# taz.de -- Briefe an politische Gefangene: „Das Wertvollste, was ein Häftling besitzt“
       
       > Gefangene aus Russland und Belarus erzählen, wie Post sie schützt. Wie
       > man selbst auf dem Papier solidarisch werden und worüber man schreiben
       > kann.
       
 (IMG) Bild: Der Deutsch-Russe Kevin Lick im August 2024 in Bonn
       
       „Natürlich sind Briefe eine emotionale Stütze. Sie haben mir Kraft
       gegeben“, antwortet der 20-jährige Kevin Lick auf die Frage der taz,
       welchen Stellenwert Zuschriften während seiner anderthalbjährigen Haftzeit
       in Russland bei ihm gehabt hätten. Außerdem würden Briefe auch Schutz
       bedeuten, so Lick – erhalte ein Gefangener viel Post, signalisiere das dem
       Anstaltspersonal, dass Menschen sein Schicksal verfolgen.
       
       Der [1][deutsch-russische Doppelstaatler Kevin Lick] wurde im Februar 2023
       festgenommen und im Dezember desselben Jahres wegen Landesverrats zu vier
       Jahren Haft verurteilt. Lick hatte im südrussischen Maikop, wo er damals
       lebte, Fotos einer Militäreinheit gemacht und versucht, sie an die deutsche
       Botschaft in Moskau weiterzuleiten. Später schrieb Lick in seinem
       Telegramkanal, er habe damit zur Aufklärung russischer Kriegsverbrechen
       beitragen wollen. Am 1. August 2024 kam er bei einem großen
       Gefangenenaustausch frei und lebt nun in Würzburg, wo er die 12. Klasse
       eines Gymnasiums besucht.
       
       Menschen, die Lick persönlich nicht kannte, schickten ihm zahlreiche Briefe
       und Postkarten, sowohl in herkömmlicher Papierform als auch elektronisch,
       wofür es spezielle Dienste gibt. „Mir schrieben verschiedene Personen aus
       ganz Russland. Es gab auch Briefe aus dem Ausland – aus Salt Lake City, aus
       München, aus Paris“, schildert Lick. Doch auch die Zuschriften aus dem
       Ausland seien immer auf Russisch abgefasst gewesen, denn die
       Gefängniszensur lässt keine Fremdsprachen zu. Einmal habe er zwei Wochen
       lang überhaupt keine Briefe erhalten, erzählt er. „Weil die
       Gefängnisleitung Druck auf mich ausüben wollte.“
       
       Lick zählt zu den jüngsten „politzeki“, zu Deutsch „politischen
       Gefangenen“. Sie stellen sich mit ihren Worten oder Taten gegen die Regime
       in Russland und Belarus. Üblicherweise erhalten sie drakonische
       Haftstrafen. Dass Licks vergleichsweise mild ausfiel, war seinem jungen
       Alter geschuldet. Bei der Menschenrechtsorganisation Memorial sind
       [2][derzeit 1.307 politische Gefangene in Russland] gelistet. [3][Die NGO
       Viasna schreibt in Belarus aktuell 1.145 Personen diesen Status zu].
       
       ## Starkes Instrument der Unterstützung
       
       Bis vor Kurzem war der 25-jährige anarchistische Aktivist Akihiro
       Gaevsky-Khanada einer von ihnen. „Wenn man einen Brief von einem
       unbekannten Menschen aus einem anderen Land erhält, er ausführlich von
       seinem Leben erzählt, Fotos beilegt und sich sichtbar große Mühe gegeben
       hat, freut einen das sehr“, schildert er der taz im Gespräch. „Das ist
       wirklich ein starkes Instrument der Unterstützung – Briefe sind das
       Wertvollste, was ein Häftling besitzt.“
       
       Gaevsky-Khanada, der neben der belarussischen auch die japanische
       Staatsangehörigkeit besitzt, wurde 2020 in Minsk kurz nach Beginn der
       Proteste gegen die gefälschten Präsidentschaftswahlen verhaftet und kam im
       Juni 2025 zusammen mit 13 anderen politischen Gefangenen frei. Er wurde aus
       Belarus nach Litauen deportiert und studiert jetzt an der Universität in
       Vilnius.
       
       Vor seiner Verhaftung habe er selbst Briefe an politische Gefangene
       geschickt und oft nicht gewusst, was er schreiben soll. Jetzt sagt er:
       „Auch alltägliche Kleinigkeiten sind sehr interessant. Den Menschen fehlt
       es dort sehr an visueller Abwechslung, sie brauchen Fotos, Ausdrucke,
       Bilder.“ Das sei so wichtig, weil es in den belarussischen Haftanstalten
       keine Farben gebe, alles sei grau und anonym. Die Zuschriften seien nicht
       nur die einzige Möglichkeit, Fotos zu erhalten, sondern auch überhaupt zu
       erfahren, was in der Welt vor sich geht. „Jeder Brief bedeutet Freude.
       Nicht nur für einen selbst, sondern auch für die anderen.“ Man zeige die
       Post nämlich auch seinen Mithäftlingen.
       
       Mittlerweile sei der Briefverkehr leider stark eingeschränkt, es käme oft
       nur noch Post von nahen Verwandten zu den Häftlingen durch, so
       Gaevsky-Khanada, doch auch da gebe es keine Garantie. Das Zurückhalten von
       Zuschriften solle bei den politischen Gefangenen den Eindruck erwecken, man
       hätte sie vergessen. „Das sagen einem die Mitarbeiter der Haftanstalten
       sogar so direkt: ‚Sie kriegen keine Briefe, also hat man Sie vergessen.‘“
       
       ## Briefe als Mittel der Solidarität
       
       Wegen dieses Problems empfiehlt Marco Fieber von der NGO Libereco, die sich
       für Menschenrechte in Belarus und der Ukraine engagiert, Fotos der Briefe
       an seine Organisation zu schicken, damit diese nach der Freilassung der
       Gefangenen gesammelt elektronisch an sie weitergeleitet werden können. Die
       Organisation informiert darüber, wie Zuschriften an belarussische
       politische Gefangene sowie an in Russland oder von Russland besetzte
       Gebiete verschleppte ukrainische Zivilisten gesendet werden können. Briefe
       seien ein Mittel, um Solidarität zu zeigen, so Fieber gegenüber der taz.
       
       „Generell rufen wir dazu auf, nicht nur die prominentesten Inhaftierten
       auszuwählen, weil sie sowieso schon viel Post bekommen“, sagt Fieber.
       Libereco stellt nicht nur Anleitungen auf der Homepage bereit, sondern
       organisiert auch regelmäßig Workshops. Dort können Menschen aus der
       belarussischen und ukrainischen Diaspora ebenso wie Menschen ohne
       Sprachkenntnisse Briefe verfassen – unterstützt durch maschinelle
       Übersetzung und Muttersprachler.
       
       Neben Organisationen sind es auch Privatpersonen wie Ira P. (der volle Name
       ist der Redaktion bekannt), die zum Briefeschreiben animieren. Die
       selbständige PR-Managerin für Kulturprojekte hat Russland nach Beginn der
       Großinvasion verlassen. Sie gelangte mit einem humanitären Visum nach
       Berlin und schreibt nun regelmäßig Briefe an politische Gefangene. Hin und
       wieder organisiert sie auch informelle kollektive Schreibworkshops mit.
       
       Während man auf keinen Fall über Politik oder das Strafverfahren des
       Häftlings schreiben dürfe, sei etwa ein kürzlich gesehener Film hingegen
       ein geeignetes Thema, sagt sie der taz. Sie selbst thematisiert oft ihre
       Reisen. Eine der Gefangenen habe ihr einmal in einem Antwortbrief
       geschrieben, sie sei im Leben noch nie so viel gereist wie durch ihre
       Briefe. Ira P. hofft zukünftig auf mehr Mitstreiter: „Ich würde mir
       wünschen, dass die Menschen eine neue Gewohnheit entwickeln – morgens beim
       Kaffee Briefe an politische Gefangene zu verfassen.“
       
       Anmerkung der Redaktion: Wir hatten ursprünglich von 1.387 politischen
       Gefangenen in russischen Gefängnissen geschrieben. Mit Stand vom 10.
       Februar sind es aber 1.307 politische Gefangene.
       
       10 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Politische-Gefangene-in-Russland/!6024072
 (DIR) [2] https://memopzk.org/en/
 (DIR) [3] https://prisoners.spring96.org/ru
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Yelizaveta Landenberger
       
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