# taz.de -- Islamwissenschaftlerin über Iran: „Man kann von bürgerkriegsähnlichen Zuständen sprechen“
       
       > Das Problem für die iranische Protestbewegung ist, dass die Opposition
       > nicht geeint ist, sagt die Kieler Professorin Anja Pistor-Hatam.
       
 (IMG) Bild: Kein friedlicher Protest mehr: Demonstrant:innen Anfang Januar im Iran
       
       taz: Frau Pistor-Hatam, hat sich die Frage der Menschenrechte und
       Menschenwürde in der [1][Islamischen Republik Iran] in den letzten Wochen
       für Sie grundsätzlich geändert? 
       
       Anja Pistor-Hatam: Nein, denn daran lässt sich erklären, mit welchen
       Argumenten die geistlichen Führer dieses Systems ihre Position verteidigen
       und wie sie begründen, dass sie Menschen, die sich gegen sie auflehnen,
       auch töten dürfen. Nach der Auffassung hochrangiger schiitischer
       Rechtsgelehrter, die das System unterstützen, kann man seine Würde erwerben
       oder verlieren. Wenn man ein frommer Mensch ist und im Staat ein
       rechtschaffenes Leben führt, hat man eine Würde. Wenn man aber gegen diesen
       Staat kämpft, verliert man seine Würde. Dies widerspricht eindeutig der
       Auffassung, die die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von
       Menschenwürde vertritt.
       
       taz: Wie erklären Sie sich [2][die extreme Gewalt, mit der jetzt gegen
       Demonstrant*innen vorgegangen wurde]? 
       
       Pistor-Hatam: Sie hat eine neue Qualität erreicht, weil das Regime mit dem
       Rücken zur Wand steht. Aber seit sich die Islamische Republik formiert hat,
       gab es Massenhinrichtungen politischer Gegner. Und bei allen
       Demonstrationen der letzten Jahre und Jahrzehnte hat es Verletzte und Tote
       gegeben. Aber das Ausmaß der Gewalt, wie sie jetzt vorherrscht, hatten sich
       viele Menschen so nicht vorstellen können. Dies erinnert an die
       unglaubliche Brutalität und das Verschwindenlassen vieler Menschen während
       des Tiananmen-Massakers 1989 in Peking.
       
       taz: Aber waren dort die Bedingungen nicht schon darum ganz anders, weil
       die Mehrzahl der Bevölkerung in China nicht auf der Seite der Demonstranten
       stand? 
       
       Pistor-Hatam: Ja, das ist richtig. Der Vorteil in Iran war jetzt, dass
       viele Menschen aus allen Bevölkerungsschichten auf die Straße gegangen
       sind. Also nicht nur Studierende, Frauen oder die Händler in den Basaren.
       
       taz: Macht das nicht Hoffnung? 
       
       Pistor-Hatam: Ja, aber der Nachteil ist, dass es weder im Land noch
       außerhalb Irans eine organisierte Opposition gibt. Jetzt richten sich viele
       Augen auf Reza Pahlavi. Seine Leute versuchen seine Rückkehr sehr zu
       forcieren, aber das ist in meinen Augen keine wirkliche Lösung. Das Problem
       ist auch, dass Persönlichkeiten wie die Nobelpreisträgerin Narges Mohammadi
       im Gefängnis sitzen und jetzt auch noch von den Anhängern Reza Pahlavis
       diskreditiert werden. Es gibt offenbar niemanden, der einen Großteil der
       Bevölkerung hinter sich bringen und ihr eine Vision für die Zukunft
       anbieten kann.
       
       taz: Es gibt also im iranischen Widerstand eine tiefgehende Spaltung? 
       
       Pistor-Hatam: Die gab es schon von Anfang an. Meines Wissens hat es in der
       ganzen Zeit seit Gründung der Islamischen Republik kein Bündnis von
       Oppositionsgruppen gegeben. Aber wenn das fehlt, können sie das System
       nicht wirkungsvoll bekämpfen.
       
       taz: In den Medien wird ja jetzt auch schon [3][von der Niederschlagung der
       Bewegung] gesprochen. 
       
       Pistor-Hatam: Im Moment ist alles offen, aber der wesentliche Punkt ist,
       dass die maßlose, unbarmherzige Brutalität des Systems zeigt, dass es
       keinen Zentimeter zurückweichen wird. Was haben die Menschen jetzt für eine
       Möglichkeit? Sie können resignieren, weil sie nicht sterben wollen. Aber es
       gibt auch viele junge Leute, die sagen, dann sterbe ich eben, ich habe
       sowieso kein Leben in diesem Land. Es gäbe natürlich auch die Möglichkeit,
       dass die Leute einfach zu Hause bleiben, nicht zur Arbeit gehen und
       streiken. Und möglicherweise ließe sich das System mit Waffengewalt
       beseitigen. Aber dafür bräuchte es eine massive Bewaffnung der Bevölkerung,
       und das würde den Bürgerkrieg dramatisch eskalieren lassen.
       
       taz: Für Sie herrscht also schon ein Bürgerkrieg im Iran? 
       
       Pistor-Hatam: Ja. Das Regime führt einen Krieg gegen seine eigene
       Bevölkerung. Und es gibt Videoaufnahmen von Menschen, die mit ihren Autos
       in Gruppen von Revolutionsgardisten gefahren sind. Wenn Moscheen und
       Polizeistationen angegriffen werden, dann ist das auch Gewalt vonseiten der
       Demonstranten und kein friedlicher Protest mehr. Insofern kann man meines
       Erachtens von zumindest bürgerkriegsähnlichen Zuständen sprechen.
       
       26 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schwerpunkt-Iran/!t5007776
 (DIR) [2] /Was-bei-den-Protesten-in-Iran-geschah/!6148087
 (DIR) [3] /Internetsperre-in-Iran/!6148431
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Wilfried Hippen
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Iranische Revolution
 (DIR) Iranische Revolutionsgarden
 (DIR) Proteste in Iran
 (DIR) Protest
 (DIR) Schwerpunkt Iran
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Schwerpunkt Iran
 (DIR) Proteste in Iran
 (DIR) Schwerpunkt Iran
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Politik und Protest in Iran: Gefangen im Netz der Revolutionsgarden
       
       Sie unterdrücken, töten – und profitieren. Warum die Revolutionsgarden in
       der Islamischen Republik die Macht haben. Und sogar die Mullahs überdauern
       könnten.
       
 (DIR) Protestwelle im Iran: Aktivisten legen neue Opferzahlen vor
       
       Das Menschenrechtsnetzwerk HRANA meldet, dass deutlich mehr Menschen ums
       Leben gekommen seien, als die Regierung in Teheran bisher angegeben hat. In
       Düsseldorf werden Tausende zu Anti-Mullah-Regime-Demos erwartet.
       
 (DIR) Was bei den Protesten in Iran geschah: „Überall war Blut, Blut über Blut. Die Straßen voller Blut“
       
       Seit bald drei Wochen ist das Netz abgeschaltet. In einem kurzen Moment der
       Verbindung berichtet ein junger Teheraner der taz von seinen Erlebnissen am
       8. und 9. Januar.