „Sepah“, die Armee. Jeder weiß, wer gemeint ist. Das deutet
       schon an, wer in Iran eigentlich das Sagen hat.
       
       Es wurde eine lange Tour. An jeder Straßenecke gab es etwas, worauf die
       Teheraner Studentin zeigen konnte: Banken, Restaurantketten,
       Bauunternehmen, Energieunternehmen, Fluggesellschaften. In einer der
       Restaurantketten kehrten wir ein, am Tisch entsperrte sie ihr Handy. Die
       Tour ging weiter. Selbst unter den Apps in ihrem Telefon gehörte ein guter
       Teil Holdings, die den Revolutionsgarden nahestehen.
       
       Auch das nationale Festnetz, die [5][iranischen Internetprovider] und zwei
       Mobilfunkgesellschaften stehen unter ihrer Kontrolle. Das Netzwerk, das die
       Revolutionsgarden durch alle Bereiche der iranischen Wirtschaft und
       Gesellschaft gespannt haben, ist unübersichtlich und allgegenwärtig.
       
       ## Die Revolutionsgarden und die „Achse des Widerstands“
       
       Auch Irans Auslandspolitik ist von den Revolutionsgarden dominiert. Der
       lange Arm der Revolutionsgarden hat über Jahrzehnte den Nahen Osten
       geprägt. Ihnen untersteht unter anderem die Quds-Truppe. Eine Eliteeinheit,
       die im gesamten Nahen Osten ein Netzwerk von Stellvertretermilizen, die
       sogenannte „Achse des Widerstands“, bewaffnet und ausbildet – mit dem
       erklärten Ziel, Israel zu zerstören.
       
       Zu diesen Milizen gehören [6][die Hamas und der Islamische Dschihad im
       Gazastreifen], [7][die Hisbollah im Libanon,] die [8][Houthis im Jemen]
       sowie Milizengruppen in Syrien und im Irak.
       
       Heute sind die Revolutionsgarden zahlenmäßig zwar den regulären
       Streitkräften unterlegen, doch verfügen sie über modernere Waffen und
       deutlich mehr finanzielle Mittel. Zum Vergleich: Während die Armee mit über
       400.000 aktiven Soldaten im Jahr 2022 ein Budget von lediglich 8 Milliarden
       US-Dollar hatte, standen den Revolutionsgarden mit ihren rund 150.000
       Mitgliedern rund 22 Milliarden zur Verfügung – fast das Dreifache.
       
       ## Die Gewalt ist profitabel
       
       Diese Privilegien kommen jedoch nicht von nirgendwo. Sie hängen eng mit
       einer inzwischen jahrzehntelangen Geschichte der Niederschlagung von
       Protestbewegungen gegen das Mullah-Regime zusammen. Zwar konsolidierten sie
       schon 1980, als der irakische Diktator Saddam Hussein in den Iran
       einmarschierte, ihre Stellung innerhalb des neuen Systems. Doch den
       Höhepunkt der Macht erreichten sie erst, als sie die Islamische Republik
       nicht nur gegen äußere, sondern gegen innere Feinde verteidigen mussten.
       
       Ob bei den Studentenprotesten 1999, der sogenannten „grünen Bewegung“ 2009
       oder [9][den massiven Protesten 2019 und 2022]: Mit ihrem eigenen
       Geheimdienst und ihrer teils stark ideologisierten Freiwilligenmiliz,
       genannt „Basij“, lassen die Revolutionsgarden Dissidenten mit
       unerbittlicher Härte verfolgen. In Iran selbst sind die Revolutionsgarden
       deshalb weitgehend unbeliebt – oder gar zutiefst verhasst.
       
       Die Gewaltbereitschaft ist aber nicht nur ideologisch motiviert. Sie ist
       auch höchst profitabel.
       
       Um den Schutz der Revolutionsgarden zu genießen, mussten die regierenden
       Kleriker einen unausgesprochenen Teufelspakt mit ihnen eingehen: Im
       Gegenzug bekamen die Paramilitärs Geldmittel und Privilegien, die mit jeder
       unterdrückten Protestbewegung umfassender wurden. Sie dürfen heute
       illegalen Handel betreiben, bekommen lukrative Staatsaufträge – und zahlen
       in der Regel weder Steuern noch Zollgebühren.
       
       ## Kommt der Putsch?
       
       Schon seit den 10er Jahren beschreiben namhafte [10][Iran-Analysten wie
       Karim Sajadpour] eine schleichende Transformation der Islamischen Republik
       zu einer kleptokratischen Militärdiktatur. Manche Beobachter sehen sogar
       das Szenario einer offiziellen Machtübernahme – möglicherweise durch einen
       Putsch – nach dem Tod des 86-jährigen Obersten Führers Ali Chamenei als
       wahrscheinlich. Ein demokratischer Iran wäre dann bis auf Weiteres
       verhindert.
       
       In diesem Szenario bleibt jedoch fraglich, woher die Paramilitärs die
       religiöse Legitimation beziehen sollen, die die verbliebenen Anhänger der
       Islamischen Republik verlangen.
       
       Und das ist genau das Dilemma, in dem sich die Revolutionswächter heute
       befinden: Um das Land effizienter zu regieren und die Wut der Bevölkerung
       zu beschwichtigen, müssten sie sich der inkompetenten klerikalen Führung
       entledigen. Doch gleichzeitig sind sie auf die Unterstützung eines harten
       Kerns von schiitisch-radikalen Anhängern der Mullah-Theokratie – vermutlich
       15 Prozent der iranischen Bevölkerung – angewiesen.
       
       ## Was bleibt nach den militärischen Demütigungen?
       
       Außenpolitisch haben die Revolutionsgarden durch den Fall von Assad und die
       Demütigung der Hisbollah einen großen Teil ihrer Drohkulisse eingebüßt. Ihr
       Ansehen ist, auch unter Regimemitgliedern, während des 12-Tage-Krieges
       durch die Zerstörung der Nuklearanlagen und die Unfähigkeit, den iranischen
       Luftraum zu verteidigen, stark angekratzt.
       
       [11][Die EU hätte nun die Möglichkeit, den Einfluss durch die Listung als
       Terrororganisation weiter einzuschränken]. Ein solcher Schritt würde die
       Revolutionswächter [12][als diplomatischen Ansprechpartner ausschließen] –
       und damit auch eine potenzielle Machtübernahme im Land weiter erschweren.
       
       Nur noch im Inland orchestrieren die Revolutionsgarden noch immer einen
       hocheffizienten Polizeistaat und sind weiter unzertrennlich mit der
       iranischen Wirtschaft verflochten. Doch solange ihr Einfluss – so umfassend
       er auch ist – an das Schicksal der wankenden Mullah-Herrschaft gebunden
       ist, bleibt die Position der Revolutionsgarden fragil.
       
       Sie wissen, dass sie im Falle eines Sturzes der Mullahs alles verlieren
       könnten, möglicherweise sogar ihr Leben. Das Ausmaß der Gewalt, mit der sie
       gegen ihr eigenes Volk vorgehen, hat daher längst etwas Existenzielles:
       „Entweder wir töten sie oder sie töten uns.“
       
       25 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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