# taz.de -- „Elektra“ am Volkstheater München: Der Regisseur klagt sich selbst an
> Der Atriden-Clan ist heute börsennotiert: Am Münchner Volkstheater
> schließen Lorenz Nolting und Sofie Boiten Sophokles' Tragödie „Elektra“
> mit der NS-Vergangenheit von BMW kurz.
(IMG) Bild: Marlene Markt, Liv Stapelfeldt und Steffen Link in „Elektra – 750 PS Vergangenheitsüberwälti-gung“
Sie schleifen einen Mann im weißen T-Shirt und Jeans auf die Bühne. Er ist
geknebelt, hat einen Sack auf dem Kopf. Das Gesicht seines Entführers ist
unter einer Klarsichtfolie zu einer Fratze verzerrt. Ein zweiter Mann
erhebt ein Schwert über ihm. Jeden Augenblick könnte es herunterrasseln.
Sie verhören ihn: „Was hat deine Familie in der NS-Zeit gemacht?“
Aber von Anfang an. Elektra muss ihre Mutter töten. Schließlich hat diese
ihren geliebten Vater ermordet und Schuld auf die Familie geladen. Elektra
(Marlene Markt) ist zerrissen von Leid und Wut, denn sie liebt ihre Mutter
über alles und soll im Auftrag Apollons doch Blutrache üben. So die
Handlung in Sophokles' Tragödie „Elektra“ über das Geschlecht der Atriden.
Der moderne Atriden-Clan heißt BMW. Am Volkstheater wird der Mythos des
Muttermordes zur Chiffre vererbter Schuld. Elektras Mutter erscheint nun
als [1][Susanne Klatten (Liv Stapelfeldt), reichste Frau Deutschlands],
Erbin eines Vermögens, das nicht zuletzt auf der systematischen Ausbeutung
von NS-Zwangsarbeitern gründet. Im Dritten Reich bauten die Quandts ihr
Industrieimperium aus.
BMW produzierte Waffen, Munition und Batterien für die Wehrmacht. Belangt
wurden ihre Vorfahren dafür nie. Zu wichtig war der Konzern. Zu erfolgreich
pflegte die Familie das Bild der verantwortungsvollen Unternehmer, die
stoisch ihre Pflicht taten. Und mit ihm die Legende der apolitischen
Arbeit.
Mit ihrer geerbten Schuld konfrontiert, zeigt sich die Klatten-Figur ihrer
Tochter gegenüber unbeeindruckt. Sie kennt die Geschichte des Konzerns.
Schon längst ließ sie eine Studie zur Aufarbeitung veröffentlichen,
spendete sie 5 Millionen Euro. Außerdem: Wie stünde es denn mit den Krupps
oder Oetkers? Mit Firmen wie Siemens? Mit den Groß- und Urgroßeltern
anderer? Ob die auch so viel gespendet haben? Sicher nicht.
## Stimmt’s, Papa?
Zurück zum Mann im weißen T-Shirt. Es ist [2][Lorenz Nolting, der
Regisseur]. Er lässt sich durch seine Figuren selbst anklagen und beichtet
auf offener Bühne. „Was hat deine Familie in der NS-Zeit gemacht?“ Zunächst
spricht er schrill und hastig, noch in einer Art Spielhaltung. Dann
entweicht die Bühnenfigur aus seinem Körper. Seine Augen finden irgendwo
einen Fixpunkt.
„Meine Familie hat eigentlich das Gleiche gemacht wie die Quandts“, sagt er
in einen verstummten Saal. Sie habe Zwangsarbeiter auf ihrem Bauernhof
beschäftigt. Drei russische Kriegsgefangene. „Stimmt’s, Papa?“ – „Ja“,
antwortet eine Stimme aus dem Publikum. Der Regisseur, der sich hier selbst
anklagt, macht den entscheidenden gedanklichen Schritt. Er trennt die
Schuldfrage nicht mehr sauber von sich. Er ist Elektra, er ist aber auch
Susanne Klatten.
Die Selbstanklage ist der stärkste von vielen Einfällen der Inszenierung.
„Elektra“ fährt mit Vollgas von Sophokles zur Quandt-Familie, überrollt den
Regisseur und steuert direkt auf das Publikum zu. Dieses bleibt fast
durchgehend ausgeleuchtet, sodass sich die Bühne regelrecht in den Saal zu
strecken scheint. Und auch die Figuren drängt es in die Realität: Elektra
verlässt das Theatergebäude, steigt in ein Auto und fährt Richtung
BMW-Zentrale.
Nolting und Boiten gelingt eine kluge und zunehmend radikale Fortschreibung
des antiken Schuldmotivs in die deutsche Gegenwart. Allerdings liegt in
ihrer konzeptuellen Radikalität auch eine Schwäche. Mit jeder neuen Idee
verliert sich die konkrete dramatische Handlung. So kommt die freie
Adaption nach Sophokles allmählich von der Spur des dramatischen Konflikts
ab. Dass man sich trotzdem mitreißen lässt, liegt auch am Ensemble, das den
Abend mit vollem Körpereinsatz trägt.
1 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Luca Klander
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