# taz.de -- Was bei den Protesten in Iran geschah: „Überall war Blut, Blut über Blut. Die Straßen voller Blut“
       
       > Seit bald drei Wochen ist das Netz abgeschaltet. In einem kurzen Moment
       > der Verbindung berichtet ein junger Teheraner der taz von seinen
       > Erlebnissen am 8. und 9. Januar.
       
 (IMG) Bild: Brandspuren nach den Zusammenstößen. Am 21. Januar in Teheran aufgenommen
       
       „Mahtab, Liebling, heute Nacht sind es neun Nächte, seit ich das letzte Mal
       mit dir gesprochen habe. Mein Körper, mein Herz, meine Seele, mein ganzes
       Wesen ist müde. Ich vermisse dich so sehr. Wir sind alle orientierungslos.
       Es ist, als wären wir zwischen Himmel und Erde gefangen. Wir haben einen
       riesigen Kloß im Hals. Es ist, als würde uns jemand an der Kehle packen,
       sodass wir nicht schreien können. Wann wir wieder schreien können, weiß
       niemand.“
       
       Diese Nachricht bekomme ich aus Iran. Vor ein paar Tagen tippte sie die
       Absenderin in ihr Smartphone. Und nun, in einem kurzen Moment der
       Verbindung zum Netz, wurde sie versendet und erreicht mich.
       
       Seit bald drei Wochen unterbindet die Islamische Republik den
       Internetzugang. Auch Telefonleitungen können keine Verbindungen außerhalb
       Irans herstellen. Das ist eine der wiederkehrenden Methoden der
       Unterdrückung durch die Islamische Republik. Sie schalten alle
       Kommunikationskanäle ab, [1][damit sie morden und Blut vergießen können],
       ohne dass Bilder davon oder Nachrichten darüber nach außen dringen.
       
       Mittlerweile sind laut Berichten – etwa von Iran International – mindestens
       12.000 Menschen getötet worden. Und Mai Sato, die
       [2][Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für Menschenrechte im
       Iran, erklärte], dass die Möglichkeit von Verbrechen gegen die
       Menschlichkeit in Iran untersucht werden muss.
       
       ## Für einige Minuten online
       
       Doch während die Machthaber das Internet in der Vergangenheit völlig kappen
       konnten, gibt es heute Starlink. Das spielt eine wichtige Rolle dabei, die
       Stimme Irans und die Verbrechen gegen seine Bevölkerung trotzdem zu
       verbreiten. Vielen Bürgern war es vor den derzeitigen Ereignissen gelungen,
       sich zu exorbitanten Kosten Starlink-Modems zu beschaffen. Sie können damit
       anonym die schrecklichen, blutigen Bilder von den Straßen des Landes an
       Medien außerhalb weitergeben.
       
       Am zwölften Tag [3][der landesweiten Internetabschaltung] erreichten mich
       auf einmal viele Nachrichten aus Iran. Auf einmal gab es ein kleines
       Fenster der Konnektivität. Ohne eine klare Erklärung dafür, wie genau das
       möglich war. Mithilfe verschiedener Proxys und VPNs umgingen einige
       Menschen das inländische Netzwerk und verbanden sich mit der Außenwelt. Und
       für einen Moment füllte sich so Telegram mit einer Flut schmerzhafter
       Nachrichten.
       
       Viele schickten Namen und Fotos ihrer getöteten Angehörigen. In der
       Hoffnung, dass ihre Namen dokumentiert und bewahrt würden. Andere schickten
       solche Nachrichten: „Wir sterben hier“, „Seid unsere Stimme“, „Ihr habt
       keine Ahnung, was wir gesehen haben.“
       
       Viele fragten mich: [4][„Wann wird Trump angreifen?“] Eine Frage, die aus
       einer tiefen Verzweiflung kommt – von Menschen, die keinen anderen Weg zur
       „Freiheit“ mehr sehen als einen Militärschlag der USA. Ein Satz ist zu
       einem Code unter vielen Iranerinnen und Iranern geworden: „Unsere Augen
       sind auf den Himmel gerichtet.“
       
       ## Nach dem Aufruf von Reza Pahlavi ging es los
       
       Was sich während der dunklen Tage im Iran abspielte, haben einige
       Iranerinnen und Iraner während dieser kurzen Phase der Verbindung der taz
       erzählt.
       
       Amirhossein – ein Pseudonym, um den jungen Mann zu schützen – ist
       IT-Ingenieur und lebt in der Hauptstadt Teheran. Er schickt
       Sprachnachrichten: „Das ist seit dem ersten Tag, an dem das Internet
       abgeschaltet wurde, passiert: Nach dem [5][Aufruf von Reza Pahlavi] am
       Donnerstag (8. Januar, Anm. d. Red.) an die Iranerinnen und Iraner, [6][an
       diesem Tag um 20 Uhr abends zu protestieren,] waren wir voller Hoffnung.
       Als es dann abends so weit war, strömten plötzlich Menschen in dunklen,
       meist schwarzen Kleidern auf die Straßen. Als ich die Menschenmenge sah,
       war ich wirklich schockiert und beeindruckt. Ich hatte noch nie eine solche
       Menschenmasse in Teheran gesehen.“
       
       Er fährt fort: „In den ersten Stunden schöpften die Menschen allein durch
       die Masse enormen Mut. Im Gegensatz zu allen früheren Protesten, bei denen
       die Angst vor den Sicherheitskräften und ihrer Unterdrückung groß war,
       konnte diesmal die schiere Kraft der Menge diese Unterdrücker
       zurückdrängen. Mehr als zwei Stunden lang waren die Sicherheitskräfte nicht
       in der Lage, sich der Menge der Protestierenden zu nähern“.
       
       Doch dann begann die Gewalt, sagt er: „Also änderten [7][die
       Sicherheitskräfte] ihre Strategie und stellten sich an den Punkten auf, wo
       sich die Menschenmassen versammelten. Um zu verhindern, dass sie sich zu
       einem Zug zusammenschlossen. Dabei griffen sie mit scharfer Munition,
       Schrotflinten, Blendgranaten und Tränengas an. Sie zwangen die Menschen so,
       sich zu zerstreuen“.
       
       ## „Sie hatten keine Skrupel, zu töten“
       
       Amirhosseins Stimme zittert, als er fortfährt: „Ich sah blutüberströmte
       Leichen auf den Straßen liegen. Andere, die angeschossen worden waren und
       nicht mehr rennen oder laufen konnten, zogen sich mit den Händen über den
       Boden. Während ich rannte, sah ich bewaffnete Männer, die sich ruhig den
       auf dem Asphalt liegenden Verwundeten näherten und ihnen einen letzten
       Schuss in den Kopf gaben“.
       
       Trotzdem versuchten manche Fliehende, ihren verletzten Mitmenschen zu
       helfen: „Wenn sie jemanden auf der Straße liegen sahen, bückten sie sich
       und hoben ihn hoch, unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Damit er überleben
       würde“.
       
       An dieser Stelle bricht seine Sprachnachricht mitten im Satz ab. Offenbar
       ist seine Internetverbindung wieder unterbrochen worden.
       
       Einige Minuten später kommen dann aber weitere Nachrichten: „Am Freitag
       waren die Demonstrationen so groß wie am Donnerstag. Aber das Verhalten der
       Sicherheitskräfte – für uns die Unterdrückungskräfte – war aggressiver
       geworden. Sie setzten Drohnen ein, um Menschenaufläufe zu identifizieren.
       Scharfschützen wurden auf Wohnhäusern und privaten Gebäuden positioniert.
       Sie töteten viele mit einem einzigen Schuss in den Nacken, das Herz oder
       den Kopf. Anderorts hatten sie Maschinengewehre montiert und eröffneten
       plötzlich das Feuer“.
       
       Er betont: „Sie hatten keine Skrupel, zu töten. Sie waren mit der Absicht
       gekommen, dass sie alle töten würden, bis die Menschenmengen verschwunden
       waren.“
       
       ## Hoffen auf einen Militärschlag der USA
       
       Und fährt fort: „Solche Szenen sieht man [8][normalerweise nur mitten im
       Krieg]. Überall war Blut, Blut über Blut. Die Straßen waren voller Blut,
       Verwundeter und Leichen. Verwundete Menschen flehten uns an, sie
       mitzunehmen. Leichen lagen auf dem Asphalt, namenlos und unbeachtet. Die
       beiden großen Tage der Proteste gingen damit zu Ende. Am Samstag und
       Sonntag roch Teheran nach Tod. Alle Kommunikationswege waren unterbrochen.
       Wir konnten weder unsere Familien noch unsere Freunde erreichen“.
       
       „Die Behörden unternahmen bewusst keine Anstrengungen, die Straßen zu
       reinigen. Damit die Menschen das Blut sehen konnten. Damit es als Warnung
       diente, dass sie nie wieder zu Protesten auf die Straße gehen sollten. Als
       Lehre.“
       
       Und sagt zum Schluss: „Uns bleibt nur noch eines: die Hoffnung, dass ein
       Militärschlag kommt. Auf US-Präsident Trump und seine Verbündeten. Die Welt
       ist dunkel geworden. Wir haben das Ende unseres Weges gesehen. Und dennoch
       warten noch dunklere Tage auf uns.“
       
       Aus dem Englischen: Lisa Schneider 
       
       Die Autorin war 2024 Stipendiatin des [9][Auszeit-Programms Rest and
       Resilience], das die taz Panter Stiftung jährlich ausrichtet.
       
       23 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Deutsche-Iran-Politik/!6147755
 (DIR) [2] https://www.bbc.com/persian/articles/c89q8pk7eplo
 (DIR) [3] /Massenproteste-im-Iran/!6145455
 (DIR) [4] https://www.lemonde.fr/en/international/article/2026/01/23/trump-says-us-still-watching-iran-very-closely-fleet-sailing-to-region_6749716_4.html
 (DIR) [5] /Proteste-in-Iran-und-Reza-Pahlavi/!6142336
 (DIR) [6] https://www.iranintl.com/en/202601088757
 (DIR) [7] /Proteste-in-Iran/!6148029
 (DIR) [8] /Luftangriffe-auf-Libanons-Hauptstadt-/!6039379
 (DIR) [9] /taz-panter-stiftung/das-refugium-stipendium/!v=07336dde-9a7f-42d5-af22-36381af0d66a/
       
       ## AUTOREN
       
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