# taz.de -- Kunst in Krisen- und Kriegszeiten: Die Kultur bleibt wehrhaft
       
       > Autoritäre, prorussische Regime schränken Kultur zunehmend ein. Wie die
       > Kunst sich dagegen wehren kann, damit beschäftigte sich ein Symposium in
       > München.
       
 (IMG) Bild: Im Theaterstück "Spy Girls" spionieren Schauspieler:innen russische Soldaten mit Fake-Datingprofilen aus
       
       Wars“ lautete der Titel der Konferenz in München, an der ich Ende Januar
       teilnahm. Künstler:innen, Aktivist:innen und Forscher:innen aus Mittel- und
       Osteuropa kamen im HochX Theater zusammen, um über Kultur in einer düsteren
       Gegenwart und noch düstereren Zukunft zu sprechen. Schließlich herrscht
       seit vier Jahren Krieg in der Ukraine – es ist der größte in Europa seit
       dem Zweiten Weltkrieg, und er droht sich auszuweiten. Zugleich sind
       autoritäre, prorussische Regime auf dem Vormarsch, die eine freie Kultur
       verachten und ihr regelrecht den Krieg erklärt haben.
       
       In der Slowakei bekleidet seit Herbst 2023 die Verschwörungstheoretikerin
       Martina Šimkovičová den Posten der Kulturministerin. Sie behauptete einmal,
       LGBTQ-Personen seien schuld am Aussterben der „weißen Rasse“. Laut ihrem
       berühmten tautologischen Ausspruch soll die slowakische Kultur eine
       „slowakische“ sein – „und keine andere“. Deshalb schloss Šimkovičová wenige
       Monate nach Amtsantritt die Kunsthalle Bratislava, welche die für sie
       unliebsame zeitgenössische Kunst ausstellte.
       
       [1][Die Agenda der Kulturministerin] führte zur Formierung eines
       [2][breiten zivilgesellschaftlichen Widerstands], doch die Destruktion ließ
       sich nicht aufhalten. Innerhalb kürzester Zeit hatte Šimkovičová den
       öffentlich-rechtlichen Rundfunk in einen Staatsfunk umgebaut, kompetente
       Direktor:innen staatlicher Kulturinstitutionen durch loyale Ideologen
       ersetzt und die Fördermittelvergabe unter ihre Kontrolle gebracht. Die AfD
       dürfte hierzulande Ähnliches im Schilde führen. Die Ultrarechten sind gut
       vernetzt.
       
       ## Künstler:innen an der Front
       
       Im Nachbarland der Slowakei Ukraine sind derweil viele Künstler:innen an
       der Front, um ihr Leben in Demokratie und Selbstbestimmung zu verteidigen.
       Und wer nicht selbst dort ist, hilft seinen kämpfenden Freund:innen oder
       Familienmitgliedern. Die Künstlerin Sofiia Kozlova fertigt seit den ersten
       Tagen der Großinvasion Tarnnetze. Wichtig ist dabei, farblich exakt auf die
       Umgebung abgestimmte Textilien auszuwählen, damit die Tarnung nicht
       auffliegt.
       
       In ihrer Kunst, etwa in der Arbeit „Horizon Lines“ aus dem vergangenen
       Jahr, reflektiert Kozlova diese Tätigkeit. So verbindet sie ein Foto der
       verdorrten blassgelben Sonnenblumenfelder aus der Region Cherson mit einem
       Foto von Jutegarn, das sie als Material für das entsprechende Tarnnetz
       auswählte. In ihrer Fotocollage verschwimmen Landschafts- und
       Stoffhorizonte. Der Soldat Vladyslav Kalan, der Kozlova aus der vom Bergbau
       geprägten Region Donezk die Aufnahme einer eigentümlich schönen Bergehalde
       zugesandt hatte, ist im vergangenen Sommer gefallen. Er wurde nur 24 Jahre
       alt.
       
       ## Theater mit Spionagetechnik
       
       Für erregte Diskussionen sorgte das Projekt der polnischen
       Theaterregisseurin Magda Szpecht. [3][Ihr Stück „Spy Girls“] erarbeitete
       sie im Auftrag des Theaters in der Stadt Narva an der Grenze zu Russland
       und kooperierte dabei mit dem estnischen Geheimdienst. Zusammen mit drei
       anonymen Schauspieler:innen erstellte die Regisseurin Fake-Datingprofile,
       suchte gezielt nach russischen Soldaten, bemühte sich, eine vertrauensvolle
       Beziehung zu ihnen aufzubauen, um ihnen relevante Informationen zu
       entlocken. „Es war leicht, die Männer auszutricksen, denn sie wollten alle
       angeben“, erzählte Szpecht während ihres Vortrags auf der Konferenz. Auf
       der Theaterbühne präsentieren die Schauspieler:innen in einer Performance
       ihre Ausbeute inklusive intimer Textnachrichten und Dickpics, tätigen aber
       auch einen Livevideocall, der jedes Mal unterschiedlich glückt.
       
       Nach Szpechts Präsentation sagte mir eine sichtlich schockierte deutsche
       Zuhörerin beim Kaffee, sie könne nicht automatisch jeden russischen
       Soldaten als Feind sehen. Sie fand es ungerecht, dass Szpecht sie mit ihrer
       Spionagekunst ausbeute.
       
       Nun, die bewegt sich freilich in einer ethischen Grauzone. Doch bin ich mir
       sicher, dass die Reaktion der Zuhörerin ganz anders ausgefallen wäre, würde
       sie oder würden ihre Liebsten unter dem ständigen Terror aus der Luft leben
       müssen. Oder würde sie auch nur aus einem der östlich von Deutschland
       gelegenen Länder kommen, die eine baldige russische Invasion fürchten. Denn
       es ist nie Putin, der die Waffen bedient und der Kriegsverbrechen begeht.
       Es ist immer nur ein gewöhnlicher russischer Soldat.
       
       8 Feb 2026
       
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